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Digitalsender der ARD: Ungenutztes Potenzial

Die ARD muss sich entscheiden, was sie mit ihren Digitalsendern anstellen will: Es ist für sie lebenswichtig, ein Angebot zu schaffen, das wirklich "an die Lebenswelt junger Menschen anknüpt". Von Peer Schader

ARD Digital umfasst 18 Fernsehprogramme und sämtliche Radioprogramme der Landesrunfunkanstalten sowie umfangreiche interaktive Dienste.
ARD Digital umfasst 18 Fernsehprogramme und sämtliche Radioprogramme der Landesrunfunkanstalten sowie umfangreiche interaktive Dienste.
Foto: ARD

Schauen Sie bitte mal ganz tief in Ihren Fernseher hinein. Ja genau, in die hinterste Ecke. Da verbirgt sich etwas, das Sie wahrscheinlich noch nie gesehen haben: eine ARD, die experimentierfreudig ist, modern, die keine Angst vor Ironie hat und Programm für ein junges Publikum macht.

Glauben Sie nicht? Dann wird es aber höchste Zeit, auf digitalen Fernsehempfang umzustellen. Der ist nämlich Bedingung, um die beiden ARD-Kanäle Eins Festival und Eins Plus sehen zu können. Eigentlich gibt es die Programme bereits seit über zwölf Jahren, aber erst seit einigen Monaten nutzt die ARD deren Potenzial wirklich aus, weil die Zahl der Digitalhaushalte in Deutschland stetig steigt.

Die Digitalsender der ARD

Die ARD betreibt neben dem Ersten Programm die Digitalsender Eins Plus, Eins Festival und Eins Extra.

Der Sender Eins Plus versteht sich als Service- und Wissenskanal für alle Lebensbereiche.

Eins Festival ist der Sender für unterhaltende Formate: Serien, Magazine, Kabarett

Eins Extra ist der digitale Nachrichten- und Ereigniskanal der ARD mit Reportagen und Dokumentationen.

Beim Ratgeber- und Wissenssender Eins Plus läuft das junge Servicemagazin "in.puncto", das auf Gartentipps und Rheumavorbeugung verzichtet und sich lieber dem Surfen widmet. Für "Es geht um mein Leben" ist Comedian Pierre M. Krause - natürlich unter Aufsicht - alkoholisiert Auto gefahren, um die Auswirkungen zu testen, hat die großen Weltreligionen an einem Tag ausprobiert und sein eigenes Deo erfunden, um zu verstehen, wie Werbung funktioniert.

Die Kölner Waschsalon-Comedy "Nightwash" hat bei Eins Festival ein neues Zuhause gefunden, im Sommer wird der zehnte Geburtstag mit großen Liveshows gefeiert. Dazu experimentiert der Sender mit dem Magazin "Einsweiter", das täglich zur "Tagesschau"-Zeit läuft und sich mit Kulturthemen beschäftigt. Im Rundfunkstaatsvertrag steht, Eins Festival solle "einen wichtigen Beitrag dazu [leisten], bei jüngeren Menschen mehr Aufmerksamkeit für öffentlich-rechtliche Programmangebote zu erreichen", mit einem "Fernsehangebot, das an die Lebenswelt junger Menschen anknüpft".

In ihrem Hauptprogramm hat die ARD das fast völlig aufgegeben - wenn man die Daily Soaps am Vorabend und Ausnahmen wie "Unser Star für Oslo" nicht mitzählt. Die Digitalsender sind quasi die Zukunftsabsicherung des Senderverbunds, weil dort ausprobiert werden kann, ohne dass ständig auf die Marktanteile geschielt wird, wie es längst auch bei vielen Dritten üblich ist.

Noch sind die Digitalkanäle für die meisten Zuschauer aber bloß Abspielplattform für die sowieso schon produzierten Programme der neun Landessender, von denen Magazine, Serienklassiker und Dokus übernommen werden. "Sicher schöpfen wir noch den überwiegenden Teil unserer Sendeminuten aus dem Programmvermögen der ARD.

Durch Eigenproduktionen, aber auch durch die Programmierung soll Eins Plus jedoch als Sender mit eigenen Akzenten wahrgenommen werden", sagt Eins-Plus-Redaktionsleiter Jürgen Ebenau. In diesem Jahr sind etwa die Eigenproduktionen am Dienstagabend zusammengefasst worden - "damit sie dort besser zu finden sind, ganz bewusst in der ersten Wochenhälfte, wenn jüngere Zuschauer am ehesten zu Hause sind", so Ebenau.

