Washington. Die Finanzkrise und die drohende Rezession haben in den amerikanischen Zeitungsverlagen fast so etwas Endzeitstimmung ausgelöst. Schon seit Jahren sinken Auflagen und Anzeigenerlöse, bedrängt das Internet das Geschäft.
Der Marktwert der US-Medienunternehmen ist jüngst teilweise dramatisch abgestürzt - laut Investmentbank Goldman Sachs um rund 60 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Und der wirtschaftliche Horizont für die US-Zeitungen verdüstert sich weiter. "Das Endspiel für die Zeitungen ist in Sicht" schreibt Prof. Philip Meyer in der jüngsten Ausgabe der "American Journalism Review" (AJR).
Die vom Fachverband ABC veröffentlichten Zahlen lassen die Alarmglocken der Branche schrillen. Mit einer täglichen Durchschnittsauflage von 38,2 Millionen der 507 von ABC erfassten US- Zeitungen verzeichneten die Verlage im Zeitraum März bis September 2008 einen dramatischen Rückgang von 4,6 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Bei den anzeigenträchtigen Sonntagsausgaben sank die Gesamtauflage um 4,9 Prozent auf 43,6 Millionen.
Früher galt schon der Verlust von jährlich einem Prozent Auflage als besorgniserregend. Während diese Größe seit über einem Jahrzehnt fast schicksalhaft hingenommen wurde, lagen 2007 die Einbußen schon deutlich höher. Jetzt sind sie erneut gewachsen.
Der "Boston Globe" musste gar einen zehnprozentigen Rückgang verzeichnen, die "New York Times" 3,6 Prozent. Manche Verlage haben mit Strukturveränderungen gezielt Auflagenverluste in Kauf genommen. So erhöhten viele - wie Marktführer "USA Today" oder die "New York Post" - ihre Kioskpreise um 25 beziehungsweise 50 Prozent. Andere Blätter stellten den teuren Abo-Vertrieb außerhalb ihres Kern-Verbreitungsgebiets ein.
Mit Entlassungen und Etatkürzungen suchen die Verlage die seit Jahrzehnten vergleichsweise hohen Profite der Branche zu retten. Der größte US-Zeitungsverlag, Gannett, kündigte vergangene Woche neue Entlassungen an, nachdem bereits im Sommer die Streichung von 1100 Stellen bekanntgegeben worden war.
Branchenspezialist Peter Appert von Goldman Sachs meint, dass die Zeitungsverlage angesichts weiter sinkender Werbeeinnahmen (2008: minus 14,1 Prozent) "lernen müssen, mit Profiten von unter 20 Prozent zu leben". Letztendlich aber sei er optimistisch, dass Zeitungsverlage trotz aller Web-Konkurrenz als "wichtigstes lokales Medium" bestehen werden. Es werde wohl fünf weitere Jahre brauchen, bis die Einnahmen der Zeitungen im Online- Bereich die Verluste der gedruckten Ausgaben auffangen könnten, sagte er dem Fachblatt "Editor & Publisher".
Tatsächlich hat die Nutzung der Internet-Seiten von Zeitungen im dritten Quartal 2008 um 16 Prozent gegenüber dem Vergleichszeitraum 2007 zugenommen, so der US-Zeitungsverlegerverband NAA. Mehr als 68 Millionen Amerikaner besuchten im Monat Zeitungs-Webseiten. Kaum erwähnt wurde allerdings, dass in diesem Jahr wider alle Prognosen bei vielen Blättern die Einnahmen auch aus dem Internetgeschäft zurückgegangen sind.
Die Debatte um die Zukunft der Zeitung in den USA beschäftigt zwar die Fachwelt, doch öffentliches Interesse scheint sie kaum zu wecken. Weder Zeitungen noch elektronische Medien rücken das Thema in den Vordergrund - auch wenn viele Experten vor den gesellschaftspolitischen Folgen der Zeitungskrise warnen.
Vor allem fürchten viele, dass die drastischen Sparprogramme die Qualität und schließlich auch die Existenz der Zeitungen gefährden. "Die bittere Ironie für die Zeitungsbranche ist, dass sie mit ihren verzweifelten Personalkürzungen in gefährlicher Weise ihre Produkte gefährden", schrieb der Medien-Manager Ala Mutter.
Die Zeitungen befänden sich in einer "bedrohlichen Abwärtsspirale, aus der es keinen einfachen Ausweg gibt". Schuld sei auch "Gier und Selbstgefälligkeit" mancher Verleger, die Zeitungen lange Zeit als "Gelddruckmaschinen" betrachtet und Investitionen in neue Produkte und Geschäftsmodelle versäumt hätten.
"Jeder Einschnitt in die Redaktionen macht eine Zeitung weniger nützlich und attraktiv, das macht dann die nächste Kürzungsrunde erforderlich und so weiter: ...eine Todesspirale", schrieb der Medienfachmann Paul Farhi in der "Washington Post". (dpa)
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