Aktuell: Flüchtlinge in Deutschland und Europa | Türkei | US-Wahl | FR-Serie: Fintechs
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Medien

16. Februar 2016

DSDS: Ach Eberbach, es ist zum Heulen

 Von 
Weltwunder in einer gewissen Weltferne: Das Mittelschiff der romanischen Eberbach-Basilika.  Foto: Andrea Enderlein/epd

Die mittelalterliche Klosteranlage Eberbach wird als Kulisse für die Show „Deutschland sucht den Superstar“ missbraucht. Bald werden die Klostermauern zu stummen Zeugen eines katastrophalen Menschenbilds, das keine Hemmungen kennt.

Drucken per Mail

Stimmt ja, der Mensch des Mittelalters lebte nicht so sehr die zivilen Umgangsformen, vielmehr das Derbe und Drastische, und das ziemlich unverhohlen. Der Blick des Mittelaltermenschen auf den Mitmenschen war nicht nur sporadisch ein hartherziger Blick. Auch ausgeprägt war bei vielen Gelegenheiten eine geile Mentalität. Warum soll also das Kloster Eberbach, im Hochmittelalter gegründet, nicht zur Kulisse einer Show wie DSDS werden? DSDS?

Unter dem eingetragenen Warenzeichen „Deutschland sucht den Superstar“ führt es einem Millionenpublikum vor Augen, dass der Mensch eine von Natur aus benachteiligte Kreatur ist, die nicht so ohne weiteres singen und sich bewegen kann. Denn die Kreatur ist zunächst nichts als ein Kandidat, die von ausgebufften Showprofis gecastet wurde. Erst vor laufenden Kameras gewinnt die Kreatur Leben, ein Leben als Kandidat. DSDS ist die Instanz, die darüber entscheidet, ob ein Kandidat eine lächerliche Kreatur ist oder ein Lebewesen, dem die Herzen zufliegen, ein Geschöpf in der Welt des Pop, die eine freie Wildbahn ist, in der das Gesetz des Geschmacksurteils gilt.

Nun ist seit einigen Tagen davon zu hören, dass der Blick der DSDS-Redaktion, immerzu auf der Suche nach geilen Locations, lange genug auf dem Kloster Eberbach ruhte, so dass eine Show im April in den Kulissen der Klosteranlage stattfinden wird. Und ebenfalls ist zu hören, dass der Geschäftsführer der Stiftung Kloster Eberbach, Martin Blach, darin „vor allem für die Stiftung und Region ein tolles Event“ sieht. Event, das ist zweifellos zeitgenössisch gesagt.

Das Event stellt Dinge auf sehr ostentative Weise aus. Wo ein Event ist, gibt es nicht immer ein Halten. Von „Eberbach“, auch so etwas wie ein Markenzeichen, lässt sich sagen, dass es ein Ort geworden ist, der jährlich 300.000 Gäste anlockt, einer, dessen Umsatz bei drei Millionen Euro jährlich liegt, dessen Betrieb und Unterhalt rund 7000 Euro am Tag verschlingt. Auch kann man, was Blach unmissverständlich tut, auf die enormen Kosten für die Generalsanierung hinweisen, für die Landesmittel nur bis zum Jahr 2024 bereitstehen, so dass das Management aufgefordert ist, die Finanzierung der Anlage zu sichern. Auch betont Blach, dass Eberbach 1803 säkularisiert wurde, dass bereits die Einführung des Rheingau-Musik-Festivals vor 30 Jahren zahlreiche Kulturpessimisten entsetzt habe aufschreien lassen, wie ja auch schon während der Dreharbeiten des Films „Im Namen der Rose“.

Ja, über Eberbach sind einige Erzählungen im Umlauf. Im Jahr 1136 fassten Zisterzienser Fuß am Nordrand des Rheingaus, dort, wo Taunusanhöhen Schutz versprachen, nicht zuletzt für Rebhänge. Im Jahr 1145 wurde der Bau einer Klosterkirche in Angriff genommen, am Ausgang des Kisselbachtals eine schließlich mauerumschlossene Abtei, eine seitdem gewölbte Pfeilerbasilika – in ihrer herben Herrlichkeit so herrlich und so herb wie nicht viele sonst. Eberbachstolz gründete fortan in der Tatsache, dass die Zisterzienserabtei ein „Mutterkloster“ für Dutzende Mittelaltergründungen war.

