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Medien

05. Juli 2012

Evgeny Morozov : Warum das Internet die Welt nicht rettet

Evgeny Morozov ist ein Weltbürger. Foto: privat

Blogs und soziale Netzwerke können Diktaturen stürzen, daran hat Evgeny Morozov lange geglaubt. Inzwischen hält er die Internet-Euphorie für gefährlich.

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Blogs und soziale Netzwerke können Diktaturen stürzen, daran hat Evgeny Morozov lange geglaubt. Inzwischen hält er die Internet-Euphorie für gefährlich.

Spätestens seit der Arabellion ist allenthalben die Rede von Facebook- und Twitter-Revolutionen, mit deren Hilfe sich geknechtete Völker befreien können. Kann das Internet die Welt retten?

Ich habe mal daran geglaubt. Ich habe sogar lange aktiv für die Idee geworben, dass das Internet die Welt verbessern kann. Heute weiß ich: Das ist Blödsinn.

Inwiefern?

Ich habe lange für eine Nichtregierungsorganisation gearbeitet, bin drei Jahre lang durch Zentralasien, den Kaukasus und Weißrussland gereist. Ich habe Netzaktivisten, Blogger und Oppositionspolitiker getroffen und für die Neuen Medien missioniert. Ich habe ihnen gezeigt, wie sie Blogs, soziale Netzwerke und Wikis nutzen können, um Missstände in ihrem Land anzuprangern. Aber all das hatte nicht den erhofften Effekt. Anstatt robuste, geheime Strukturen in den Neuen Medien aufzubauen, haben wir sie zerstört.

"Die Regimes waren schneller und schlauer"

Das müssen Sie erklären.

Wir hatten nicht bedacht, dass die Regierungen dem Treiben ja nicht tatenlos zusahen. Die waren nicht nur schneller, sondern auch schlauer als wir.

Woran haben Sie das gemerkt?

Sie fingen sehr bald an mit Online-Überwachung, Zensur und Propaganda im Internet. Sie haben Blogger übers Netz zurückverfolgt und ausgespäht, indem sie alle erdenklichen Überwachungsinstrumente des Internets benutzt haben. Da habe ich kapiert, dass unsere Arbeit im Vergleich dazu fast nichts erreichen kann. Der Ansatz „Schult sie einfach – und die Demokratisierung wird kommen“ bringt nicht nur nichts. Er ist auch gefährlich.

Was sollte man stattdessen tun, um unabhängige Oppositionsgruppen zu unterstützen?

Man könnte zum Beispiel versuchen, zu verhindern, dass westliche Firmen ihre tollen Überwachungstechnologien an autoritäre Regierungen verscherbeln. Außerdem sollte man Facebook und Google dazu bringen, dass sie anonyme Blogger nicht länger bestrafen, wie es zurzeit der Fall ist.

Mit anderen Worten: Aktivismus ist weniger in geknebelten Staaten nötig als hier bei uns im Westen. Die Überwachungstechnologien und die Datenschutzregulierungen, denen Google und Facebook unterliegen, kommen nicht aus Schurkenstaaten, sondern aus der freien westlichen Welt.

Gab es einen Schlüsselmoment, in dem Ihnen das klar wurde?

Einige politische Ereignisse haben mich zum Nachdenken gebracht, vor allem der Russisch-Georgische Krieg 2008. Da wurden einige der Anweisungen für dezentrale Cyberattacken von russischen Nationalisten und Bloggern verbreitet. Ich weiß noch: Ich recherchierte für einen Artikel, da stieß ich in mehreren Blogs auf Anweisungen, wie ich Software auf meinem Computer installieren kann, um die Webseiten der georgischen Regierung anzugreifen.

Ich habe diese Software heruntergeladen und tatsächlich konnte man damit helfen, georgische Webseiten zum Schweigen zu bringen. Ich wurde quasi Soldat im georgisch-russischen Cyberkrieg.

Warum hat Sie das so beeindruckt?

