kalaydo.de Anzeigen

Dresden: Der Sumpf, der eine Ente war

In Dresden müssen sich Journalisten wegen einer Spiegel-Geschichte verantworten: Darin wurden Männer mit üblen Geschichten in einem Rotlichtmilieu in Verbindung gebracht. Von Bernhard Honnigfort

Richter a. D. Günther Schnars hat heute noch schlaflose Nächte, wenn er an den 21. Januar 2008 zurückdenkt, als der Spiegel mit der Geschichte "Dreckige Wäsche" erschien. Sie traf ihn wie ein Blitz. In dem Beitrag über angebliche Verstrickungen sächsischer Juristen mit dem Leipziger Rotlichtmilieu fand sich Schnars als "Geschäftsfreund" eines Leipziger Bordellbetreibers wieder. Eine ehemalige Prostituierte soll ihn erkannt haben.

Noch schlimmer erging es Richter a. D. Jürgen Niemeyer: Der Jurist tauchte in dem Beitrag als der "nicht sonderlich freundliche" Freier "Ingo" auf, der "kein feiner Mann" war und eigentlich nur an einem interessiert: "hartem Sex mit blutjungen Frauen".

Namentlich genannt wurden beide Herren zwar nicht. Aber aufgrund ihrer Beschreibungen waren sie leicht identifizierbar.

Derzeit sitzen sie als Nebenkläger in einem Verfahren im Dresdner Amtsgericht: Angeklagt wegen Verleumdung sind zwei Leipziger Journalisten, Thomas D. und Arndt G., deren Namen unter dem Beitrag standen. Der Dresdner Büroleiter des Spiegel, auch in der Autorenzeile vermerkt, steht nicht vor Gericht: Das Magazin druckte eine Richtigstellung und akzeptierte eine Geldauflage von mehreren Tausend Euro.

Denn an den Vorwürfen ist nichts dran. Die Staatsanwaltschaft hält die Zitate für ehrverletzend und für falsch. Schnars begreift bis heute nicht, wie er in diesen unglaublichen Beitrag geraten konnte: Als er aus Wolfratshausen 1993 nach Leipzig versetzt wurde, gab es das betreffende Bordell gar nicht mehr.

Selbst der Puffbetreiber hat später ausgesagt, den bayerischen Juristen überhaupt nicht zu kennen. Die Spiegel-Autoren, so Schnars vor Gericht, hätten ihn vor der Veröffentlichung noch nicht einmal mit dem Vorwurf konfrontiert. Auch dass Niemeyer in dem Kinder-Bordell "Jasmin" verkehrt haben sollte, ist völlig unglaubwürdig: Die Aussagen ehemaliger Prostituierter sind gespickt mit Widersprüchen. In dem zwei Zimmer kleinen Wohnungsbordell wollen andere Ex-Prostituierte den Richter nie gesehen haben. Zwei der Frauen stehen demnächst selbst wegen Verleumdung vor Gericht.

Ehrverletzende Passagen

Die Angeklagten, die auch für Zeit Online über den angeblichen Sachsensumpf berichteten, haben in einer von ihren Anwälten verlesenen Erklärung bestritten, dass die beanstandeten Passagen von ihnen stammten. Der Spiegel-Artikel sei auch nicht von ihnen "legitimiert". Ihre Namen stehen zwar darunter, aber die ehrverletzenden Passagen sollen von jemand anderem stammen.

Den beiden drohen empfindliche Geldstrafen, Richter a. D. Schnars wünscht sich sogar Freiheitsstrafen. In dem Verfahren unter Leitung von Richter Hermann Hepp-Schwab, das vermutlich noch bis zum Monatsende geführt wird, sitzen die beiden auf ihren Plätzen und machen sich mit messdienerhaftem Eifer Notizen, so als seien sie Prozessbeobachter und nicht die Angeklagten.

