Auf diese Sendung hat die Welt gewartet: "Top Ten der Türme in Mitteldeutschland". Weiter nördlich darf das Publikum zur besten Sendezeit die Sehenswürdigkeiten des Landes ("30 x kurioses Brandenburg") wählen, während Carolin Reiber im Süden auf "Bayerntour" geht und beim NDR aufs "Großstadtrevier" die gefühlte 6191. Fischmarktreportage folgt. Und demnächst sehen wir - tatsächlich: "Die schönsten Gartencafés in Hessen".
Es weht ein Hauch von Heimat durchs Fernsehland, der sich zusehends zum Sturme auswächst. Unentrinnbar, unablässig, unkritisch. Wie ein behaglich stimmendes Volkslied. Kein schöner Land in dieser Zeit - die alte Weise des 19. Jahrhunderts scheint heute Motto für ein öffentlich-rechtliches Programmkonzept. Eine SWR-Sendung wurde gleich danach benannt. Allenthalben werden "Schätze des Landes" oder die "100 größten Rheinland-Pfälzer" gefeiert, die dann im "Fröhlichen Weinberg" (SWR) "Feierabend" machen. Dazu lokale Reportagen, Dokus, Heimatfilme, Reisetipps, Volksmusiksausen oder Historytainment - so viel Vaterbundeslandsliebe war selten.
Die Dritten sollten den Anwohnern nun mal "Heimat im positiven Sinne" bieten, erklärt Patricia Schlesinger, beim NDR zuständig für Kultur und Dokumentation, den regionalen Overkill. "Lokal fühlen, global denken" lautet ihr Glaubenssatz. "Je mehr Sender auf dem Markt sind", pflichtet ihr HR-Fernsehdirektor Manfred Krupp bei, "umso stärker fragen sich die Dritten nach ihrem Stellenwert". Seine Antwort: "Das kann nur Heimat und Regionales sein."
Keine Frage, wie jedes Regionalblatt, jede Landesradio dürfen, sollen auch die örtlichen Rundfunkanstalten Angebote mit Lokalkolorit liefern. In Zeiten globalisierter Entfremdung ein soziokulturelles Bekenntnis zum Standort. Aber dass der so gepriesen werden muss, steht das auch im Rundfunkstaatsvertrag? Das Abkommen regelt für die Dritten Programme nur, dass ihre Landesfenster von "Hamburg Journal" bis "Hessenschau" allein im betroffenen Gebiet zu sehen sein sollen. Weder inhaltliche Vorgaben noch politische Direktiven, nicht mal ein Auftrag informationeller Grundversorgung. Den, sagt Paragraph 25, haben allein die ARD-Regionalformate am Vorabend zu erfüllen.
Selbst Landesrundfunkgesetze wie das in Hessen fordern meist nur die Aspekte Information, Bildung und Unterhaltung. Von Heimatliebe, gar Lokalpatriotismus ist da keine Rede. So bevorzugt Manfred Krupp die Bezeichnung "Identifikation mit dem Land".
Das allerdings könnte man durchaus subtiler herstellen als mit der Litanei schöner Landschaften, stolzer Bauwerke und netter Menschen, und was da so an maximaler Schollenverbundenheit aus dem Reiseprospekt über den Schirm flimmert.
Und so beschleicht den Zuschauer bisweilen das Gefühl, unterfordert zu werden von den Dritten. Das MDR-Angebot kennt zwei Schwerpunkte: Trachtentanz und Ostalgie. Der Bayerische Rundfunk, 1964 als erstes Regionalprogramm auf Sendung, nutzt seine Macht schon mal zur stundenlangen Liveübertragung von Demos gegen das Kruzifix-Verbot an Schulen. Die "Hessenschau" startete 1961 nicht zufällig zeitgleich mit dem "Hessentag" zur Stärkung regionaler Identität. Und wenn die Dritten doch mal selbstverantwortete Perlen im Programm haben wie "Dittsche" oder "Zimmer frei", laufen sie im WDR und nachts.
"Kritischer Regionalismus war gestern", schrieb die Zeitschrift Das Parlament zu dieser Art TV in Dritten. Dabei entwickelte sich der Trend zum Regionalen ja seit den Siebzigern aus dem politischen Widerstand, etwa beim Protest gegen das geplante Atomkraftwerk Wyhl im Badischen. Heute, so Das Parlament weiter, dominiere auf den Sendern, die sich mal als Nischen für Bildung, Service, Avantgarde verstanden haben, ein Mix aus "Heimattümelei, Kochtopfjournalismus, Infotainment und Boulevardisierung". Daneben werden SWR & Co. zum Abspielkanal von ARD-Altware: Die Arzt-Serie "In aller Freundschaft" läuft regelmäßig bei sechs Dritten.
Das ist natürlich auch eine Kostenfrage. Der länderübergreifende NDR hat im Vorjahr 88 Dokumentationen an die ARD geliefert. Der SWR produziert Spielfilm auf Spielfilm fürs Erste und der WDR viel Sport. Das belastet jeden Etat fürs Lokale, der gleichwohl überrepräsentiert bleibt. Deshalb zeigt der chronisch klamme HR sein Land im "Bilderbogen" gern ohne jeden Anlass "von seinen schönsten Seiten", um ihn jederzeit sendefähig zu machen; deshalb gingen "Hessens schönste Burgen" bereits in die achte Wiederholung - "und die lief am besten", freut sich Krupp.
So funktioniert provinzielle Unterhaltung: Geringer Aufwand, viel Emphase, reichlich Zuhause. Doch was das greise Stammpublikum goutieren mag, gibt Journalisten wie Roger Willemsen das Gefühl, die Dritten drehten sich bloß noch um "Lokales und Patriotismus". Alles für die Heimat. Wo wir uns finden wohl unter Linden zur Abendzeit.
Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.