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Medien

16. Januar 2013

Film über Kinderprostitution: ARD muss "Operation Zucker" zensieren

 Von Klaudia Wick
Von wegen besseres Leben: Die zehnjährige Fee (Paraschiva Dragus) wurde nach Deutschland verschleppt.  Foto: ARD/DEGETO/Sperl Productions/Stephan Rabold

Aus Jugendschutzgründen muss die ARD ihren Film „Operation Zucker“ über Kinderprostitution zensieren. Das Drehbuch baut auf gerichtsbekannten Fällen auf und zeigt auch die Hilflosigkeit der Strafverfolgungsbehörden.

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"Wir sind ans Ende unserer Kunst gekommen“, hatte Nadja Uhl in der vergangenen Woche auf einer Pressekonferenz gesagt, in der die Kinderhilfsorganisation Unicef und das Bundeskriminalamt die wahren Ausmaße des internationalen Kinderhandels öffentlich machen wollten.

Uhls Satz war da noch proaktiv gemeint im Sinne einer Arbeitsteilung: In dem ARD-Film „Operation Zucker“ zeigt sie als Schauspielerin Gesicht, nun müsse es darum gehen, die schlimmen Fakten, auf denen ihr Film basiert, der öffentlichen Wahrnehmung zur Seite zu stellen: Der Handel mit Kindern, ihre Verschleppung und sexuelle Ausbeutung ist ein weltweit organisiertes Verbrechen, das oft in ärmsten Ländern wie Rumänien oder Bulgarien beginnt, aber mit seinen exorbitanten Gewinnen nur existieren kann, weil es in den reichen Ländern eine wachsende Nachfrage nach minderjährigen Prostituierten gibt.

Kinder wie Waren

„Operation Zucker“ erzählt von all dem: Von der erst zehnjährigen Fee, die von ihren Großeltern nach Deutschland in ein vermeintlich besseres Leben geschickt wird. Von den Auktionsbörsen, in denen verschleppte Kinder wie eine Ware angeboten werden, von den Passfälschern, den Schleusern, den Geldwäschern, also dem ganzen „arbeitsteiligen Vorgehen“ (BKA-Präsident Ziercke), das der so genannten „Zuführung“ der Kinder an die Freier vorausgeht. Das Drehbuch von Philipp Koch, das maßgeblich auf gerichtsbekannten Fällen aufbaut, visualisiert aber auch die Hilflosigkeit der Strafverfolgungsbehörden.

Gleich zu Beginn des Films wird der Zuschauer damit konfrontiert, dass den kleinen Zeugen, ohne die kaum eine Verurteilung der Täter zu erwirken ist, nach ihrer Aussage oft kein Bleiberecht gewährt wird, als Illegale sind sie von der Abschiebung in jenes Herkunftsland bedroht, in dem sie von ihren Angehörigen verraten und verkauft wurden.

Der von Rainer Kaufmann eindringlich erzählte Fernsehfilm zeigt den Rechtsstaat so hilflos wie er ist. Und er geht – die Fiktion verpflichtet zu einer gewissen Überhöhung – noch einen Schritt weiter. Weder die gerechtigkeitshungrige Ermittlerin (Nadja Uhl) noch die aufrechte Staatsanwältin (Senta Berger) kommen gegen jene an, die ihre Arbeit an höchster Stelle behindern, weil Männer aus den Machtzentren als gut betuchte Kunden selbst zu den Tätern gehören.

Nicht für Zuschauer unter 16

Weil der Film ein zu „hoffnungsloses Ende“ findet, hat ihn die Freiwillige Selbstkontrolle Kino“ (FSK) nicht für Zuschauer unter 16 Jahren freigegeben. Die Prüfung der Kinobehörde war für eine DVD-Ausgabe beantragt worden. Der BR-interne Jugendschutz hätte auch anders entscheiden können, zum Beispiel, das der Ausstrahlung eine Diskussion (wie im Fall von „Homevideo“) bei „Anne Will“ folgen muss, die das düstere Ende emotional auffängt.

