Berlin, ein Ladengeschäft in Prenzlauer Berg. Hier haben Hans-Joachim Seppelt und Robert Kempe ihr Büro. Zwei Journalisten, doch zuletzt prangte an Klingel, Briefkasten und in ihrem Schaufenster das Logo des Muscle Research Institute Berlin. Diese Einrichtung war ein Fake. Aber einer mit Brisanz.
An diesem Freitag starten im kanadischen Vancouver die 21. Olympischen Winterspiele. Seppelt und Kempe sind vorher der Frage nachgegangen, wie sauber der Sport eigentlich ist, in dem sich nun gut 5.500 Sportler aus mehr als 80 Nationen messen werden. Über ihre Schein-Firma bestellten die Reporter das Präparat S 107, das die Ermüdung von Muskeln bremst. Derzeit wird S 107 noch klinisch getestet. Aber schon in wenigen Jahren soll es Herzkranken helfen.
Eine möglichst lange Ausdauer wünschen sich auch gesunde Menschen, vor allem Spitzensportler. Manche Athleten würden sich über eine Substanz wie S 107 gewiss freuen. Wer aber glaubt, es sei noch gar nicht zu haben, weil noch in der Testphase, der irrt: Seppelt und Kempe haben es einfach im Netz geordert, darunter auch bei einem baden-württembergischen Chemikalienhändler. Der lieferte prompt.
Diese erschreckende Erkenntnis war bereits in der Nacht zum Dienstag im Ersten zu sehen. Der Film "Geheimsache Doping: eiskalter Betrug" steht noch im Netz. Darin wird bemängelt, dass die Welt-Anti-Doping-Agentur bisher nicht plante, Sportler auf S 107 zu testen, auch nicht zu Olympia. ARD und ZDF wollen insgesamt knapp 600 Stunden aus Vancouver übertragen. Der dabei üblichen Jubelstimmung stehen jetzt aber eigene Recherchen im Weg. Dafür sorgt auch das ZDF, das heute in 30 Minuten die "Blutspur der Dopingbetrüger" nachzeichnen will.
Auch hier gehen Reporter der Frage nach, wie rein der Wintersport ist. Sie liefern jedoch weit weniger Tiefgang und Zündstoff als die ARD zwei Tage zuvor. Ein Beispiel: Beide Produktionen arbeiten sich an der Affäre um die Wiener Blutbank Humanplasma ab, die bei Olympia 2006 aufflog. Bisher ist bekannt, dass Österreicher die Einrichtung nutzten, um ihre Leistung zu steigern. Und deutsche Spitzensportler?
Im ZDF sagt Karl Stoss, Österreichs Olympia-Chef, er glaube, es sei "eine ganze Reihe von deutschen Sportlern da auf der Liste". Stoss aber ist fernab der praktischen Ermittlungsarbeit. In der ARD sagt hingegen Arnold Riebenbauer, damals als Chef des Disziplinar-Ausschusses des Skiverbandes sozusagen der verbandsinterne Chefermittler, Zeugen hätten "Hinweise auf Sportler aus Deutschland" geliefert. Das hört sich handfester an. Der deutsche Skiverband legt übrigens Wert auf die Feststellung, alle ermittelnden Behörden hätten schriftlich bestätigt, dass gegen deutsche Sportler nichts vorliege. Die Wintersportszene bleibt weiter zugeknöpft. Die beiden Filme zeigen immerhin, dass sich ARD und ZDF nicht mehr scheuen, offen auszusprechen, was viele denken: dass kaum ein Sport noch frei von Doping-Zweifeln ist. Dass die Sender an die Ereignisse kritisch herangehen, hatten sie zuletzt bei der Tour de France gezeigt. Dort eroberten sie mit einem angemessenen Unterton ihre Glaubwürdigkeit zurück. Die war verloren gegangen, als im Radsport vor ein paar Jahren eine Dopingsünde nach der nächsten herauskam, ARD und ZDF aber zunächst stur weiterjubelten. Diese Haltung ist bemerkenswert, stecken die Sender doch nach wie vor in einem Dilemma: Einerseits sollen sie den Sport hinterfragen, andererseits aber zahlen sie für die Übertragungsrechte viel Geld. ARD-Redakteur Roman Biela, der Seppelts Film betreute, sagt, das Thema Doping werde sich "als roter Faden" durch die Berichte aus Vancouver ziehen. Und wie die ARD will auch das ZDF mit einer "Doping-Taskforce" vor Ort sein, wie es zumindest in den Ankündigungen heißt. Das ist ein Versprechen.
Mission Gold: Blutspur der Dopingbetrüger, 23.15 Uhr, ZDF. Geheimsache Doping: Eiskalter Betrug, olympia.ard.de
Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Genau die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.