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Erwachsen auf Probe: Prostitution, Pädagogik?

Anmerkungen zur RTL-Doku-Soap "Erwachsen auf Probe" und ihrem britischen Urfassung "Baby Borrowers". Von Harald Keller

Die RTL-Reihe steht in der Kritik.
Die RTL-Reihe steht in der Kritik.
Foto: RTL

Erstaunlich, mit welcher Verve sich manche Menschen äußern, ohne ihren Gegenstand zu kennen. Rita Waschbüsch, prominente Katholikin und Vorsitzende eines Schwangeren-Beratungsvereins, zürnte: "Sperrt endlich die RTL-Voyeure in einen Käfig und lasst sie nie mehr Sendungen machen". Der Hebammenverband erkannte gar eine "neue Form der Prostitution" - Töne, die man eher mit lärmigen Talkshows als mit gesellschaftlichen Debatten in Verbindung bringt.

Die Ausfälle waren auf die RTL-Reihe "Erwachsen auf Probe" gemünzt, eine Doku-Soap nach Vorbild der britischen Reihe "Baby Borrowers". Die deutsche Lizenzausgabe wird von den Briten eng begleitet, wie BBC-Produzent Duncan Cooper auf FR-Anfrage mitteilte: "Eine Reihe wie ,Baby Borrowers' erfordert gewissenhafte Sicherungs- und Überwachungsmaßnahmen, um sicherzustellen, dass das Wohlergehen aller Beteiligten Priorität erhält."

Wie in der britischen Urfassung, üben auch in der RTL-Version junge Paare vor laufender Kamera den Familienalltag. Nach einem Kurs in Babypflege simulieren die Frauen die Schwangerschaft mit einem künstlichen Babybauch und versorgen eine computergesteuerte Babypuppe. Im Weiteren werden sie ein Kleinkind betreuen, danach ein Schulkind und schließlich einen Teenager.

Die Mutter-Kind-Bindung

Das kritische Echo galt vorrangig dem Umstand, dass den Ersatzeltern Kinder zwischen 7 und 14 Monaten überlassen wurden. Es war wohl vor allem das einschlägige Image des Senders RTL, das zur Heftigkeit der Empörung beitrug. Sogar die Protestwelle selbst wurde RTL angekreidet: Spiegel online streute die Vermutung, RTL halte Pressekopien der Reihe zurück, um die Aufregung werbewirksam zu schüren. Doch für die am 22. Mai von RTL anberaumte Vorstellung für Kritiker und Experten konnte nur ein Zusammenschnitt der ersten beiden Folgen und die besonders umstrittene Folge 3 fertiggestellt werden.

Aus den Reaktionen bisher lässt sich herauslesen, dass einem Sender wie RTL ernsthafte Absichten per se abgesprochen werden. Zudem gibt es eine ideologische Komponente. Die Osnabrücker Professorin Heidi Keller, Leiterin der "Forschungsstelle Entwicklung, Lernen und Kultur", weist darauf hin, dass die von Kritikern zum Maßstab gesetzte enge Mutter-Kind-Bindung unserem westlichen Mittelschichtsdenken entspringt und sich keineswegs verallgemeinern lässt.

Die in der Kritik anklingende Bindungstheorie, so Keller, "stellt das Kind absolut in den Mittelpunkt. Demnach muss die sensitive Mutter jedes kleinste Signal des Babys wahrnehmen und angemessen schnell und adäquat darauf reagieren, damit ein Kind eine sichere Bindung erwirbt. Das Modell wird als universell betrachtet, hat aber nur einen sehr eingegrenzten und eingeschränkten Geltungsbereich." Die Wissenschaftlerin empfiehlt den Blick auf andere Kulturen. Dort wissen die Kinder "zuweilen gar nicht, wer die biologische Mutter ist. Da existiert ein Netz von Menschen, die für ein Kind da sind und seine Bedürfnisse erfüllen."

Keller hält die von der BBC vorgegebenen und von RTL übernommenen Maßnahmen für ausreichend: "Ich will RTL überhaupt nicht in Schutz nehmen. Der Sendername ist sicher kein Synomym für Qualitätsfernsehen. Aber ich denke, dass in diesem Fall Schutzmechanismen eingebaut worden sind, die vielen anderen Kindern versagt bleiben."

Gleichermaßen reizvoll wie nützlich wäre eine begleitende Untersuchung zur Wirkung der Reihe. Wenn Eva Sowa, Leiterin des Mütterbüros Nordrhein-Westfalen, auf ihr "Teenagermütter-Projekt" und der Schwangeren-Beratungsverein "Donum Vitae" auf seine Arbeit hinweisen, so mag das berechtigt sein, zeigt aber auch mangelndes Verständnis für die Zielgruppe. Deren Angehörige wissen unter Umständen nicht einmal, dass es bei Volkshochschulen oder Familienbildungsstätten geeignete Kurse gibt. Und selbst wenn: Der Besuch solcher Veranstaltungen käme in vielen jugendlichen Bezugsgruppen einem Prestigeverlust gleich. Im juvenilen Jargon gesprochen: Es wäre uncool. "Erwachsen auf Probe" spiegelt gerade auch diese Befindlichkeit der Heranwachsenden, ihre Unsicherheit, die sich namentlich bei den Jungs in präpotentem Verhalten oder simuliertem Erwachsenengehabe äußert.

Einige notorische Wortmelder im Internet haben bereits klug erkannt, dass es sich bei "Erwachsen auf Probe" um ausgemachtes Unterschichtenfernsehen handelt. Sie benutzen diesen Begriff, um sich über den gemeinen Pöbel zu erheben. Darin liegt der Irrtum. Gerade die BBC pflegt die Tradition, Bildung und Information wirkungsvoll, also mit populären Mitteln, an breite Schichten heranzutragen. Und auch in Deutschland war Fernsehen nie als reines Oberschichtenvergnügen konzipiert.

"Erwachsen auf Probe", RTL,

20.15 Uhr.

Autor:  HARALD KELLER
Datum:  3 | 6 | 2009
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