Sie war einmal Else Stratmann. Damals kommentierte Elke Heidenreich, Tochter eines KfZ-Mechanikers, als Metzgersgattin mit Kopftuch aus Wanne-Eickel vom Fensterrahmen aus das wirkliche Leben. Das war, lange vor der Erfindung von Comedy, geistreich und urkomisch. 4000 Mal salbaderte sie in dieser Rolle, selbst im "Aktuellen Sportstudio".
Beim Hörfunksender SWF 3 begann ihre Medienkarriere Anfang der Siebziger. Seither ist Heidenreich, die Germanistik und Theaterwissenschaft studierte, so etwas wie die Unruhe in der deutschen Literaturszene: Sie verfasste Hörspiele und Brigitte-Kolumnen, moderierte "Klassentreffen" und schrieb Bücher, die auch gelesen wurden, wie "Kolonien der Liebe" oder "Nero Corleone".
Mit ihrer ZDF-Sendung "Lesen!" - das Ausrufungszeichen passt zu ihrem forschen Wesen - löste sie Marcel Reich-Ranicki und sein Literarisches Quartett als TV-Lektüre-Instanz ab. Das Magazin Cicero sieht sie gar im "Frauenranking 2008" als einflussreichste Intellektuelle in Deutschland. Ob gegen "hysterische Rauchverbote" oder den Irak-Krieg - Elke Heidenreich bezieht Stellung.
"Wunderbar und danke"
Kein Zufall also, dass sich die 65-Jährige nach dem "Eklat" beim Deutschen Fernsehpreis zu Wort meldete. "Wunderbar, danke auf ewig", kommentierte Heidenreich die publikumswirksame Unmutsbekundung von Marcel Reich-Ranicki in der FAZ. Und legte nach: Das Fernsehen sei "arm, verblödet, wie kulturlos, wie lächerlich". Heidenreich nannte die Gala "hirnlose Scheiße" und fragte sich (zu Recht), wieso eine "unterirdische Sendung" wie "Deutschland sucht den Superstar" zur besten Unterhaltungssendung gekürt werde. Und die Macher auch noch die Möglichkeit bekämen, über "Schreiberlinge" zu stänkern.
Das mit den Schreiberlingen, geäußert von DSDS-Moderator Marco Schreyl, muss Elke Heidenreich am meisten auf die Palme gebracht haben: "Wo waren die Programmdirektoren und Intendanten in diesem Augenblick, warum kam keiner von ihnen auf die Bühne, um etwas zu sagen? Weil es verknöcherte Bürokarrieristen sind, die das Spontane längst verlernt haben, das Menschliche auch, Kultur schon sowieso."
Ihre Sätze hätten wohl weniger eingeschlagen, wäre Elke Heidenreich nicht ebenfalls ausgezeichnet worden - mit einem Fernsehpreis: Ihr wurde am gestrigen Dienstag der mit 10 000 Euro dotierte "Hans-Bausch-Mediapreis" des Südwestrundfunks überreicht. Dort traf sie auf einen der "verknöcherten Bürokarrieristen", den damit aber von ihr vielleicht doch nicht gemeinten SWR-Intendanten Peter Boudgoust. Ein neuerlicher Eklat blieb aus.
Nicht liebevoll genug
Boudgoust mag die "streitbare Persönlichkeit" - sagt er. Und Elke Heidenreichs Scham, "in einem solchen Sender überhaupt zu arbeiten", galt ja auch dem ZDF, das die Gala in einem Studio in Köln-Ossendorf veranstaltete. Da mischte sich die Wut über das große Ganze mit der über das ganz Persönliche.
Heidenreich hadert seit längerem mit Länge und Platzierung ihrer "Lesen!"-Sendung um 22.30 Uhr am Freitagabend. Eine solche Sendung müsse "liebevoll behandelt werden, und das wird sie derzeit nicht", klagte sie in der SWR-Hörfunksendung "Leute". Und so bekommt ihr Satz "Von mir aus, schmeißt mich jetzt raus, ich bin des Kampfes eh müde", den Status einer vorzeitigen Kündigung: Der Vertrag läuft zum Jahresende aus, noch zwei Folgen von "Lesen!" sind geplant.
In Stuttgart holte sich Elke Heidenreich Lob für ihr Unbequemsein ab. In der Begründung der Jury heißt es, "Heidenreich steht seit Jahrzehnten für die Verbindung von Hochkultur und geistreicher Unterhaltung und mache so anspruchsvolle Themen einem breiten Publikum zugänglich". Und weiter: Elke Heidenreich klebe nicht an Sendungskonzepten und könne "auch loslassen". Das hat sie ja nun offenbar getan.
Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.