Ein Tumult von Ego-Shootern

Die Eberbachabgeschiedenheit zeigte sich in einer rückhaltlosen Romanik, und das geschah in einer Rheingauweltferne – auch wenn es mit ihr nicht mehr ganz so gut bestellt ist, seit Jahren schon, denn „Eberbach“, als eingetragenes Warenzeichen, ist ein säkularisierter Marktplatz und moderner Rummelplatz. Für ehemalige Zisterzienserverhältnisse ist Eberbach zu einer „hybriden Wallstatt“ (FR, 28. April 2005) geworden, mit Openair-Kino, Musikfestspielen und nicht nur durchfestivalisierter Ostereiersuche. Der Weinladen, lange eine Zumutung, wurde fein aufgewertet.

Musste das durchrationalisierte „Eberbach“ aber an ein DSDS-Finale verscherbelt werden? Eberbach-Manager Blach ordnet die Entscheidung, die man sich überhaupt nicht leicht gemacht habe, gewissermaßen historisch ein, sei doch die Anlage im Laufe der jüngeren Geschichte Frauenzuchthaus, Psychiatrie oder Waffenlager gewesen. In dieser Reihe der Zweckentfremdungen will nun auch Blach ein derbes Zeichen setzen.

Gegen solche Zeichensetzungen sind Einwände zweifellos machtlos. Und doch kann man an einen Satz des vor einigen Tagen gestorbenen TV-Moderators Roger Willemsen erinnern, der als Essayist wusste, wenn er über sein Medium schrieb: „Das Fernsehen ist eben auch Ausdruck der Tatsache, dass in einem Massenmedium nicht moralische, sondern marktwirtschaftliche Prinzipien das Innenleben formen.“

Dieses Innenleben formt auch das Management von Kloster Eberbach. Das marktwirtschaftliche Prinzip hat das Management einen Pakt (keinen teuflischen, aber einen trivialen) eingehen lassen. DSDS, das bedeutet Selektion und Auslese, das bedeutet schenkelklopfenden Spaß über stümperhaftes Gestammel und tränennasse Beseligung, wenn’s mit der Ballade hinhaut. Für Eberbach bedeutet es, dass unter den flotten Sprüchen einer gnadenlosen Jury aus der romanischen Basilika ein Resonanzraum des Ho-Ho-Höhnens wird, ein Echoraum der Hä-Häme oder ein Denkmal des Jauchzens. DSDS teilt die Welt in eine gute und eine schlechte Welt. Es gibt nur schwarz und weiß, und so kommt die vierköpfige DSDS-Jury immerzu zu dem Ergebnis, dass ein Kandidat/eine Kandidatin entweder total geil ist oder die totale Scheiße.

Eberbach wird die Kulisse abgeben, nein, nicht für Leisetreten oder womöglich spirituelle Einkehr, sondern für kreischende Anteilnahme und den Tumult von Ego-Shootern. Für gemeine Schadenfreude, wenn ein Kandidat sich blamiert. Und für hemmungslose Verzückung, sobald mal ein Ton richtig getroffen wird.

Mit der Menschenwürde abgeschlossen

Zugleich muss, wer bei DSDS auftritt, mit seiner Menschenwürde abgeschlossen haben. Ja, er kann sie wiedererlangen, das gehört zu den Spielregeln, zum Gesetz der Selektion. Vor dem Tribunal der Jury und – beim Finale – unter den Augen der Menge hat der Kandidat/die Kandidatin diese Würde zunächst verwirkt. Allein dadurch, dass ihm eine zu allem, auch zur Verächtlichmachung entschlossene Jury zuhört und zusieht, kann sich der Kandidat bewähren. Findet die Jury einen Kandidaten/eine Kandidatin gut, hat er/sie Glück gehabt. Gefällt sich die Jury darin, einen Kandidaten/eine Kandidatin niederzumachen, hat der Delinquent/die Delinquentin kein Recht, auf seine/ihre Würde zu pochen. Ei, du blödes Opfer der DSDS-Gesetzgebung, selbst schuld.

