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Medien

19. März 2015

Diskussion über Stinkefinger-Fälschung: Was erlaube Böhmermann?!

 Von 
Jan Böhmermann sagt, er habe es wieder getan.  Foto: Imago

Über Jan Böhmermanns Medien-Satire ist eine Debatte entbrannt: Hat er mit seiner Behauptung, das Varoufakis-Video gefälscht zu haben, Günther Jauch vorgeführt? Den deutschen Volkszorn aufgespießt? Oder der Glaubwürdigkeit seriöser Medien geschadet?

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In der Nacht zum Donnerstag bekamen die Redakteure der meistgesehenen Polit-Talkshow Deutschlands, „Günther Jauch“, sicher hektische Flecken im Gesicht. Eben waren sie vielleicht noch stolz darauf, mit einem Internet-Fundstück zuerst den griechischen Finanzminister Giannis Varoufakis in die Bredouille gebracht  und dann eine tagelange Mediendebatte ausgelöst zu haben: Hatte  Varoufakis den Deutschen wirklich den Stinkefinger gezeigt? Das von Jauchs Redaktion aufgestöberte Internet-Video  zeigt es deutlich, aber der Minister hatte es in der Sendung  bestritten: „Das Video ist bearbeitet!“

Der Volkszorn kochte. Die Bild-Zeitung und die Jauch-Redaktion ließen Internetexperten die Echtheit des Videos bestätigen. Bild nannte Varoufakis einen Lügner. 

Doch nun grinste das diabolische Gesicht eines blassen, dünnen, jungen TV-Moderators von den Bildschirmen: Jan Böhmermann, ZDF-Spätprogramm. Er habe sie reingelegt, behauptete er mit hochgezogenen Brauen, und mit ihnen die gesamte deutsche Presselandschaft.  Hatte er? Wirklich? War das schon wieder so ein Moment?

Als im russischen Sotschi 2014 die Olympischen Winterspiele begannen, filmte die US-Rodlerin Kate Hansen einen echten Wolf, der durch den Flur ihres halbfertigen Hotels schlich. Als sie das Handy-Video im Netz veröffentlichte, löste es heftige Reaktionen bei den amerikanischen Fernsehsendern aus.

Als der Weltfußballverband Fifa 2000 entschieden hatte, die WM in  Deutschland auszutragen, zitterte das Land wenig später: Unbekannte hatten den Fifa-Entscheidern per Fax „einen Präsentkorb mit echtem Schwarzwälder Schinken und eine Kuckucksuhr“ angeboten, wenn sie für Deutschland stimmen. Drohte die Aberkennung der WM 2006?

Auch als der „Erste Türkische Karnevalsverein Deutschlands e.V.“ vor fünf Jahren auf einer Pressekonferenz in Köln seine Gründung bekanntgab, waren die Medien aufgekratzt. Die Sprecherin des Festkomitees Kölner Karneval lobte diesen „weiteren Schritt zur Integration“. Wie die Türken-Jecken „sittlicheres Schunkeln“ durchsetzen wollen würden, würde sich sicher klären.

Heute ist man klüger. All diese Medien-Aufreger erwiesen sich wenige Tage oder gar Stunden später als Unsinn. Aber als Unsinn, der mit den Vorurteilen von Medien und Publikum spielte. Der Olympia-Wolf war ein Scherz des TV-Komikers Jimmy Kimmel, der den überheblichen US-Blick auf Russland überspitzte. Der Bestechungsschinken kam von der deutschen Satirezeitschrift Titanic, die so illustrierte, für wie korrupt man die Fifa hält. Und der Fernseh-Spaßvogel, der sich das deutsche Fremdeln mit dem muslimischen Mitmenschen zunutze machte, hieß: Jan Böhmermann.

