Heute vor 40 Jahren starb Theodor W. Adorno. Meinhard Prill und Kurt Schneider erinnern in einem ausführlichen Film an den Philosophen. Es kommen unter anderem zu Wort: Pierre Boulez, Martin Jay, Joachim Kaiser, Alexander Kluge, Ivan Nagel, Rüdiger Safranski, Richard Sennett. Aber auch seine letzte Assistentin Regina Becker-Schmidt, eine Sekretärin aus der New Yorker Zeit des Instituts, ein Schulfreund usw. usf. Dazu Horkheimer und Marcuse und immer wieder Adorno selbst.
Wie er redet! Durch die verwegensten Satz-Labyrinthe hindurch werden die Regeln der Grammatik eingehalten. Nirgends ein Impuls, der sich gegen die Syntax durchsetzt.
Die großen braunen märchenhaften Kinderaugen blicken regungslos hinaus. Sie kontrollieren nicht, wie das Gegenüber die Rede aufnimmt. Sie scheinen nichts wahrzunehmen. Sie sind dazu da, wahrgenommen zu werden.
Und doch, erzählen dann die Augenzeugen, haben diese Augen, während der Mund noch die gedrechseltsten Sätze wie ins Freie entließ, im Hörsaal die Zuspätgekommenen registriert, und wenn diese schöne Frauen waren, sie auf dem Weg zu ihrem Sitzplatz aufmerksam verfolgt.
Wer heute den Film sieht, dem scheint evident, dass Adorno gegen die verwaltete Welt sprach, weil er sie am eigenen Leibe erlebte. Er zeigte, dass noch die intimste, persönlichste Wendung gesellschaftlich vermittelt ist, dass keiner seiner Lage entkommt.
Wir lasen das damals als Anklage. Es war eine Diagnose. Nicht so sehr der Gesellschaft als vielmehr der eigenen Person. Seine Sätze sagt er, als lese er sie irgendwo ab. Die Wörter, die er verwendet, sind nicht die seinen. Es sind die, die zu verwenden er für richtig hält.
In keinem der Ton- oder Bilddokumente findet sich eine spontane Äußerung, irgendetwas, das als nichts als Ausdruck eines Gefühls, einer Empfindung verstanden werden könnte. Da redet einer in einer Sprache, die er sich zugelegt hat, um seiner Angst Herr zu werden.
Nein, er hat sie sich nicht zugelegt. Sie ist ihm zugeflogen. Die Vögel Hegel und Marx ließen sich nieder auf seine Knie, und er hat ihnen entrissen, was er brauchen konnte, um sich verständlich und unverständlich zugleich zu machen. Geliebt und geachtet will er werden. Vor allem aber verschont.
Der Film von Prill und Schneider macht das sichtbar. Das ist das Schönste an ihm. An einem der Kränze an Adornos Grab hing eine Schleife mit dem Aufdruck "Dem Philosophen unserer negativen Musik". Heute - in dieser Welt des verordneten Optimismus - trauern wir um Adorno als den, der uns die Ohren öffnete für die atemberaubende - gerade auch musikalische - Schönheit der Negation.
"Adorno", SWR, 23.45 Uhr.
Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.