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Die taz und die Mär: Codename "Infektion"

Spätestens seit 1990 weiß die Welt, dass das Gerücht, der Pentagon habe die Aids-Epidemie in den 80ern verschuldet, eine Mär ist. Die taz aber schwieg all die Jahre. Dabei war es diese Zeitung, die die Geschichte unters Volk brachte. Von Andreas Förster

In den 80ern ging das Gerücht um, der Pentagon habe die Epidemie nach Afrika gebracht.
In den 80ern ging das Gerücht um, der Pentagon habe die Epidemie nach Afrika gebracht.
Foto: rtr

Die Welt hingegen weiß es spätestens seit 1990. Der KGB-Überläufer Oleg Gordievsky hatte damals in einem Buch erstmals über die Desinformationsoperation des sowjetischen Geheimdienstes berichtet, mit der die Schuld an der in den Achtzigerjahren ausgebrochenen Aids-Epidemie dem Pentagon in die Schuhe geschoben werden sollte.

Zwei Jahre später, 1992, enthüllten zwei Stasi-Offiziere der für Desinformation zuständigen Abteilung X der Auslandsspionageeinheit HVA in der FAZ, dass auch Mielkes Geheimdienst unter den Codenamen "Infektion" und "Vorwärts II" kräftig daran mitzuwirken versuchte, die krude Aids-Pentagon-Story in die Welt hinauszutragen. Später wurde das durch KGB-Dokumente untermauert. Und der Spiegel wusste 2002 zu berichten, dass sich Gorbatschow bereits im August 1987 schriftlich bei US-Diplomaten für die Kampagne seines Geheimdienstes entschuldigt hatte. Gleichzeitig stoppte er alle entsprechenden Aktivitäten des KGB.

Die taz aber schwieg all die Jahre hindurch. Dabei war es ausgerechnet diese Zeitung, die 1987 mit dem Segal-Interview die KGB-Mär zumindest in der Bundesrepublik unters Volk gebracht hatte.

Der in Ost-Berlin lebende emeritierte Professor Jakob Segal hatte damals behauptet, der HI-Virus sei sehr wahrscheinlich in einem Forschungslabor in Fort Detrick (US-Bundesstaat Maryland) entwickelt und bei einem Unfall außer Kontrolle geraten. Fort Detrick war bis 1973 das zentrale Laboratorium des Pentagons für die Entwicklung biologischer Waffen.

In der DDR konnte Segal - so kam es nach der Wende heraus - diese Story nicht verbreiten. Die SED-Führung hatte ihm aus Sorge um die Beziehungen zu den USA ein Veröffentlichungs- und Forschungsverbot erteilt. Das Interview mit Segal hatte der Ost-Berliner Schriftsteller Stefan Heym geführt. Heym und Segal waren seit Jahrzehnten eng befreundet. Segal wurde offenbar vom KGB benutzt oder instrumentalisiert, indem man ihn mit vermeintlichen Fakten zur Aids-Story fütterte. Das geht auch aus KGB-Dokumenten hervor, die ein weiterer Überläufer 1999 in einem Buch veröffentlichte.

Heyms Ruf als Dissident und aufrechter Publizist trug offenbar dazu bei, dass die taz das Interview veröffentlichte, ohne seine gewagten Thesen zuvor auf Plausibilität zu prüfen. Besorgt hatte den Text der damalige taz-Feuilletonredakteur Arno Widmann, wie Heym ein Wissenschafts-Laie. Widmann ist heute Feuilletonchef der FR.

In der taz begründete er nun sein damaliges Handeln damit, dass Heym, den er 1987 in Berlin-Grünau besuchte, ihn vor die Wahl gestellt habe: Er könne das Manuskript mitnehmen und ohne weitere Prüfung drucken oder es abzulehnen. Er habe entschieden, es sei "besser, einen Heym im Original im Blatt zu haben als keinen Heym", so Widmann im Rückblick. Außerdem sei es Aufgabe einer Zeitung, Debatten zu organisieren. Und dazu gehöre auch, interessante Thesen öffentlich zu machen, sagte Widmann.

Unklar bleibt in dem taz-Artikel, ob das Interview von 1987 Ergebnis einer Stasi-Operation war oder nicht. Die Zeitung schreibt lediglich, es habe in die Strategie der HVA gepasst, die KGB-Mär zu verbreiten. Dokumente, die auf eine direkte Verwicklung des MfS in das Zustandekommen des taz-Interviews und auf Stasi-Kontakte von Segal und Heym hinweisen, sind bislang nicht aufgetaucht.

Autor:  Andreas Förster
Datum:  10 | 1 | 2010
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