Aktuell: Brexit | HIV und Aids | Flüchtlinge in Deutschland und Europa | Zuwanderung Rhein-Main
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Medien

22. März 2012

Essay zum Deutschen Fernsehen: Stirbt das Land vor Langeweile?

 Von Malte Welding
Es ist, würde in einer Ecke des Wohnzimmers ein stummgeschalteter Jahrmarkt stehen.  Foto: Getty

Das Versagen der deutschen Fernsehkultur gründet in der geistigen Verfassung des Landes: Individualität ist verdächtig, wer herausragt, wird einen Kopf kürzer gemacht. Eine Abrechnung.

Drucken per Mail
Berlin –  

Ich habe mal richtig viel Fernsehen geschaut, Ende der Neunzigerjahre ist das gewesen. Ich benutzte Fernsehen als Betäubungsmittel, um über den Tod meines Vaters hinweg zu kommen. Monatelang schaltete ich morgens Kerner an und schaute durch bis Domian. Dazwischen Arabella, VIVA, VIVA II, MTV, Nachrichten, Promi-Flashs, Raab, Dings, Soft-Erotik.

Alles war laut und hässlich, genau das, was ich brauchte, aber eines Nachts sah ich in der Wiederholung einer Bärbel Schäfer-Folge eine so brutale Überdosis von Hässlichkeit und Niedertracht (zwei Säufer freuten sich, nicht als Vater eines unglücklichen Säuglings infrage zu kommen), dass ich geheilt war.

Es ist sowieso ein Irrtum, das Fernsehen für das Medium der Schönheit zu halten. Hier regiert das Hässliche, selbst die Models, die dauernd irgendwo gecastet werden, sehen in ihrer buckelnden Eifrigkeit scheußlich aus. Schönheit gibt es nur im Zusammenhang mit Produkten, in den Ästhetik-Inseln der Werbung.

Gerade war da noch der Parfum-Mann oder der Bier-Mann oder der Chips-Mann, der mit den vielen Freunden, jetzt sitzt da wieder Rainer Calmund oder der, der mal einen Schnauz hatte oder der, der bei Bild.de Witze macht, oder der, der früher mal Fernsehen gemacht hat und jetzt seine Rente auf dem Bildschirm abfeiert: Harald Schmidt. Irgendwann wird er so eine Art großer alter Mann des Bumswitzes sein, jetzt ist er das Mehltau gewordene Mahnmal der Langeweile, ein nicht enden wollendes Schlafwandeln, nein, Irrtum: Er ist ein Ghost Jobber.

Ein Ghost Job ist eine Stelle, meistens in einer großen Firma, die längst überflüssig geworden ist, aber bei irgendeiner Umstrukturierungsmaßnahme hat irgendein 23-jähriger Unternehmensberater vergessen, diese Stelle abzuschaffen. Nun ist dem Ghost Jobber niemand mehr vorgesetzt, er muss niemandem Zahlen präsentieren, er kommt zur Arbeit, nur für den Fall, dass es mal einen arbeitsrechtlichen Prozess gibt, er will sich dann nichts vorwerfen lassen müssen, aber es ist alles so schrecklich egal. So egal.

Endlos-Talk und die nackteste Frau der Welt

Es ist, als hätte ich in einer Ecke des Wohnzimmers einen stummgeschalteten Jahrmarkt stehen. Würde man ihn zum Leben erwecken, dann wäre er zunächst einfach nur wahnsinnig laut, dann erst würde man die einzelnen Geräusche als Werbung deuten können oder als Frauke Ludowig oder als Polizeisirene.

Fernsehen, das sind afro-amerikanische Knastinsassen, die in der aberwitzigen Synchronisation Bühnenhochdeutsch sprechen. Fernsehen, das ist Bohlen mit seiner gebräunten Haut und seinen blassen Augen,der Blockwart des Ballermann. Fernsehen, das ist Micaela Schäfer, die nackteste Frau der Welt. Und Fernsehen, das ist Talk. Endloser Talk. Immer wieder Talk. Nicht über alles. Sondern immer über dasselbe.

