Wolfgang Büchner bekommt unfreiwillig die Chance, bei der Deutschen Presse-Agentur (dpa) neues Personal einzustellen. Mindestens etwa 60, vielleicht aber sogar bis zu 70 seiner Leute an den Standorten Hamburg und Frankfurt am Main wollen nämlich nicht, was der erst im Januar angetretene 43-jährige Chefredakteur mit ihnen vor hat: mit ihm in die geplante Zentralredaktion der dpa in die Berliner Axel-Springer-Passage ziehen.
In der Hauptstadt soll im Juli die neue Zentralredaktion des führenden Nachrichten-Dienstleisters entstehen. Die dpa will Zeitungen und Sender so schneller und abgestimmter mit Texten, Bildern, Grafiken und Videos beliefern, als sie das bisher kann. Historisch gewachsen ist indes diese Konstruktion: An der Elbe sitzt die dpa-Zentrale mit einigen Kopfredaktionen und der Verwaltung, am Main der Bilderdienst, der vor dem Internet-Boom seine Fotos noch mit der Bahn an seine Kundschaft verteilte, und an der Spree die Reporter der Innenpolitik. In Berlin sollen sie nun alle zusammenkommen.
Dabei wollen aber nicht alle Redakteure mitspielen. Von dem Umbau sind in Hamburg 170 und in Frankfurt 30 Mitarbeiter betroffen. Sie wurden vor etwa vier Wochen aufgefordert, der dpa mitzuteilen, ob sie bereit seien, Kisten zu packen und nach Berlin zu ziehen. Betriebsratschef Reino Gevers sagt, dass "wohl deutlich mehr als ein Drittel in Hamburg nicht mitgeht". Auch in Frankfurt seien nicht alle bereit. Weil noch nicht alle Betroffenen geantwortet haben, wird erst in ein paar Tagen feststehen, wie viele sich genau verweigern. Erst dann wollen sich auch Büchner und seine Geschäftsführung zu dem Problem äußern, sagt ein Sprecher der Agentur.
Für Betriebsratschef Gevers ist aber nach eigenen Worten schon klar: "Um einige Dienste aufrechterhalten zu können, wird die Geschäftsführung neue Leute einstellen müssen." Zwar hielten fast alle Redakteure der sogenannten Mantelressorts Büchner die Treue und kämen nach Berlin. Ganz anders sehe das aber etwa bei den Fachredaktionen für die Infografiken und die sogenannten Themendienste der dpa aus, mit denen Zeitungen ihre Serviceseiten füllen: Viele dieser Mitarbeiter, unter ihnen vor allem Frauen, wollen lieber bei ihren Familien und Freunden bleiben.
Büchner und seine Geschäftsführung peilen mit ihrem "Feinkonzept" für die neue dpa-Zentralredaktion an, auf etwa 30 Stellen zu verzichten. Sie sollen durch Synergien eingespart werden, wenn die Redaktionen ab Sommer auf einem fast 4 000 Quadratmeter großen Stockwerk gemeinsam arbeiten. Nun aber werden es wohl 60 Stellen, die fehlen.
Viele, die nicht mitwollen, landen in einer Transfer-Gesellschaft. Das haben Betriebsrat, Chefredaktion und Geschäftsführung als Teil eines Sozialplans ausgehandelt. Die betroffenen Mitarbeiter, zu denen neben Redakteuren auch Assistenten und Techniker zählen, sollen in anderen Medienhäusern unterkommen - also die dpa verlassen. Büchner, der erst seit Jahresbeginn die dpa leitet, wird jedenfalls bald diverse Stellen neu ausschreiben können und müssen. An qualifizierten Bewerbungen wird es ihm sicher nicht fehlen: Als der Deutsche Depeschendienst (ddp) im Dezember den hiesigen Ableger der Associated Press (AP) übernahm, der inzwischen Deutscher Auslands-Depeschendienst (DAPD) heißt, sagten viele Mitarbeiter: "Da fahre ich lieber Taxi, als für den ddp zu arbeiten". Der ist für niedrige Honorare, eine hohe Arbeitsbelastung und ein anstrengendes Redaktionsklima bekannt.
Einige Ex-AP-Mitarbeiter haben bereits den Absprung geschafft, alles hochkarätige Agenturjournalisten. Die Wirtschaftsredaktion der dpa wird vom Mai an etwa Antje Homburger übernehmen, die vom DAPD wechselt. Und für den Aufbau seiner neuen dpa-Redaktion Netzwelt, die mit dem Umzug starten und Internet wie Heimelektronik im Blick haben soll, holt sich Büchner Peter Zschunke. Der ist derzeit noch Auslandschef und stellvertretender Chefredakteur des DAPD.
Am Wochenende wurde zudem bekannt, dass sich Büchner mit Michael Fischer auch den langjährigen Kanzlerkorrespondenten des Ex-AP-Ablegers zur dpa geholt hat. Fischer, der im Februar wechselt, war indes nie beim DAPD angestellt, sondern noch kurz vor dem Verkauf von AP-Deutschland zu den internationalen AP-Reportern gewechselt. Mit den neuen Ausschreibungen dürfte sich also aller Wahrscheinlichkeit nach der Aderlass beim ehemaligen AP-Dienst fortsetzen. Die dpa wird an der Entscheidung vieler Mitarbeiter, den Umbau des eigenen Hauses nicht mitzutragen, deshalb kaum leiden. Im Gegenteil: Sie gibt dem Marktführer die Gelegenheit, die neue Agentur-Allianz aus ddp und DAPD zu schwächen, indem Büchner noch mehr wechselwillige Konkurrenten zur dpa holt.
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