Wessen Mittelfinger ist es denn nun?  Foto: dpa

Und jetzt erklärte eben dieser Böhmermann via YouTube-Video, er habe es wieder getan.  Spiel’s noch einmal, nun mit der deutschen Griechenland-Erregung im Visier: Er habe den zwei Jahre alten Videomitschnitt von einer Konferenz-Rede des damaligen Professors und heutigen Finanzministers besorgt, den Mittelfinger eines Schauspielers gefilmt und digital in den stinkefingerlosen Film montieren lassen – und das Ganze in Netz gestellt, wo Jauch ihn gefunden habe und prompt nutzte, um Varoufakis vorzuführen. Vor 5,2 Millionen Zuschauern.

Wo für die Deutschen der Spaß aufhört

„Es trifft halt wirklich einen Nerv“, frotzelte Böhmermann in einem knapp zehnminütigen Vorab-Ausschnitt aus seiner ZDF-Sendung „Neo Magazin“ vom Donnerstag. „So sind wir Deutschen halt. In einem Jahrhundert zwei Mal Europa verwüstet, aber wenn man uns den Stinkefinger zeigt, dann flippen wir aus. Dann kennen wir keine sachliche Diskussion mehr.“

Damit liefert Böhmermann, der in seiner Show dunkle Antrüge trägt und in dem Videoclip Jeans und T-Shirt, ein klares Motiv. Den wahren Kern seiner satirischen Aktion. Denn obwohl der gebürtige Bremer und heutige Wahl-Kölner in den letzten Jahren gern mal als TV-Clown bezeichnet wurde und vor seinem Grimme-Preis für seine ZDF-Show auch schon Schabernack im Radio und bei RTL betrieb: Begonnen hat er  als Journalist. Und die meisten seiner Beiträge sind zwar Satire, aber er will noch mehr: Er will auf etwas hinaus.

 So schlug Böhmermann  Wellen, als er Rocksänger Campino für dessen Charity-Chor für Afrika rügte: „Do they know it’s Scheiße?“ Zuvor landete er, damals noch im Ensemble der Harald-Schmidt-Show, bereits als eingebildeter Schweinegrippen-Kranker in den TV-Nachrichten.

 Doch dieses Mal ging Böhmermann noch doppelbödiger vor. Halb süffisant, halb ernst erklärte er, wie sein Team das Varoufakis-Video gefälscht habe  – und zeigt auch das angebliche Originalvideo. Varoufakis gestikuliert, ohne jeden erhobenen Finger. Man sieht beide Versionen nebeneinander, Böhmermann fragt: „Welches ist das Original?“ Man kann es nicht sagen. Die Verwirrung ist perfekt.

Nicht Jauchs erste Fälschungs-Affäre

Sie hält bis zum Donnerstagmittag an. Und als das ZDF sich schließlich erbarmt und im Kurznachrichtendienst Twitter öffentlich erwägt, Böhmermanns „Neo Magazin Royale“ künftig mit dem „Warnhinweis ‚Vorsicht Satire!‘“ zu versehen, läuft längst eine heftige Debatte mit diversen Kriegsschauplätzen und Opfern.

Viele Internet-User glauben Böhmermann seine aufwendig inszenierte Fälschungsgeschichte – die also in Wahrheit entstand, als sein Team den Stinkefinger aus dem Varoufakis-Video entfernte –, darunter manch professioneller Medien-Beobachter. Gerade nach den Erfahrungen mit dem Sotschi-Wolf, dem Titanic-Fax und der Schunkel-Scharia glauben sie allzu gern, dass das erste deutsche Fernsehen in die Falle getappt ist.

Böhmermann selbst erhebt in seinem Satire-Beitrag den Vorwurf, das Team von Günther Jauch habe die Echtheit des Stinkefinger-Videos zu wenig geprüft. Und war nicht sogar Jauch persönlich als Chefredakteur des Fernsehmagazins „Stern TV“ schon in den 90er-Jahren auf den Fälscher Michael Born hereingefallen, der ihm wahnwitzig erfundene Filmchen über krötenleckende Junkies und deutsche Ku-Klux-Klan-Partys andrehte?  Kein Wunder, dass die Jauch-Redaktion am Donnerstagmorgen scharf zurückschießt und vom ZDF-Satiriker Beweise verlangt. Die Luft knisterte, und man fragte sich, wie sich die Affäre wohl aufs Binnenverhältnis von ARD und ZDF auswirken wird.