Der Prozess ist eine der letzten Aufräumarbeiten in einem publizistisch-politischen Desaster namens "Sachsensumpf", das vor zwei Jahren Sachsen erschütterte. Eine Melange aus Hysterie, Halbwahrheiten, Gerüchten und Verschwörungstheorie, Sensationsschriftstellerei und Schlamperei hatte ein gigantisches Netzwerk aus Juristen, Ganoven, Polizisten und dem Rotlichtmilieu erschaffen, das den Freistaat in eine Art Sizilien verwandelt hatte.

Die Anschuldigungen fußten auf Akten überforderter Verfassungsschützer. Der Präsident der Behörde räumte später ein, es habe einen "Motorschaden" gegeben. Die involvierte Abteilungsleiterin wurde krankgeschrieben und legte später in einem Landtags-Untersuchungsausschuss einen Auftritt hin, bei dem Anwesende den Eindruck gewannen, beim Verfassungsschutz sei es wie in einem Tollhaus zugegangen.

Die Bundesanwaltschaft, um Hilfe gebeten, lehnte nach Prüfung Ermittlungen ab. Einen Sachsensumpf gebe es nicht, meinte Generalbundesanwältin Monika Harms damals. Und empfahl heißgelaufenen Journalisten etwas mehr Kühle und Sachlichkeit.

Autor:  Bernhard Honnigfort
Datum:  16 | 4 | 2010
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken
World Press Photo
Das beste Pressefoto 2012: Eine jemenitische Frau hält einen verwundeten Verwandten in ihren Armen.

Beeindruckende Aufnahmen: FR-online.de präsentiert interaktiv die Pressefotos des Jahres.

TV-Kritik
Sieger: Der zehnjährige Marco gewinnt das Finale von DSDS Kids. Moderator Daniel Assmann (l.) und DSDS-Kandidat Thomas Pegram freuen sich.
DSDS Kids: Das Finale 
Indianer-Squaw in Türkis: Für Joan Franka und die Niederlande hat es nicht gereicht.
ESC 2012 Halbfinale 
Höhepunkt des 1. ESC-Halbfinales: der Auftritt der Buranowski Babuschki.
Eurovision Song Contest in Baku 
Jogger an der Außenalster in Hamburg.
TV-Kritik "Der adidas Check" 

Video

Quiz
Dezember 2006.

Thomas Gottschalk hat sich bei "Wetten, dass..." verabschiedet. Er bewegt die TV-Nation. Testen Sie Ihr Wissen.

Quiz
Tatort-Logo

Seit 40 Jahren gibt's fast jeden Sonntag im Fernsehen Mord und Totschlag. Mit dem Tatort beweist das öffentlich-rechtliche Fernsehen immer wieder seine Leistungsfähigkeit. Was wissen Sie über die Krimi-Reihe? Testen Sie's!

Fotostrecke
Meeresbewohner: Leuchtend grüne Quallen gleiten durch ein Aquarium.

Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.

Quiz
Der zurückgetretene Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg holt seine Entlassungspapiere im Schloss Bellevue ab (03.03.2011).

Guttenberg hatte einen guten Grund. Aber weshalb sind Horst Köhler oder Richard Nixon abgetreten?

Quiz
Wissens-Test.

Politik, Sport, Wirtschaft - wie gut sind Sie informiert? Machen Sie den Test mit dem unterhaltsamen Tagesquiz.

Film

Die Filmwoche: Was läuft wann in welchem Kino? Alle Neustarts, alle Filme, alle Kinos, alle Zeiten.

Meistgeklickt
Sieger: Der zehnjährige Marco gewinnt das Finale von DSDS Kids. Moderator Daniel Assmann (l.) und DSDS-Kandidat Thomas Pegram freuen sich.
DSDS Kids: Das Finale 
Das DFB-Bundesgericht mit dem Vorsitzenden Goetz Eilers hat entschieden: Das Relegationsspiel zwischen Fortuna Düsseldorf und Hertha BSC wird nicht wiederholt.
Kein Wiederholungsspiel zwischen Düsseldorf und Berlin 
 Mely Kiyak
Kolumne zum neuen Umweltminister