Das war viel ausgefeilter als das, was wir von autokratischen Regierungen erwarten. Vor sechs, sieben Jahren haben sie einfach stupide missliebige Webseiten blockiert. Aber seither holen sie unglaublich schnell auf, vor allem China und Iran. Sie planten clevere Propaganda-Kampagnen, entwickelten jede Menge ausgefeilter Überwachungs- und Spionage-Technologie, sie infiltrierten Chatrooms, in denen sich Oppositionelle austauschten. Alles sehr schlau – sie waren eindeutig im Vorsprung gegenüber den Netzaktivisten

Aber nicht nur Diktaturen nutzen das Netz für ihre Zwecke.

Auch westliche Staaten investieren in Überwachungstechnologie oder erstellen Malware, also Computerprogramme, die vom Nutzer unerwünschte Dinge tun. Aber wir gehen ja davon aus, dass diese Technologie nur im Rahmen geltender Gesetze angewendet wird.

"Wir sollten wenigstens Bescheid wissen"

Ist das so? In Deutschland wurde im Oktober aufgedeckt, dass der Staat fragwürdige „Bundestrojaner“ einsetzt.

Ihre Polizei nutzte Malware, um die Computer von Verdächtigen zu durchsuchen. Das ist ihre Aufgabe. Nur war die Malware so programmiert, dass man auch Beweise auf dem Computer des Verdächtigen platzieren konnte – was gegen die Verfassung verstoßen würde. Dennoch: Im Westen gibt es Mechanismen, die Missbrauch durch Regierungen verhindern.

Aber sobald Firmen, die diese Malware programmieren, die Technologie in Länder wie Syrien, Weißrussland oder Kasachstan exportieren, gelten diese Regeln nicht mehr. Die setzen sie ein, wie sie wollen. Sehr viel von der Überwachungsausrüstung in autoritären Staaten wurde hergestellt, weil jemand in den USA, Großbritannien oder Deutschland die Firmen damit beauftragt hat. Und wenn sie einmal da ist, gelangt sie eben leicht in die falschen Hände.

Sind Sie generell skeptisch gegenüber Cyberattacken durch Demokratien? Gerade kam heraus, dass US-Präsident Obama den Virenangriff auf die iranischen Atomanlagen aktiv beschleunigt hat. Besser als ein Bombenangriff, oder?

Das kann man so sehen. Ich fordere ja auch nicht, dass all diese Werkzeuge im Westen verboten sein sollten. Man sollte sich nur im Klaren darüber sein, wohin die Entwicklung führen könnte: Das FBI hat erst vor Kurzem angekündigt, dass es Internet-Firmen wie Skype und Facebook noch mehr unter Druck setzen will, damit sie diese „Hintertüren“ einbauen, mit denen man jeden User bei seinen Aktivitäten überwachen könnte. Das hieße, die bräuchten dann gar nicht darauf zu warten, bis Facebook ihnen nach drei Monaten Daten liefert – sie könnten einfach in Echtzeit mithören.

Sollten Demokratien so etwas verbieten?

Wir sollten wenigstens darüber Bescheid wissen. Wir tragen heute schon unsere Handys mit uns herum, die unseren Standort jederzeit orten. Kombiniert man das mit all den Daten, die wir freiwillig auf Facebook posten, erhalten die Behörden weit mehr Informationen, als sie noch vor wenigen Jahren zu träumen wagten.

Wenn du Facebook-Kunde bist – was ich persönlich nicht bin – haben andere permanent Zugriff auf deine Freunde. Insofern braucht es mehr Regeln. Denn wenn es nach dem FBI und Co. ginge, würde man Überwachungskameras in unseren Köpfen platzieren.

Warum schert sich nur eine Minderheit der User um die dunklen Seiten des Netzes?

Wenn du ein komfortables Leben im Westen führst und dich nicht ständig mit der politischen Lage in China oder sonstwo befasst, bekommst du nicht mit, welche zweifelhaften Möglichkeiten das Netz eröffnet. Die Menschen wollen das Märchen glauben, dass das Internet ein Freiheits-Instrument ist; dass es überall, wo es verfügbar wird, die Menschen von ihren Fesseln befreit.

Man könnte einen wunderbaren Film daraus machen: Wie mutige Kapitalisten in ihrer Garage ein technologisches Instrument schufen, das im Handumdrehen die arabische Welt befreite. Daran glauben jedenfalls viele Amerikaner.

Aber ist daran – etwa mit Blick auf den arabischen Frühling – nicht etwas Wahres?