Varoufakis: Die Deutschen verdienen ihre Medien

Das Aufatmen ist entsprechend groß, als das ZDF Entwarnung gibt und Böhmermann die Eilmeldung twittert, „Das NeoMagazin ist eine Satiresendung! Wer hätte das gedacht?“ Die Reaktionen fallen trotzdem weit auseinander – und sprechen Bände. Im Springer-Verlag ist man angefressen, Bild-Chef Kai Diekmann nennt Böhmermann einen ebensolchen Lügner wie Varoufakis.

Parallel läuft die Debatte über die Debatte: Hat Böhmermann nun enttarnt, dass das öffentlich-rechtliche Fernsehen seine Glaubwürdigkeit längst verspielt habe, wie Journalist und Blogger Stefan Niggemeier behauptet? Sonst hätte er ja wohl nicht einmal selbst dem Satiriker mehr geglaubt! Ohnehin habe Jauch das Video – mit Finger oder ohne – gezielt aus dem Zusammenhang gerissen: Varoufakis habe nie „den Deutschen“ den Finger gezeigt, sondern darüber gesprochen, dass für Griechenland eine Staatspleite im Jahr 2010 die beste Lösung gewesen wäre. Dann hätten Deutschland und die EU das Problem lösen müssen.

In diese Kerbe schlägt sogar Varoufakis selbst: „Die Deutschen haben die Medien, die sie verdienen“, kommentiert er die vorerst letzte Wendung in der Mittelfinger-Affäre. Freilich hatte der Minister selbst an den vorherigen Pirouetten aktiv mitgewirkt: Sein heftiges Dementi, den Finger überhaupt erhoben zu haben, brachte Böhmermann schließlich erst auf die Idee und in die Lage, eine Fälschung vorzutäuschen – oder, wie es im Netz längst heißt: einen Fake zu faken.

Und als dann selbst seriöse Medien kurz dachten, der Stinkefinger sei falsch, fragte Varoufakis persönlich auf Twitter, ob Jauch sich nun nicht entschuldigen wolle. Das spricht dafür, dass der Minister sich schlicht nicht erinnert, wo sein Mittelster in der Sekunde war, als er 2013 sagte, man hätte Deutschland „den Finger zeigen sollen“.  Auch das zeigt Böhmermann clever: Der Inhalt des Satzes regt keinen auf – nur die Geste.

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Die Gegenseite in der Meta-Debatte fürchtet derweil, dass künftig jedem ernst gemeinten TV- und Medienbeitrag unterstellt werden könne, einer Fälschung aufgesessen zu sein. Wurde in Rostock-Lichtenhagen wirklich der Hitlergruß gezeigt – oder wurde das montiert? Beweise das mal einer! Nicht erst dank dem Kreml-Fernsehen „Russia Today“ ist bekannt: Propaganda arbeitet gern mit gezielt aufgebauten Widersprüchen. Bis am Ende keiner mehr eine Wahrheit erkennen kann.

Jan Böhmermann selbst nimmt kokett Bezug darauf, als er am Donnerstag sein Bekennervideo veröffentlicht. Er steht vor einer Bildmontage, die ihn in verfälschter Lichtenhagen-Pose zeigt: mit Mittelfinger statt Hitlergruß. „Niemals“, sagt er voller ätzender Ironie, „würden wir die notwendige journalistische Debatte über einen zwei Jahre alten, aus dem Zusammenhang gerissenen Stinkefinger und all diejenigen, die diese Debatte ernsthaft öffentlich führen, derart skrupellos der Lächerlichkeit preisgeben.“ Damit ist auch geklärt, was der Satiriker anprangern wollte.

Jeder mag selbst entscheiden, wie gut ihm das gelungen ist.

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