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Medien

29. Dezember 2015

Fernsehen: Das Ende der TV-Epoche

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Frag doch mal die Maus, was im Fernsehen noch gut läuft.  Foto: WDR/Max Kohr

Der Bedeutungsverlust des klassischen Fernsehens wurde 2015 so sichtbar wie nie zuvor. Das TV wurde zu Grabe getragen und die Jugend stellt die stärkste Gruppe bei den Sargträgern.

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Den Grabstein für das Fernsehen kann man nun mit einer Zahl versehen: 2015 markiert das Ende einer Epoche. Der Epoche des Fernsehens als familienverbindendes, familienbindendes Ereignis. In diesem zu Ende gehenden Jahr wurde der Bedeutungsverlust des Mediums so sichtbar wie nie, wandten sich jüngere Zuschauer stärker als je zuvor den Bewegtbildern im Internet zu.

Die Jugend stellt die stärkste Gruppe bei den Sargträgern, aber sie wird begleitet von neu auf dem Markt erschienenen Anbietern und einigen Abtrünnigen. Da wäre Stefan Raab zu nennen, der seine Ankündigung, nach 20 Jahren aufzuhören, wahr machte und mit 50 kein Alleinunterhalter im Privatfernsehen mehr sein will. Dabei war Raab derjenige, dem man mehr Vielseitigkeit, Erfindergeist und Mut zum Risiko als seinen TV-Kollegen bescheinigt hatte, nachdem er so einige Varianten von „Spiel ohne Grenzen“ inklusive körperlicher Selbstbeschädigung und eines Rennens auf Bratpfannen erfolgreich auf den Bildschirm gebracht hatte. Eine Erneuerung der großen Samstagabendshow, als deren Spielart „Schlag den Raab“ gelten konnte, ist nicht in Sicht.

Schon zuvor war die nach Zuschauerzahlen erfolgreichste Sendung dieser Kategorie im deutschen Fernsehen abgesetzt worden: „Wetten, dass...“ war nicht zu retten, nachdem sich der Klassenclown, Thomas Gottschalk, zurückgezogen hatte. Seine Versuche mit anderen Formaten scheiterten. Dafür trat Gottschalk in Talkshows auf, wo er kundtat, das Fernsehen sei als Herdfeuer, an dem sich die ganze Familie versammelt, am Ende – schließlich war er nicht mehr dabei...

Der siechende Patient

Sein Kollege seit den gemeinsamen Anfängen beim Bayerischen Rundfunk, Günther Jauch, gab seine uninspirierten Moderationen zum Jahresende auf und zog seinen Platz im Privatfernsehen vor, wo er vorformulierte Quizfragen stellen darf. Quiz geht immer: Diese Sendeform, so gewinnt man den Eindruck, hat zugenommen in den vergangenen Jahren: Nichts verspricht mehr Genugtuung, als mehr zu wissen als die Kandidaten auf den Drehstühlen von ARD über RTL bis ZDF. Aus Schadenfreude hatte schon Raabs „TV total“ Honig saugen können.

Und das zweite Rezept des siechen Patienten Fernsehen wurde ebenfalls häufiger in Anspruch genommen: Kinder. Die Lebendigkeit der Jüngsten verspricht immer Überraschungsmomente, und es ist ja auch das schnelle Reagieren auf spontane Reaktionen, das zum Handwerkszeug von Spielleitern gehört. Aber Hirschhausen, Pilawa oder Kerner werden zusehends zu Pflegern von betreutem Fernsehen, denn den öffentlich-rechtlichen Anstalten ist es seit Jahren nicht gelungen, den um die 60 pendelnden Altersdurchschnitt ihrer Zuschauer zu senken. Das wird sich aller Voraussicht nach nicht ändern, zumal die Verantwortlichen in den oberen Anstalts-Etagen auch da ihre Publikumsferne unter Beweis stellen, wo sie die Jugend gezielt erreichen wollen. Das zeigte die Entscheidung, den umstrittenen Sänger Xavier Naidoo als Kandidaten für den European Song Contest zu bestimmen, ein Fehler, der auch durch eilige Rücknahme nicht wieder gut gemacht werden konnte.

Dazu gedrängt wurden Programmdirektor Volker Herres und Unterhaltungschef Thomas Schreiber vor allem durch die im Netz verbreiteten Reaktionen, denn da verständigen sich die jüngeren Jahrgänge. Allerdings lässt sich daraus keinesfalls ein Trend zum Positiven ableiten. Fiel doch in den vergangenen Monaten eine junge Frau namens Bianca Heinicke auf, die Tausende Fans fand, indem sie auf ihrem YouTube-Kanal „Bibis Beauty Palace“ Kosmetika anpries.

Auch wegen solcher Konkurrenz wie YouTube, wo jetzt Filme und Sendungen in voller Länge zu genießen sind, wollen die mit fast acht Milliarden Euro subventionierten öffentlich-rechtlichen Anstalten einen Jugendkanal. Schon jetzt weiten sie ihre Präsenz im Netz aus.

Das tun auch die neuen TV-Stars. Einer der Aufsteiger des Jahres 2015 ist Jan Böhmermann, einer in der Nachfolge Harald Schmidts, dessen Late-Night-Show-Struktur er in erstaunlich hohem Maße übernommen hat. Dabei nutzt er das Netz nach Kräften für Werbung, derzeit etwa für seine neue Sendung zusammen mit Olli Schulz. Sobald er etwas Neues ausgeheckt hat wie jüngst sein „Ich hab Polizei“-Video, erscheint das zuerst im Internet – und bekommt dort prompt hysterische Reaktionen.

Nicht zuletzt verliert das Fernsehen Publikum, weil immer mehr – vor allem jüngere Zuschauer – sich dem Programmschema nicht mehr beugen wollen. Gerade die bei den 20- bis 40-Jährigen beliebten (weil oft auf sie zugeschnittenen) Serien werden zunehmend en bloc konsumiert, worauf das klassische TV auch schon reagiert – mit der Ausstrahlung im Vorführraum im Internet. Aber seit September 2014 tummelt sich mit Netflix ein neuer Anbieter von TV-Filmen und -Serien auf dem deutschen Markt, der eben das verspricht, was im Fernsehen die Ausnahme ist: Serien am laufenden Band und US-amerikanischer Herkunft.

In den USA, wo das Unternehmen 2007 gegründet worden war, soll Netflix, an den Nutzerzahlen gemessen, bereits mehr Zuschauer als jeder der klassischen Fernsehsender haben. Und wenn die Firma nicht mehr nur US-Ware abspielt, sondern auch für den europäischen Markt produziert, werden die hiesigen Anstalten das schmerzhaft spüren. Dann werden die Jungen Filme und Spiele auf ihren Handys anschauen, während die älteren Zuschauer sich beim Quotenbringer „Tatort“ gruseln.

Denn wie die Geschichte der Medien zeigt, wird das Alte nie vollständig beseitigt, wenn das Neue kommt – siehe die Tageszeitung. Auch das klassische Fernsehen wird nicht sterben, sondern als Zombie herumgeistern, unterm Arm den Grabstein mit der Jahreszahl 2015.

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