Das Problem in Amerika ist, dass die meisten Politiker und Politikwissenschaftler noch immer in Kategorien des Kalten Krieges denken, wenn sie China, Iran oder Russland analysieren. Man glaubt, wenn die ihr Volk knebeln, können sie auch wirtschaftlich nicht erblühen. Also ist es nur eine Frage der Zeit und der Einflussnahme von außen, bis das Volk sich erhebt. Aber – Überraschung: Diese Regime haben längst weite Teile von Politik und Wirtschaft liberalisiert und genießen zum Teil großen Rückhalt in der Bevölkerung.

Es ist ein dummes, altes Vorurteil, dass autoritäre Staaten von Idioten gelenkt werden, die Dinge wie das Internet nicht verstehen und das ganze Volk gegen sich haben. Tatsächlich sitzen da zum Teil sehr intelligente Leute an den Schaltstellen. Sie haben sehr gute Berater, oft aus dem Westen. Sie kaufen westliche Technologien und wissen oft bestens, wie sie das Internet für ihre Zwecke nutzen können.

"Die Kony-Kampagne war eine dumme Idee"

Soziale Netzwerke bieten oftmals erst die Möglichkeit, über viele verschiedene Dinge Informationen zu bekommen. Beispielsweise haben durch die Kampagne „Kony 2012“ Millionen Teenager zum ersten Mal von Kindersoldaten in Uganda gehört.

Ja, aber was ist das Ziel dabei?

Druck auf westliche Regierungen auszuüben, damit sie einschreiten?

Das ist eine dumme Idee. Das Letzte, was mir derzeit einfiele, wäre Druck auf die US-Regierung auszuüben, damit sie in Uganda einschreitet. Mir wäre es lieber, jemand würde Druck auf sie ausüben, damit sie in Syrien einschreitet. Wir können doch nicht ernsthaft zulassen, dass die Zahl der „Gefällt mir“-Klicks darüber entscheidet, wo eine Regierung sich engagiert und wo nicht.

Die „Kony“-Kampagne hat mir zunächst einmal nur bewiesen, dass da jemand professionell eine marktgerechte Aktion gestrickt hat, um ein nachrangiges Problem in den Vordergrund zu rücken.

Wer soll denn Ihrer Meinung nach entscheiden, was vor- und was nachrangig ist?

Wie wäre es mit gut informierten Politikern und Experten, die sich mit internationaler Politik auskennen? Nicht, dass ich die Problematik in Uganda kleinreden möchte, aber diese Anti-Kony-Kampagne hat doch etwas sehr Befremdliches. Was wissen die Urheber tatsächlich über Afrika? Die Aktion erinnert mich ein wenig an den Wikileaks-Gründer Julian Assange, der sagt: „Scheiß auf Transparency International, ich habe meine eigene Mission“.

So kam die „Kony 2012“-Kampagne auf die Bühne gestürmt, nach dem Motto: Was interessiert uns Politik, was interessieren uns Fachkenntnisse – wir haben Facebook. Dieses Anti-Expertentum kann auch komplett nach hinten losgehen. Im Netz kann jeder Verrückte andere Verrückte finden, um irgendwas loszutreten – egal, wie sinnlos, kontraproduktiv oder gefährlich es sein mag.

Also ist virtuelles Engagement schlechteres Engagement?

Nun ja, die Ku-Klux-Klan-Leute haben sich immer persönlich getroffen und sind dann losgezogen. Ich würde also nicht sagen, dass es immer besser ist, wenn Menschen sich von Angesicht zu Angesicht zusammentun. Das Problem ist eher, dass so oder so wenig dabei herauskommt, wenn man 50 Leute in einen Raum steckt und drauflos schwätzen lässt. Man braucht eine Moderation, Leute, die Ahnung haben.

Welche Risiken bringen große Internet-Firmen wie Facebook und Amazon?

All die Daten, die diese digitalen Händler sammeln, müssen irgendwo gelagert werden. Das heißt, dass unter Umständen das FBI oder eine andere Behörde sich Zugang dazu verschafft. Bislang war es so, dass das FBI einen Peilsender an unserem Auto anbringen musste, um uns zu verfolgen. Nun liefern wir selbst unseren Verfolgern die Daten – über Google. Dasselbe gilt für Amazon. Wenn ich alles nur noch über Kindle wahrnehme, weiß Amazon, was ich lese, was ich mag, was ich nicht mag, welche Wörter ich kenne und welche nicht, welchen Bildungsgrad ich demnach haben dürfte, wie meine Augen sich bewegen und so weiter. Aber was passiert, wenn sie die Daten erst einmal alle haben?

