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Medien

26. April 2010

Dominik Grafs Krimiserie: Gewalt und Zärtlichkeit

 Von André Mielke
Eine Szene mit Marie Bäumer und Misel Maticevic.Foto: ARD/Julia von Vietinghoff

Nackte Nutten und ein koksender Kampfhund: Ein Sittengemälde von seltener Qualität im deutschen Fernsehen ist die fulminante Krimiserie "Im Angesicht des Verbrechens". Von André Mielke

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Ihre große Bildschirmzeit schien längst vorbei zu sein; die war wohl in den Neunzigern, als Krimi-Drehbücher den größten anzunehmenden Unhold reflexartig kyrillisch buchstabierten. Doch nun ist die Russenmafia auf einmal wieder da, als Hauptdarstellerin einer ganzen Serie. Glücklicherweise wird hier nicht einfach wieder der böse Aljoscha vom Dienst aus dem Gruselkabinett geholt und in den Dienst eines hanebüchenen Plots gestellt. Regisseur Dominik Graf und seinem langjährigen kongenialen Stamm-Autor Rolf Basedow ist mit "Im Angesicht des Verbrechens" ein Unter- und Halbwelt-Sittengemälde gelungen, wie es so schillernd und vielschichtig im deutschen Fernsehen noch nicht zu sehen war, nein, auch nicht bei Dieter Wedel in dessen besseren Zeiten.

Dabei handelt es sich nicht einmal um eine Genre-Revolution, im Kern ist das hier schon ungefähr die Konstellation, wie man sie aus amerikanischen Einwanderer-Epen kennt: Da ist auf der einen Seite Marek (Max Riemelt), Abkömmling einer russisch-jüdischen Familie, der einst in Berlin Polizist wurde, um irgendwann mal den Mafia-Mord an seinem großen Bruder aufklären zu können. Zusammen mit Partner Sven (Ronald Zehrfeld) entwickelt er so viel Ehrgeiz, dass das Landeskriminalamt das Duo auf die Jagd nach größeren Fischen mitnimmt.

Unter denen befinden sich allerdings auch Angehörige von Marek: Denn seine Schwester Stella (Marie Bäumer) ist mit dem russischen Schattenwirtschaftsexperten Mischa (Misel Maticevic) verheiratet, der die wildesten Jahre hinter sich hat und seinen Reichtum nun diskret mit einer Mixtur aus Erlebnisgastronomie, Immobiliendeals und illegalem Zigarettenhandel vermehrt. Indes bekommt der Pate es mit jungen, gierigen Drogen- und Mädchenhändlern zu tun. Das "rohe Fleisch" der Neueinsteiger rebelliert gegen die saturierten Bisnessmeni. Ein Bandenkrieg droht, während Marek aufpassen muss, dass die Blutsbande ihn nicht an der Pflichterfüllung hindern.

Aus solch einem Szenario hätte leicht auch eine gesichtslose Räuberpistole werden können, aber die Geschichte passt an ihren Schauplatz. Das ist Berlin, der Berliner Westen, die Gegend zwischen Kant- und Bismarckstraße bis hinunter nach Halensee, einst "Charlottengrad" genannt, weil dorthin in den 1920er-Jahren die halbe russische Intelligenzija vor Lenins Revolution geflohen war. Es ist bis heute ein besonderer Ort - gerade für jene Einwanderer, die nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion kamen: Hier lebt ein Großteil der rund 20 000 russischstämmigen Berliner, und hier spielt eben auch "Im Angesicht des Verbrechens".

Mehr Stilwille als Sendungsbewusstsein

Was diese Serie, die im Grunde ein in sich geschlossener, gut acht Stunden langer Spielfilm ist, so besonders macht, sind nicht so sehr raffinierte Wendungen und spektakuläre Action. Es sind die dichte Atmosphäre und ein unbedingter Wille zur Authentizität, der die Bereitschaft zur Abschweifung und Poesie einschließt. Es ist der unberechenbare Rhythmus der Inszenierung, die sich immer wieder von der Thriller-Dramaturgie löst, mal für das liebevolle Porträt einer Randfigur, mal für eine balladesk ausgebreitete Zugreise in den Osten Europas - um dann aber plötzlich wieder zuzupacken und den Konventionen des Mafia-Reißers zu folgen. Es sind die bis in die kleinsten Rollen großartig besetzten Darsteller. Es sind die hemmungslos um sich berlinernden Polizisten und die derart im heimatlichen Idiom plaudernden Immigranten, als wäre das eine Neuauflage der DDR-Schulsendung "Für Freunde der russischen Sprache". Es ist vor allem der Lebenshunger ihrer Figuren, der das Gespann Graf/Basedow offensichtlich besonders fasziniert: die Riten, die Feiern, mit viel heiligem Ernst, aber auch der Tanz auf den Tischen, versetzt mit Wodka, Sex und Drogen, zelebriert als orgiastisches Nebeneinander von Gewalt und Zärtlichkeit.