Sicher, wer in der DSDS-Show mitmacht, tut es freiwillig. Tausende Selbstdarstellungswillige und Eitelkeitsfreaks, die sich monströs überschätzen, haben sich gerne dem DSDS-Darwinismus unterworfen. So werden auch die Mauern von Eberbach bald schon stumme Zeugen eines katastrophalen Menschenbilds, das keine Hemmungen kennt. Masochismus und Voyeurismus vereinigen sich. Die romanische Kulisse wird zum Spiegelkabinett eines horrenden Narzissmus. Die telegene Schauseite von DSDS ruft die Schattenseiten des Mittelalteralltags wach, nein, nicht dessen vermeintliche Dunkelheit, sondern dessen grelle Rücksichtslosigkeit und wüste Erbarmungslosigkeit.

Ach, Eberbach! Es ist zum Heulen. Wenn man sich allerdings nicht beirren lässt, auch nicht von dem, was alles dazukam, nicht einmal von den gotischen Kapellen und einem barocken Dachreiter, dann ist Eberbach weiterhin eine Domäne äußerster Askese, herbeigeführt durch das „gebundene System“. Darunter versteht die Architekturgeschichte die Tatsache, dass die verbindliche Maßeinheit für ein jedes Teil des Grundrisses einer romanischen Basilika dessen Vierungsquadrat ist.

Aus dieser kompromisslosen Disziplin bezieht auch Eberbach seine Strenge – seine Monumentalität, seine Schönheit. In Eberbach gibt es keine Synergieeffekte. Am Mittelschiff hat kein Barockgelüste sich vergehen können, an den Pfeilerkämpfern wurde weder abgehobelt noch dekoriert. Auf den Konsolen weder ein technischer noch ein ästhetischer Fortschritt, und sei es auch nur gotisch.

Mehr dazu

Aber jetzt der Auftritt von DSDS – um zwischen Arkadenbögen und unter Kreuzgratgewölben vor dem Kitsch in die Knie zu gehen. An einem Ort, der ein Gedächtnisort, ein Auftritt der Zurückhaltung ist, Bühne des „gebundenen Systems“, und das ja nicht nur baugeschichtlich, sondern auch mental, brezelt sich der Trash auf.

Um nicht vollkommen vom Glauben abzufallen, darf man sich daran klammern, dass Eberbach nie gebaut worden wäre, wenn darüber eine Jury oder ein Massenvotum abgestimmt hätte. Eine solche Erkenntnis ist auf lächerliche Weise wahrhaftig, obwohl sie auf drastische Weise unzeitgemäß ist.

[ Hat Ihnen der Artikel gefallen? Dann bestellen Sie gleich hier 4 Wochen lang die neue digitale FR für nur 5,90€. ]

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Serie
Polizeiabsperrung, kaum eine Kriminalgeschichte kommt ohne sie aus.

In der Sommerpause von „Tatort“ und „Polizeiruf“ schreibt die FR-Redaktion ihre Krimis wieder selbst. Ähnlichkeiten mit Fernsehermittlern sind aber rein zufällig.

Medien
Talkshow-Kritiken auf einen Blick
Filmtipps
Quiz
Tatort-Logo

Seit 40 Jahren gibt's fast jeden Sonntag im Fernsehen Mord und Totschlag. Mit dem Tatort beweist das öffentlich-rechtliche Fernsehen immer wieder seine Leistungsfähigkeit. Was wissen Sie über die Krimi-Reihe? Testen Sie's!

Anzeige

Videonachrichten Leute
Film

Die Filmwoche: Was läuft wann in welchem Kino? Alle Neustarts, alle Filme, alle Kinos, alle Zeiten.