Aktuell: Trauer um Claudia Michels | Pegida | Flucht und Zuwanderung | Fußball-News | Eintracht Frankfurt

Medien

12. April 2012

Eurovision Song Contest in Baku: Aserbaidschan startet Kampagne gegen Frankfurt

 Von Elmar Kraushaar
Das Staatsfernsehen von Aserbaidschan präsentiert Frankfurt als schmuddelige Stadt. Foto: dpa

Vor dem Eurovision Song Contest prangerten deutsche Politiker Menschenrechtsverletzungen in Baku an. Nun wehrt sich Aserbaidschan mit einer Schmutzkampagne gegen Deutschland. Besonders Frankfurt kommt schlecht weg.

Drucken per Mail

Arbeitslose hausen in Zelten im Schatten der Bankentürme, Frauen müssen in Sex-Shops arbeiten, die nichts weiter sind als getarnte Bordelle, und die Zahl der Drogenabhängigen, die durch die Straßen wanken, steigt stetig.

So berichtete das aserbaidschanische Staatsfernsehens AZTV kürzlich in einer Reportage aus Frankfurt am Main, unterlegt mit Bildern vom Occupy-Protestcamp vor der Europäischen Zentral Bank und einer Kamerafahrt durch das Bahnhofsviertel der Mainmetropole.

Kein Zweifel: Das kleine Land auf dem Kaukasus schlägt zurück, seitdem westliche Medien mit Blick auf den bevorstehenden Eurovision Song Contest (ESC) Ende Mai in Baku vor allem über die Lage der Menschenrechte und den schleppenden Prozess der Demokratisierung in Aserbaidschan berichten. „Es gibt eine regelrechte Schmutzkampagne gegen Deutschland“, sagt etwa der aserbaidschanische Menschenrechtsaktivist Rasul Jafarov.

Der Menschenrechtsbeauftragte als Trunkenbold denunziert

Bundesaußenminister Guido Westerwelle musste sich unlängst bei einem Kurzbesuch in Baku von einer aserbaidschanischen Journalistin fragen lassen, ob die Bundesregierung hinter dem „negativen Bild“ stecke, das die deutschen Medien von ihrem Land zeichneten. Und der mitreisende Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung, Markus Löning, der wiederholt Medien- und Meinungsfreiheit für das Land anmahnte, wird in der staatlich gelenkten Presse als Trunkenbold denunziert, der Sex habe mit einer einheimischen Bürgerrechtlerin.

Der Ton ist rauer geworden, dabei wollte sich die autoritär geführte Regierung Aserbaidschans mit einem spektakulären ESC von ihrer Schokoladenseite zeigen, für die Propagandaveranstaltung sollte nichts zu teuer sein. Westliche PR-Agenturen wurden engagiert, und unter deutscher Leitung errichtete man in Rekordzeit den ESC-Austragungsort, die “Crystal Hall“, in der Hafenbucht von Baku.

Spätestens als bekannt wurde, dass für diesen Bau und für die Straßen dahin Häuser zwangsgeräumt werden mussten, gab es öffentliche Kritik: „Darf man da singen?“ fragten deutsche Zeitungen, erste Boykottaufrufe wurden laut.

Jetzt war der Festival-Veranstalter, die European Broadcasting Union (EBU), am Zug. Doch keine Chance, der ESC sei eine unpolitische Veranstaltung, so die Doktrin der EBU-Zentrale in Genf. „Wir stehen für Veränderung zum Besseren und für demokratische Grundrechte“, sagt Jørgen Franck, TV-Direktor der EBU: „Dafür kämpfen wir in Europa. Aber wir nehmen nicht aktiv teil an dem Prozess, das lassen wir andere machen.“

Was der Veranstalter verdient, bleibt geheim

Warum so viel diplomatische Zurückhaltung? Will man die Veranstaltung nicht gefährden? Schließlich ist der ESC die größte Live-Musikshow im Fernsehen weltweit, mit der sich Geld machen lässt durch Sponsoren- und Televoting-Einnahmen und den Verkauf der Übertragungsrechte in andere Erdteile.

Wie viel die EBU an ihrem Musikwettbewerb verdient, bleibt geheim, die Zahlen sind nicht öffentlich, heißt es aus Genf. Nur so viel: Die EBU macht keinen Gewinn für sich, alle Überschüsse gehen zurück an die teilnehmenden Sender und an den jährlich wechselnden Gastgeber, in einem ungefähren Verhältnis von 50:50. Sponsorengelder gehen vor allem an den jeweiligen Gastgeber – zur Refinanzierung der entstandenen Kosten.

Zum genaueren Verständnis hilft der Blick auf die Vorjahreskosten des ESC aus Düsseldorf: Die ARD unter Federführung des NDR trug einen Kostenanteil von rund 13 Millionen Euro am ESC 2011. Die EBU stellte weitere etwa 4,3 Millionen Euro zur Verfügung – diese Summe finanzieren die am ESC teilnehmenden Länder als Antrittsgebühr.

Die reichsten Länder erkaufen sich die Finalplätze

Die wird je nach Bevölkerungsanteil errechnet. Die finanzkräftigsten Länder Deutschland, Großbritannien, Spanien, Frankreich und Italien werden seit 1997 als sogenannte Big Five zusammengefasst. Dieser Status ermöglicht ihnen, jedes Jahr einen sicheren Platz im Finale.

Deutschland hatte auf diese Regeländerung gedrungen, nachdem ein Jahr zuvor ihr Beitrag „Planet Of Blue“ des Sängers Leon in der Qualifikation aus dem Wettbewerb geflogen war. Nach dieser Sonderstatusregelung liegen die ESC-Startgebühren für Deutschland bei knapp 365 000 Euro, eine Summe, die – wie der NDR dazu betont – „signifikant unter den Produktionskosten einer durchschnittlichen deutschen Unterhaltungsshow im Hauptabendprogramm liegt“.

Diese Bilanz eines ESC-Jahres macht klar, dass die EBU sehr interessiert ist an einem finanzstarken Gastgeber. Je mehr Geld das Land bereitstellen kann, umso größer und umso spektakulärer kann die Show ausfallen. Die Gesamtzuschauerzahl für die beiden Halbfinals und die Finalshow stagniert, sie hat sich seit einigen Jahren zwischen 115 und 120 Millionen eingependelt.

Also müssen jedes Jahr neue Superlative her, um den Zuschaueranreiz zu steigern. Dafür braucht die EBU einen potenten Partner. Wie Aserbaidschan. Das Land ist reich durch seine riesigen Öl- und Gasvorkommen und willens, alles dafür zu tun, sich ein neues Image zu geben – koste es, was es wolle.

Zur Homepage
comments powered by Disqus
Medien
Talkshow-Kritiken auf einen Blick
Filmtipps
TV-Kritik
Quiz
Tatort-Logo

Seit 40 Jahren gibt's fast jeden Sonntag im Fernsehen Mord und Totschlag. Mit dem Tatort beweist das öffentlich-rechtliche Fernsehen immer wieder seine Leistungsfähigkeit. Was wissen Sie über die Krimi-Reihe? Testen Sie's!

Videonachrichten Leute
Kino: Neustarts
Film

Die Filmwoche: Was läuft wann in welchem Kino? Alle Neustarts, alle Filme, alle Kinos, alle Zeiten.