Dominik Grafs Stilwille war schon immer stärker als sein Sendungsbewusstsein. Er ist ein Filmästhet und kein Missionar. Und so leistet er sich einige fulminante surreale Spielereien, die so manchen Anhänger des MDR-"Polizeirufs" ratlos zurücklassen dürften: Da gibt es nackte Nutten beim Tontaubenschießen oder zwei Polizisten, die sich auf dem Balkon vor einem koksenden Kampfhund verstecken. Nach einer mörderischen Jagd durch den weißrussischen Wald überhöht der Film - bis hart an die Kitschgrenze - ein ukrainisches Dorf zum romantischen Sehnsuchtsort. Analog erscheint die Verbindung zwischen der Zwangsprostituierten Jelena (Alina Levshin) und dem integeren Polizisten Marek im Berliner Sumpf als Insel der Reinheit und Hoffnung.

Zum opulenten Gemälde gehört aber auch, dass diese Geschichte jedem eine Art von Menschlichkeit lässt: Da leidet ein feister Hurenbock unter der eigenen Erbärmlichkeit, während ein verliebter Mobster rührend auf Anstandsregeln im Umgang mit seiner Angebeteten pocht. Der korrupte Polizist vergöttert seinen Sohn, der brutale Mafioso seinen Hund, und der Pate lässt für die Gattin vom Hubschrauber Rosenblüten regnen. Für große Gefühle findet der Film großartige, im Grunde leinwandfüllende Bilder (Kamera: Michael Wiesweg), und manchem Zuschauer dürfte bei der Gelegenheit klar werden, wozu so ein gigantischer Flachbildfernseher gut sein kann.

Kompromisslose Großtat

Das Fernsehen - insbesondere die federführende ARD - demonstriert hier eindrucksvoll, zu welchen innovativen Leistungen es in der Lage ist. Ob es seinem inneren Gleichmaß damit einen Gefallen tut, ist eine andere Frage. Schließlich erscheint neben einer solchen Großtat das alltägliche Krimi-Graubrot von "Küstenwache" bis "Soko Wismar" noch fader, und auch einige "Tatort"-Folgen bekommen dagegen ein ernsthaftes Legitimationsproblem.

Andererseits sind gerade diese Formate beim Publikum so erfolgreich, wie man es angesichts der kompromisslosen Machart für "Im Angesicht des Verbrechens" nur vorsichtig erhoffen kann. Immerhin liegt die ZDF-Vorzeige-Serie "Kriminaldauerdienst" nach drei Staffeln vor allem deshalb in den letzten Zügen, weil zu wenige Zuschauer mit deren sprunghaft-assoziativem Stil klarkommen. Eine Mehrheit bevorzugt offenbar den redundanten Erklärkrimi, in dem Kommissar Schmücke alle Viertelstunde zusammenfasst, was bisher geschah. Insofern dürfte die Resonanz auf diesen künstlerisch kompromissarmen Gangster-Bilderbogen auch die Bereitschaft der gebührenfinanzierten Sender beeinflussen, sich in Zeiten sinkender Budgets zu weiteren Kraftakten der TV-Dramatik aufzuraffen. Schließlich trieb schon dieser hier eine renommierte Produktionsgesellschaft in die Pleite.

Mit der am Dienstag startenden Ausstrahlung auf Arte wird die Serie wohl ohnehin eher eingefleischte Filmfans erreichen. Interessanter ist da schon, auf welchem Sendeplatz das Erste im Herbst sein Massenpublikum damit überraschen will.

Dominik Graf behauptet, fast alle erfolgreichen Fernsehfilme würden den Zuschauer unterfordern. Deshalb seien zwar nicht gleich alle unpopulären Produktionen gut, "aber man sieht, dass der Geschmack erfolgreich in Grund und Boden gewirtschaftet wurde". Darüber lässt sich so trefflich streiten wie über die Sache mit der Henne und dem Ei. Was war zuerst da: Das Fernsehen oder der schlechte Geschmack? Oder ist Massengeschmack am Ende gar nicht schlecht, sondern einfach nur so, wie er eben ist? Und wer hat versagt, wenn Qualitätsprodukte zumindest zahlenmäßig nicht funktionieren: die Sender, die Filmemacher oder das Publikum?

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