Rekordquoten lassen sich damit allerdings nicht erzielen. So wie Eins Festival kommt Eins Plus gerade Mal auf 0,3 Prozent Marktanteil im Digitalen. Wichtiger als das ist den Machern derzeit aber sowieso das Alter derer, die einschalten. Bei Eins Festival sind die Zuschauer im Schnitt 50 Jahre alt - gut zehn Jahre jünger als bei vielen Dritten.

Anders als das ZDF, das für den Start seines Spartenkanals ZDFneo im vergangenen Herbst ganze Städte mit Plakaten zupflasterte, hat es die ARD bisher allerdings verschlafen, in der Öffentlichkeit für ihre Alternativprogramme zu werben. Das liegt zum einen am Geld: Während das ZDF - verteilt über die gesamte Gebührenperiode - gut 93 Millionen in ZDFneo investiert, müssen sich die ARD-Digitalkonkurrenten mit Jahresetats von 2,5 und 3,5 Millionen abfinden.

Zum anderen ist das föderale Wirrwarr der ARD schuld daran, dass bisher nicht mehr passiert. Weil die Programme an die großen Landessender WDR (Eins Festival) und SWR (Eins Plus) angedockt sind, werden sie von anderen ARD-Anstalten oft noch nicht als Gemeinschaftseinrichtung wahrgenommen - auch wenn sich das langsam ändert, wie Eins-Plus-Leiter Ebenau sagt: "Die Sender nehmen schon wahr, dass bei Eins Plus experimentiert wird - und dass sie darauf Zugriff haben."

Es gebe zunehmend Anfragen von Kollegen, die interessiert seien, Beiträge aus den für Eins Plus produzierten Sendungen zu übernehmen. Beim WDR sagt Einfestival-Leiter Spitra: "Die Landesrundfunkanstalten merken, dass es ein Potenzial gibt, das sie nutzen können - und keine Konkurrenz."

Die zaghafte Annäherung dürfte in den kommenden Monaten jedoch auf eine harte Probe gestellt werden - denn sowohl WDR als auch SWR wünschen sich eine stärkere finanzielle Beteiligung der anderen ARD-Sender an den Digitalprogrammen. "Ich bin sehr dafür, mehr aus dem Sender zu machen, aber dafür brauchen wir mehr Geld beziehungsweise noch mehr Kooperation innerhalb der ARD", sagt Spitra.

Das Problem ist, dass viele kleinere Landesrundfunkanstalten schon jetzt um ihre Budgets bangen, weil die Gebühreneinnahmen für sie zurückgehen. Unter diesen Voraussetzungen ist schwer zu vermitteln, dass stärker in neue Kanäle investiert werden soll, die nicht einmal im eigenen Haus angesiedelt sind. Viele Landessender werden versuchen, zunächst einmal den Status Quo zu erhalten. "Dabei wird mit Sicherheit die Frage auf den Tisch kommen: Wie viele Kanäle braucht die ARD?", sagt Spitra und bezieht ungewöhnlich deutlich Stellung: "Entweder schaffen wir es, Eins Festival auszubauen - oder wir müssen es bleiben lassen."

Stärken kombinieren

Letzteres wäre angesichts der Möglichkeiten, die die neuen Sender bieten, keine gute Entscheidung. Auch wenn es schwer zu verstehen ist, warum die ARD erst neue Sender braucht, um mutige Programmentscheidungen zu treffen. Die Frage, warum es dafür mehrere Kanäle braucht, ist aber auch ohne Gebührendebatte berechtigt: Denn für die Zuschauer wäre ein Sender, der die Stärken von Eins Festival mit denen von Eins Plus kombiniert, deutlich vorteilhafter als zwei Programme, bei denen man zwischen den Wiederholungen die Eigenproduktionen suchen muss.

Damit hätte auch die indirekte Konkurrenz zwischen WDR und SWR ein Ende. Die Übertragung vom Musikfestival "Rock am Ring" etwa lief vor kurzem nicht bei Eins Festival - sondern, weil der SWR Kooperationspartner ist, beim Servicesender Eins Plus.

Medienpolitisch allerdings ist eine solche Zusammenführung nicht gewollt, zumal dann der VPRT, die Interessenvertretung der Privatsender, wieder aufheulen würde, weil dort die Angst vor einem zusätzlichen "Vollprogramm" der öffentlich-rechtlichen Sender groß ist. In welcher Form auch immer: Für die ARD ist es lebenswichtig, ein Angebot zu schaffen, das - wie es der Staatsvertrag will - tatsächlich "an die Lebenswelt junger Menschen anknüpft". Und zwar nicht nur einmal im Jahr, wenn Lena Meyer-Landrut beim Eurovision Song Contest gewinnt.

Autor:  Peer Schader
Datum:  22 | 6 | 2010
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