Man sollte keine Sekunde glauben, dass es sich bei den auf staatstragend lackierten Abendtalkshows um etwas anderes handelt als bei den berüchtigten Nachmittagtalkshows der Neunzigerjahre. Niemand erinnert sich an den letzten Skandal, der von Journalisten einer Fernsehsendung ins Rollen gebracht wurde.

Früher deckte man Skandale auf, heute spricht man drüber. Was denkt denn wohl Helmut Dietl über Christian Wulff? Ist irgendein ehemaliger Politberater noch nicht befragt worden, ob er Guttenberg für einen Plagiator hält? Kenne ich etwa die Meinung von Roger Willemsen zur drohenden Griechenland-Pleite nicht, kann mir entgangen sein, was Veronika Ferres von der Bankenkrise hält?

Aber es gibt ja nicht nur Talks, sondern auch die Journalismusplacebos „frontal 21“ oder „ZDF-Reporter“. So wie dort die Off-Sprecher hätten die Moderatoren der „2-Minuten-Hass-Sendung“ in Orwells „1984“ gesprochen, hätte er eine Ahnung gehabt, wie denunziatorisch ein Sprechorgan klingen kann.

Beim Fernsehen etwas anderes machen

Als ich mich entschließe, mich noch einmal genauer mit dem Fernsehen zu befassen, schaue ich zunächst auf TVSpielfilm.de nach, was denn gerade so läuft. „Auf Öland liegt Schloss Solliden, die Sommerresidenz der schwedischen Königsfamilie. Adelsspezi Rolf Seelmann-Eggebert (75) stellt die Insel und ihre Besonderheiten vor, begleitet das Königspaar auf eine Oldtimer-Rallye und verfolgt das alljährliche Geburtstagsritual für Prinzessin Viktoria.“

So preist das TV-Magazin den dritten Teil der Reihe „Wo Könige Ferien machen“ an. Auf dem Vorschaubild schaut der König wohlgefällig ein kleines Mädchen mit Blumenkranz an, das von seiner Frau in Bauerntracht begrüßt wird. So etwas läuft im NDR, bürgerliche Gebührengelder für öffentlich-rechtliche Adelspropaganda, die aber auch als passive Sterbehilfe mit Sicherheit ganz ordentlich funktioniert.

Der Filmjournalist und Drehbuchautor Daniel Bickermann kann erklären, warum so etwas läuft. Die Sender zielten darauf ab, die Intensivseher an das Programm zu binden. Intensivseher sind jene 33 Prozent der Zuschauer, die 80 Prozent des Fernsehkonsums ausmachen. Sie schauen bis zu acht Stunden täglich fern. Richtiger wäre es zu sagen: Sie lassen den Fernseher acht Stunden lang laufen. Sie wollen beim Fernsehen etwas anderes machen.

So boomt das Fernsehen und kommt auf schwindelerregende Quoten – die Plasmakästen flimmern noch ein paar Minuten länger pro Tag als je zuvor – und damit das mit den Quoten so bleibt, darf das Programm auf keinen Fall stören. Mit anderen Worten: Das deutsche Fernsehen ist dafür da, dass man nicht hinsieht. Da fällt so ein vor sich hin sendender Ex-Komiker wie Schmidt nicht nur nicht weiter auf, gerade die Gleichgültigkeit seines Humors sichert seine Bildschirmexistenz.

1 von 3
Nächste Seite »
Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Serie
Polizeiabsperrung, kaum eine Kriminalgeschichte kommt ohne sie aus.

In der Sommerpause von „Tatort“ und „Polizeiruf“ schreibt die FR-Redaktion ihre Krimis wieder selbst. Ähnlichkeiten mit Fernsehermittlern sind aber rein zufällig.

Medien
Talkshow-Kritiken auf einen Blick
Filmtipps
Quiz
Tatort-Logo

Seit 40 Jahren gibt's fast jeden Sonntag im Fernsehen Mord und Totschlag. Mit dem Tatort beweist das öffentlich-rechtliche Fernsehen immer wieder seine Leistungsfähigkeit. Was wissen Sie über die Krimi-Reihe? Testen Sie's!

Anzeige

Videonachrichten Leute
Film

Die Filmwoche: Was läuft wann in welchem Kino? Alle Neustarts, alle Filme, alle Kinos, alle Zeiten.