In Großbritannien kann manchmal nicht mal der iPod mithalten. So verkündete ein Londoner Kaufhaus im Dezember, dass es pro Minute mehr Digitalradio-Empfänger verkauft habe als trendige Musikplayer. Insgesamt besitzen heute etwa sieben Millionen Briten ein Gerät, das digitales Radio abspielt. Zum Vergleich: In Deutschland sind es lächerliche 500 000 - und das bei 20 Millionen Einwohnern mehr.
"Digitalradio hat so, wie es jetzt läuft, in Deutschland keine Zukunft", sagt Herbert Tillmann, Technischer Direktor des Bayerischen Rundfunks. Thomas Langheinrich, Vorsitzender der Direktorenkonferenz der Landesmedienanstalten und somit zuständig für die Privatradios, sieht das ähnlich: "Am Markt war es hierzulande überhaupt kein Erfolg." Dass digitaler Hörfunk in den vergangenen Jahren müde vor sich hin schlappte und die Deutschen lieber weiter UKW hörten, hat verschiedene Ursachen.
Schon als der neue Übertragungsstandard Digital Audio Broadcasting (DAB) Ende der 90er eingeführt wurde, gab es Probleme. Eigentlich sollte DAB über kurz oder lang UKW ablösen, nicht zuletzt weil es größere Programmvielfalt und höhere Klangqualität ermöglicht. Beide Hoffnungen aber wurden enttäuscht. Da der DAB-Kanal eine benachbarte militärisch genutzte Frequenz nicht stören sollte, durften die Sender vielerorts nur schwache Signale übertragen. Die Folge: In geschlossenen Räumen konnte man Digitalradio oft gar nicht empfangen. Außerdem standen zunächst nur wenige Bandbreiten zur Verfügung - und machten das Versprechen von der Programmvielfalt hinfällig.
Zudem bedingte die föderale Struktur des Rundfunks, dass sich die Bundesländer unterschiedlich stark für DAB engagierten. Eine DAB-Werbeoffensive wie in Großbritannien hat es daher nie gegeben. "Wir waren einfach nicht sicher, ob das unter diesen eingeschränkten Rahmenbedingungen überhaupt sinnvoll wäre", erklärt Herbert Tillmann vom BR. Dass die Hörer nicht auf den DAB-Zug aufsprangen, war somit kein Wunder.
Jetzt aber stehen die deutschen Hörfunkanbieter, privat wie öffentlich-rechtlich, unter Druck. Das alte DAB-Projekt ist gescheitert, doch die EU gibt in Sachen Digitalradio einen strengen Marschplan vor. Schon 2015 sollen die UKW-Sender abgeschaltet werden. "Da haben wir nicht mehr viel Zeit", sagt Thomas Melzer von der Initiative Marketing Digital Radio, die die Interessen der Programmanbieter, Sendernetzbetreiber und Gerätehersteller bündelt.
Für den notwendigen digitalen Relaunch setzen jetzt alle Beteiligten auf die Zauberworte DAB+ und Digital Multimedia Broadcasting (DMB). Diese Systeme bauen auf DAB auf und können im selben Kanal übertragen werden. Ein neu entwickelter Chip fürs Radiogerät kann alle drei Signale empfangen und entschlüsseln. Im Gegensatz zu DAB aber bieten die neuen Systeme mehr Möglichkeiten. So kann DAB+ mit weniger Bits dieselben Informationen übertragen, es passen also mehr Kanäle in eine Bandbreite - Stichwort: Programmvielfalt - und DMB liefert neben Audiodaten auch Bilder.
Mehrwert für die Hörer?
Außerdem stehen den deutschen Radioanbietern in Zukunft mehr Frequenzen zur Verfügung; fast alle ohne Beschränkung durch die Militärs. Wirklich nutzen aber können die Sender diese erst ab 2009. Derzeit ermitteln die Bundesländer erstmal die Anzahl der interessierten Programmanbieter und damit ihren Bedarf an Frequenzen. Anschließend müssen vielerorts noch geeignete Sendernetzbetreiber gefunden werden. "Unser Vorteil aber ist", erläutert Herbert Tillmann, "dass wir nicht die gesamte Infrastruktur aufbauen müssen; in vielen Ländern gibt es ja schon DAB-Sender. Wir müssen das Vorhandene nur erweitern."
Bis der Relaunch des digitalen Radios wirklich kommt, wird es allerdings noch etwas dauern. Experten fassen die Jahreswende 2009/2010 ins Auge. "Diesmal aber muss es eine Werbeoffensive geben", fordert Herbert Tillmann. "Außerdem müssen sich alle Programmanbieter auf das gleiche Vorgehen einigen. Es darf nicht nochmal passieren, dass der Norden etwas anderes macht als der Süden." Aus der Sicht der Landesmedienanstalten stellt sich das übrigens genauso dar, wie Thomas Langheinrich unterstreicht: "Die alte DAB-Diskussion war zu sehr von Technik geprägt. Wir müssen vielmehr den Mehrwert für den Hörer betonen." Um herauszufinden, was der Hörer wirklich will, geht die Stuttgarter Landesmedienanstalt schon mal mit gutem Beispiel voran. Gemeinsam mit dem Südwestrundfunk hat sie soeben eine Studie gestartet. Diese untersucht die Wünsche der Kunden.
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