Die Schwelle sexueller Erregung ist variabel. Als "Sünderin" Hildegard Knef 1951 im Kino ihre Brust entblößte, implodierte das Bürgertum vor sittlichem Eifer. Als "Report" 16 Jahre später in der ARD einen Busen zeigte, beschränkte sich der Protest bereits auf Bayerns Bibelgürtel. Als Ingrid Steeger Anfang der Siebziger ihre "Klimbim"-Büste ausgrub, empörte sich noch der Klerus. Und als bei "Tutti Frutti" das Kommerzzeitalter halbnackt eingeläutet wurde, überließ man die Kritik ganz dem Feuilleton. Mit Nacktheit war kein Skandal zu machen, selbst DDR1 zeigte 1986 "Erotisches zur Nacht", und den ersten schwulen Kuss besorgte die "Lindenstraße".
In der Grauzone zwischen sexueller Neugier und Bedrohlichkeit, wie Michel Foucault sie beschrieb, wollte das Privatfernsehen stets alle Seiten kolorieren. Nur: Wie soll man sexuelle Konventionen sprengen, wenn sie verschwinden? Ganz einfach: mit Härte. Magazine wie "M" filmten sich ab Ende der Achtziger von Swingerclub zu Pornoset und wieder zurück. Formate wie "Sexy Follies" bebilderten den Koitus fiktiv, und kaum ein Primetime-Film kam noch ohne Bettszene aus.
Doch diese Zeiten sind passé. RTL mag weiter als Schmuddelkanal gelten - offen Anzügliches läuft dort nicht mehr. Die letzte Beanstandung liegt 17 Jahre zurück, Erika Berger ist 70 und Talks über Windelfetischisten, für die Sat.1 ein Bußgeld kassierte, sind zu blöd, um jemanden aufzuregen. Weil das private dem öffentlich-rechtlichen aber, wie die Medienexpertin Gerda Wurzenberger schreibt, ein unmoralisches Fernsehen entgegensetzen muss, lotet es neue sexuelle Abgründe aus - und findet sie auf dem Sklavenmarkt. Oder was bitte soll "Mission Hollywood" (RTL) anderes sein, "Are U Hot" auf Viva, "Sommermädchen" von Pro7 oder Supermodelsuchen an gleicher Stelle? Pornographie, so urteilte der BGH 1969, begattet eben nicht nur reißerisch, stimulierend und kontextfrei; sie reduziert die Funktion ihrer Darsteller auf austauschbare Lustobjekte. Womit wir in der Gegenwart wären.
"Gut gebaut, aber nicht richtig hot"
Es bedarf keiner Gründe, damit sich Jungerwachsene mit Quetschdekolletee auf willige Verfügbarkeit zurichten lassen. Zu gewinnen gibt es wenig. Avisierte Laufstegkarrieren enden meist bei Reklame für klamme Kaufhäuser. Die Protagonistinnen entblößen ihre Würde in Stringtangas, um sich bei Viva von Juror Scooter als "gut gebaut, aber nicht richtig hot" rauswählen zu lassen oder von Til Schweiger als Hollywood-untauglich, weil sie keinen anständigen Orgasmus spielen können.
Nachdem das Fernsehen den Sog des Aktes erst entdeckt, dann ausgebeutet, schließlich zu Tode gesendet hat, ist dies eine neue Stufe sexueller Bereitstellung: Visualisierten die Fachformate der Neunziger vom Kopfkino "Erotic Tales" (ZDF) über harmlosen Lederhosenklamauk im Free TV oder gerügte Fickfilme bei Premiere bis zur Dauerreklame für die zugehörige Industrie ("Wa(h)re Liebe") den Koitus zu Quotenzwecken, so liefert Pro7 nun ergebenes Fleisch im Zoom der Objektive. Das gab es schon in den züchtigen Fünfzigern. Jetzt aber wird die Reduktion aufs Optische als Emanzipation verkauft, so wie Heidi Klums Äußeres permanente Paarungsbereitschaft vermittelt und sie doch als unabhängig gilt.
Ein Sexobjekt zu sein, muss frau sich eben erarbeiten. Da ist die "Freiwillige Selbstkontrolle Fernsehen" (FSF), 1994 im Zuge der Kritik an Sex und Gewalt im Privatfunk gegründet, eher zahnlos. Und Geschmack will ihr Leiter Joachim von Gottberg nicht zensieren. Über den sich ohnehin streiten lässt. "Kopulationsakrobatik mit Hintergrundstöhnen im Fernsehen hat einen Ermüdungseffekt", sagt ARD-Programmdirektor Volker Herres. Entscheidend für wahre Erotik sei die Inszenierung, etwa bei ästhetischen Reihen wie den "Sommernachts-phantasien" im ZDF oder der US-Serie "Californication" (Vox). Hier wird Beischlaf in allen Facetten praktiziert, ohne dass er wirklich gezeigt wird.
Jenseits davon ist das Erregungspotenzial gering - in jeder Hinsicht: Klagen über den Kabelkanal "Beate Uhse TV" etwa bestehen laut FSF-Chef Gottberg oft daraus, dass zu wenig sichtbar sei. Und es mag weiter "in vielen Serien harte Sexszenen" geben, wie die Medienforscherin Joan Bleicher meint. Als "Aufmerksamkeitsfaktor" sei Erotik aber ins Internet abgewandert. Wer braucht Softpornos, wenn sogar Christine Neubauer ständig Begattungsszenen spielt. Und wer guckt RTL, wenn es youporn gibt. Heute suchen die Privaten neue Tabus, so Bleicher und nennt - "Eltern auf Probe".
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