Vielleicht suchen sie sich neue Geschäftspartner, sagen wir: Zeitungsverlage. Denen geht es zunehmend schlechter, also hätten sie sicher Interesse, Werbekunden gefällig zu sein. Auf diese Weise könnten dann Zeitungsinhalte exakt und automatisch auf die Nutzer und auf Werbekunden zugeschnitten werden.

Warum wäre das schlecht?

Es könnte so enden, dass Hunderte Leute denselben Link anklicken und denken, sie lesen denselben Artikel. Tatsächlich lesen sie völlig unterschiedliche Texte. Nehmen wir an, ich klicke einen Artikel über Angelina Jolie an und Sie ebenfalls. Das System weiß, dass ich vor allem an Tratsch interessiert bin, eine mittlere Schulbildung habe und dass Sie studiert haben und interessiert an internationalen Nachrichten sind. Also endet mein Artikel über Angelina bei Brad Pitt, während Ihrer beim neuen Jolie-Film über den Bosnienkrieg landet.

Das verstärkt die Wissenskluft: Die Gesellschaft zerfällt noch mehr in Informierte und Uninformierte.

Und die Kommunikation zwischen beiden wird schwerer. Immerhin denken wir ja beide, wir hätten denselben Artikel gelesen. Und wissen Sie was: Amazon ist das egal. Sie wollen Geld machen. Punkt.

"Der Erfolg der Piraten überrascht mich nicht"

Es könnte so weit kommen, dass wir denken, für denselben Politiker zu stimmen, von dem wir aber tatsächlich völlig unterschiedliche Versprechen gehört haben?

Das gibt es jetzt schon. In Amerika ist ein großer Teil politischer Kampagnen bereits individualisiert. Sie kriegen von Politikern bereits Versprechen zu hören, die speziell auf Sie zugeschnitten wurden. Und dort hört es immer noch nicht auf.

In Deutschland haben wir jetzt ja eine neue schicke Partei …

… die Piraten – ich weiß.

Überrascht Sie deren Erfolg?

Nein, denn ihre Kernthemen gewannen bei jungen Wählern schon seit Langem immer mehr an Zuspruch: Internetfreiheit, Urheberrecht, Datenschutz. Dass sie in Deutschland aber derart erfolgreich sind, liegt eher an genereller Unzufriedenheit mit etablierter Politik. Das erleichtert populistischen Ein-Themen-Parteien den Aufstieg. Viele Bürger haben den Eindruck, die alten Parteien sind zu riesigen Politmaschinen geworden, die kaum Interesse an der Meinung des Volkes haben. Deshalb können die Piraten sich clever als die Kraft vermarkten, die den Politikbetrieb umgestaltet. Und deshalb reicht es bislang leider, dass sie über nichts als das Internet reden. Sie sollten schleunigst auch inhaltliche Positionen beziehen.

Viele Wähler scheinen es zu mögen, dass die Piraten offen zugeben, zu den meisten Themen keine Meinung zu haben. Inzwischen übernehmen schon etablierte Politiker diese Weiß-nicht-Haltung.

Dadurch ist nicht gleich die politische Kultur in Gefahr. Keine Ahnung hatten viele Politiker auch schon vor den Piraten, jetzt geben sie es nur leichter zu – und mehr Bescheidenheit ist nicht unbedingt eine Verschlechterung. Allerdings wird man ihnen das nicht durchgehen lassen.

Die Piraten dürfen das nur, weil sie nicht aus der traditionellen Politik kommen und die Rituale und Erwartungen nicht kennen. Sie verhalten sich wie Marsmenschen, die gerade auf der Erde gelandet sind. Und vorerst wird diese kleine Störung unserer Politik nicht gleich schaden. Immerhin haben uns doch die Etablierten so tief in den Schlamassel manövriert – finanziell, politisch, ideologisch. Es ist wie bei den Punks in den Siebzigern: Ein bisschen Provokation rüttelt auch mal wach.

Das Interview führten Steven Geyer und Jörg Schindler.

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