Der frühere RTL-Chef Helmut Thoma sagte einst über die ARD-"Tagesschau": "Diese Sendung könnte man auch in Latein verlesen mit zwei brennenden Kerzen, und sie hätte immer noch die gleichen Ratings." So weit ist es zwar noch nicht gekommen. Aber die "Tagesschau" hat sich dennoch gerade ein Stück weit von einem ihrer Prinzipien verabschiedet, das für ihre Seriosität steht: Seit dieser Woche wird auch die Hauptausgabe, die "20 Uhr", nicht mehr ausschließlich vom Blatt gelesen.
Am Montag bediente sich zunächst Judith Rakers am so genannten Teleprompter. Am Dienstag war Marc Bator dran. Beide lasen also teils von einer Scheibe ab, über die - direkt vor der Kamera - die Buchstaben flimmerten.
Das ist nicht ungewöhnlich. Fernsehen wird fast immer mit diesem Hilfsmittel produziert. Es suggeriert dem Zuschauer, der Mann in der Kiste könnte aus dem Stegreif so geschliffen reden, wie er das gerade tut. Und sich auch alles merken. Sogar die "Tagesschau"- Ausgaben vor und nach 20 Uhr waren nicht mehr frei davon.
Dass sich diese Technik nun bis in die Hauptsendung durchgesetzt hat, war zwar nur eine Frage der Zeit. Dieser Schritt steht aber auch für einen Bruch mit der Tradition.
Vorgespielte Präzision
Der unbedarfte Zuschauer merkt davon nichts. Denn noch immer werden Passagen "vom Blatt" zitiert. Und das in längeren Teilen als etwa bei "heute" (ZDF) oder "RTL aktuell". Auch dort werden Fakten oder Zitate oft von Schriftstücken verlesen. Damit wird jene Präzision vorgespielt, um die andere Sendungen die "Tagesschau" beneiden.
Als die ehemalige Chefsprecherin der "Tagesschau", Dagmar Berghoff, am Dienstag in Hamburg von der Einführung des Teleprompters in der "20 Uhr" erfuhr, sagte sie: "Wir können die Nachrichten nicht auswendig lernen. Deshalb sollten wir das dem Zuschauer auch nicht vorgaukeln." Jo Brauner, ebenfalls Ex-Sprecher der "Tagesschau", attestierte Rakers erster Blatt-Prompter-Mischsendung gar "Hektik". Und wer wusste, was da passierte, konnte auch bei Marc Bator erkennen, wie er - vom Blatt kommend - schon mal die nächste Passage auf dem Prompter suchte.
Vom Tele-Prompter als "Backup", wie ihn "Tagesschau"-Chef Kai Gniffke sieht, kann da keine Rede sein. Zumal im Sprechertisch ein Monitor eingelassen ist, der neue oder aktualisierte Meldungen anzeigen kann. Jürgen Lembeck, ehemaliger leitender "Tagesschau"-Mitarbeiter befürchtete ob der Entwicklung: "Das wird in der Konsequenz dazu führen, dass der Sprecher abgeschafft und von einem Moderator abgelöst wird." Gniffke hingegen sagte der FR, die "Tagesschau" stehe "fest zu ihrer Tradition". Die 20-Uhr-Ausgabe bleibe "eine Sprechersendung mit Blatt". Stört eigentlich nur noch dieser Tele-Prompter.
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