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Die Rechten im TV: Die Vorstellung von einem Fenster

Als die NPD 2004 in Sachsen auf 9,2 Prozent kam, verfielen die Journalisten in Schockstarre, was den Rechten nutzte. Damit das nicht wieder vorkommt schulen ARD und ZDF nun ihre Mitarbeiter.

Puder für Holger Apfels Nase, vor dem Auftritt im MDR 2004. Dieses Jahr soll er keinen großen Auftritt mehr haben.
Puder für Holger Apfels Nase, vor dem Auftritt im MDR 2004. Dieses Jahr soll er keinen großen Auftritt mehr haben.
Foto: ddp

Das Interview, das Bettina Schausten am Wahlabend vor fünf Jahren mit Holger Apfel von der NPD zeigt, gehört mittlerweile zum Schulungsmaterial für Journalisten. Es zeigt, wie es nicht geht: Schausten kommt bei der ersten Frage stimmlich ins Stocken, Apfel nutzt die Gelegenheit für seine Parolen, die anderen Parteienvertreter verlassen das ZDF-Studio, Apfel redet weiter, Schausten versucht, Herrin über das Mikrofon zu werden, bricht dann aber den Auftritt ab.

Nicht besser lief es bei der ARD, wo MDR-Chefredakteur Wolfgang Kenntemich das Interview mit dem sächsischen NPD-Landeschef einer sonst nicht mit dem Thema befassten Reporterin überließ. Sie scheiterte, die anderen Politiker gingen, Kenntemich brach ab. Von einem Debakel war danach die Rede, die Sender versprachen, etwas zu unternehmen, damit sich das nicht wiederhole.

Am Sonntag wird in Sachsen erneut gewählt. Auf sechs bis sieben Prozent könnte die NPD kommen. In Thüringen glaubt man, dass sie es nicht in den Landtag schafft, doch das "Rechtspotenzial" liegt bei acht Prozent. Auch in Brandenburg ist denkbar, dass am 27. September Rechtsextreme die Fünf-Prozent-Hürde nehmen. In diesem Fall hat die NPD wie jede gewählte Partei das Recht, einen Vertreter ins Studio zu schicken, um über das Resultat zu sprechen.

ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender zog 2004 die Konsequenz und berief mit Jürgen Bollmann einen "Beauftragten" in Sachen Rechtsextremismus. Der stellvertretende Leiter von "Blickpunkt" beobachtet permanent die Entwicklungen bei den Rechten, koordiniert die Information der Landesstudios, organisiert Workshops und Diskussionen mit Juristen, Politologen, Verfassungsschützern und anderen Fachleuten. Wichtig sei, sagt er, sich nicht nur sporadisch mit dem Thema zu beschäftigen. Zu den Schulungen, die Teil des Programms der Medienakademie von ARD und ZDF sind, gehört das Live-Training, das am 31. Juli und 1. August in Berlin stattfand. Unter quasi echten Bedingungen, inklusive Studio und Kameramann, trainierten die vier demnächst von Landtagswahlen betroffenen ZDF-Studioleiterinnen mit dem Kölner Soziologen Jürgen Friedrichs und Alexander Kobylinski vom RBB, worauf es ankommt. Sie reflektierten anhand von Mitschnitten die Fehler von Kollegen, analysierten Verhaltensweisen und Gesprächstaktik rechtsextremer Parteienvertreter und übten sich in der Praxis.

Auch der RBB hat sein Schulungsangebot verstärkt und bietet regelmäßig Seminare an, oft in Zusammenarbeit mit Fachleuten, etwa des Brandenburgischen Instituts für Gemeinwesenberatung, zu dessen Angebot "Kommunikations- und Argumentationstrainings in der Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus" gehören. Das Wichtigste sei, bei den Rechten nicht durch unsouveränes Verhalten Märtyrer zu produzieren, sagt Programmchefin Claudia Nothelle: "Wir setzen darauf, dass sie sich selbst diskreditieren".

Doch wie lässt sich Souveränität wahren, wenn da einer steht, der die Gelegenheit nutzt, rechte Parolen abzusondern? Natalie Steger, Leiterin des sächsischen ZDF-Landesstudios, nahm am Live-Training teil und hat den Rat des Dozenten verinnerlicht, man solle sich in solchen Momenten ein Fenster hinter sich vorstellen, durch das die provokanten Sätze hinausfliegen. Also sich nicht provozieren lassen, keine Empörung demonstrieren, sich nicht auf Diskussionen einlassen, die in einer Live-Situation mit 1:30-Statements eh vertane Mühe sind.

Der Fehler von 2004 war, nicht darauf vorbereitet gewesen zu sein, dass die NPD 9,2 Prozent der Wählerstimmen erhalten würde. So entstand bei den Journalisten eine "Schockstarre". Das ließ sie unsouverän wirken, und nicht nur sie: Mit der Flucht aus dem Studio erwiesen auch die anderen Parteienvertreter den Rechten einen Bärendienst, denn der Zurückgelassene wirkte wie ein Märtyrer, einer, der in die Ecke gestellt wird.

Aus den Staatskanzleien, der Sächsischen ist zu hören, dieses Mal werden sie bleiben. Sie wissen: Erst durch die Flucht aus dem Studio entstand 2004 jenes TV-Spektakel, bei dem sich die NPD in der Rolle des Opfers einer staatlichen wie medialen "Hetzkampagne" gefallen durfte.

Wie alle Dozenten und Geschulten feststellen, geht es letztlich nicht darum, gegenüber Rechten andere Verhaltensregeln einzuführen als sie das journalistische Handwerk für jede andere Situation vorsieht. Es geht schlicht um Können, Vertrauen in bewährte Interviewtechniken und Sachwissen.

Autor:  Ulrike Simon
Datum:  25 | 8 | 2009
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