Medien

24. Mai 2012

Facebook, Twitter und Co.: Eine Schufa fürs Netz

 Von Jonas Rest
Wie beliebt wir in den sozialen Netzwerken sind, hat immer mehr Auswirkungen auf das "Offline-Leben". Foto: iStock

Ob ein Bewerber für einen Job eingestellt wird oder wer ein kostenloses Upgrade im Hotel bekommt, darüber entscheidet immer öfter der sogenannte Klout-Score. Der wird unter anderem aus eingestellten Beiträgen, Twitter-Followern und Facebook-Freunden berechnet.

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Darüber, wer als PR-Manager eingestellt oder wem eine Luxus-Suite in einem Hotel in Las Vegas zugewiesen wird, entscheidet manchmal ein kleines Start-up-Unternehmen in San Francisco. Es hat einen Algorithmus entwickelt, der die Reputation einer Person in sozialen Medien misst. Klout-Score wird die Zahl zwischen 0 und 100 genannt, die sich aus eingestellten Beiträgen, Twitter-Followern und Facebook-Freunden berechnet – und vor allem daraus, wie oft Beiträge aufgegriffen und weiterverteilt werden. Je höher die Zahl liegt, umso mehr Personen erreicht ein Nutzer, desto einflussreicher ist er.

Wenn der Klout-Score zu niedrig liegt, kann es Probleme geben. Die Punktzahl, die der Algorithmus für Sam Fiorella errechnete, war zum Beispiel nicht hoch genug – zumindest für die Stelle in einer PR-Agentur in Toronto, auf die er sich beworben hatte. Der Fall, über den das US-Magazin Wired berichtete, sorgte für einen Schock in der Branche. Denn Fiorella hatte zwar zuvor namhafte Konzerne wie das Internetunternehmen AOL und den Autobauer Ford beraten – aber, so resümierte er, fünfzehn Jahre Erfahrungen wurden aufgehoben von einer simplen Zahl: Mit 37 war Fiorellas Klout-Score viel zu gering. Als das Bewerbungsgespräch auf diese Punktzahl kam, war es anschließend schnell beendet. Stattdessen wurde ein Bewerber eingestellt, dessen Klout-Bewertung fast doppelt so hoch lag.

Wenn es nach Klout-Mitgründer Joe Fernandez geht, dürften sich solche Fälle bald häufen. Er ist überzeugt, dass der Einfluss von Klout rasant wachsen wird – und zwar in allen Lebensbereichen. Nach seiner Vorstellung werden Restaurants sofort den Klout-Score abrufen, wenn ein Kunde einen Tisch bestellt. Ebenso werde einem Call-Center-Agenten sofort eingeblendet, ob er mit jemanden spricht, der über einen hohen Einfluss in sozialen Netzwerken verfügt. Einige Hotels greifen bereits auf das Reputationsranking zurück. Schon vor zwei Jahren entschied ein Hotel in Las Vegas anhand der Klout-Ziffer, ob es einer Person ohne Aufpreis ein luxuriöseres Zimmer zuweist. Die Überlegung dahinter: Sollte der einflussreiche Gast in sozialen Netzwerken über seine Erfahrung berichten, würde sich der zusätzliche Service mittels des PR-Effektes mehr als bezahlt machen.

Bessere Plätze bei Fashion-Shows

Klout basiert darauf, dass soziale Netzwerke zugleich als Netzwerk der Mund-zu-Mund-Propaganda wirken. Und diese wird als einflussreicher angesehen als jede andere Form des Marketings. Nur: Die Tonangeber in den Netzwerken waren für Unternehmen bislang unsichtbar, ihre gezielte Beeinflussung, damit sie andere beeinflussen, schwierig. Zwar identifizierten PR-Agenturen schon immer meinungsbildende Journalisten und neuerdings auch Blogger. Doch die Ebene unter diesen in der Öffentlichkeit publizierenden Personen blieb meist verborgen. Dabei gehen Analysten sozialer Netzwerke davon aus, dass es abseits bekannter Persönlichkeiten einen Personenkreis von etwa zehn Prozent der Nutzer gibt, der die Agenda und die Diskussionen im Netz stark beeinflusst.

Klout und andere Reputationsmessdienste wie PeerIndex und Kred versuchen, diese unsichtbaren Beeinflusser sichtbar zu machen – und zwar zugeschnitten auf unterschiedliche Themenbereichen und Märkte. Die Erkenntnisse verkaufen sie inzwischen an etablierte Marken wie Nike, Microsoft oder Starbucks.

Längst werden bei Fashion-Shows bevorzugte Plätze für einflussreiche Social-Media-Akteure reserviert. Die US-Fluglinie Cathay Pacific lässt Personen in ihre VIP-Lounge am Flughafen in San Francisco, wenn sie mindestens 40 Klout-Punkte aufweisen. Einflussreiche soziale Netzwerker, so hoffen Unternehmen, lassen sich mittels solcher Annehmlichkeiten in eine Armee von Marken-Botschaftern verwandeln.

Noch steckt die Entwicklung sozialer Reputationsmessdienste in den Anfängen. Auf Twitter berichten etliche Nutzer, dass Klout ihnen falsche Kategorien zuordne. Eine Twitter-Nutzerin, die sich überhaupt nicht für Mode interessiert, wurde beispielsweise von Klout zur einflussreichen Expertin für Augenbrauen erklärt, weil sie den Begriff einmal in einer Kurzmitteilung erwähnt hatte. Prompt bekam sie fortan Einladungen für Beauty-Events geschickt.

Klout-Score auch für Unternehmen wichtig

Trotz dieser Unzulänglichkeiten hat sich Klout inzwischen als eine Art Goldstandard der Web-Reputation etabliert. Doch auch Konzerne wie Unilever und Intel experimentieren mit vergleichbaren Ansätzen – etwa im Beschwerde-Management. Der Einfluss einer Person in sozialen Netzwerken bestimmt so längst mit, wie viel Aufmerksamkeit ihr von Unternehmen geschenkt wird. Reputations-Messwerkzeuge wie Klout werden zu einer Art Schufa im Netz, deren Einflussbereich jedoch längst über das Internet hinaus geht.

Tatsächlich entscheidet die Web-Reputation bereits über die Kreditwürdigkeit von Menschen. Lenddo heißt ein New Yorker Start-up-Unternehmen, das einen Klout-ähnlichen Algorithmus einsetzt, um Kredite in Kolumbien und auf den Philippinen anzubieten. In Ländern, in denen es der Firma zufolge für die Mittelklasse oftmals schwierig ist, an herkömmliche Kredite zu gelangen, erschließt Lenddo so Geldgebern neue Märkte. Die Überzeugung dahinter: Personen mit vielen Bürgen in sozialen Netzwerken werden geliehenes Geld zuverlässiger zurückzahlen.

Das Angebot soll bald auf weitere Länder ausgedehnt werden – unterstützt durch einige derselben Financiers, die bereits frühzeitig in Facebook investierten. Die neue Schufa für das Netz wird dann immer mehr wie die alte wirken.

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