Schauspielerin Nadja Uhl und der Regisseur von Operation Zucker Rainer Kaufmann. Das Drama um die Verletzbarkeit von Kindern in einer Welt von Macht, Armut und Geld wird am 16.01.2013 im Ersten gezeigt.
Schauspielerin Nadja Uhl und der Regisseur von "Operation Zucker" Rainer Kaufmann. Das Drama um die Verletzbarkeit von Kindern in einer Welt von Macht, Armut und Geld wird am 16.01.2013 im Ersten gezeigt.
Foto: dpa

Nun aber muss sich der Sender auch an die Indizierung der FSK halten. Kurzfristig bestanden zwei Optionen: Verlegung ins Nachtprogramm, wie es 2006 dem ARD-Film „Wut“ (über Jugendgewalt) ergangen war. Oder der fertige Film mündet über Nacht in einen neues, weniger hoffnungsloses Finale. „Das Ende ist Teil des künstlerischen Werks“, betonte die Produzentin Gabriela Sperl. Die Realität sei eben nicht wie im 'Tatort', „wo die Bösen am Ende eingesperrt werden.“ Dennoch reagierte Sperl („In aller Stille“) pragmatisch:

Um ihrem Film die prominente Bühne der Primetime-Ausstrahlung zu ermöglichen, wurde „Operation Zucker“ um jene entscheidende Szene gekürzt, in der die Ermittlerin Wegemann (Nadja Uhl) und ihre kleine Kronzeugin Fee von den Kinderhändlern überwältigt und entführt werden. Der Zuschauer wird nun nicht mehr mit ansehen (müssen? können?), wie das kleine Mädchen in ein schwarze Limousine verbracht wird, in der ihre „Besitzer“ bereits auf die Retoure ihrer abtrünnigen „Ware“ warten. Auch dass Wegemanns Entführer ausgerechnet jener Ronnie ist, der sich eingangs des Films als Aussteiger mit Insider-Informationen an die Strafverfolgungsbehörden gewandt hatte, weil er das Drecksgeschäft nicht mehr mitzumachen bereit war, fehlt in dieser Primetime-Fassung.

Es sind keine Kleinigkeiten, die hier weggefallen sind, denn auch die Story von Ronnie fußt auf einer wahren Begebenheit. Die Staatsanwaltschaft des echten Ronnie soll dem Überläufer sogar geraten haben, unterzutauchen, weil sie nicht für dessen Sicherheit garantieren könne. Neue Identitäten und Zeugenschutzprogramme gibt es im wahren Leben offenbar auch nicht so leicht wie im „Tatort“.

Hoffnungsloser Schluss realistisch

Die FSK-taugliche Version ist ein schmerzhafter Schnitt ins Herz des Films. Die Originalfassung läuft ab 22 Uhr in der Mediathek, um 0.20 Uhr ist der gesamte Film inklusive Originalende im Ersten zu sehen. Ein schwacher Trost für jene, die den hoffnungslosen Schluss angesichts der geringen Aufklärungsquoten für diese Straftaten nur ehrlich fanden. Doch wer jetzt Zensur! ruft, macht sich freilich nur das halbe Bild.

Selbstverständlich muss der Jugendschutz über ein frei ausgestrahltes Programm wachen, an dem in einer anderen Kalenderwoche harmlose Komödien auch Kinder zum Familienfernsehen einladen. Tatsächlich ist die Identifikation für eine zehnjährige Zuschauerin, die aus Versehen mit Oma und Opa auf dem Sofa sitzend in „Operation Zucker“ zappt, dagegen ausweglos beängstigend:

Das Mädchen im Film wird von ihren eigenen Großeltern verkauft, es wird von deutschen Amtsträgern missbraucht und kann selbst in der Obhut der deutschen Polizei nicht ausreichend beschützt werden. Das ist eine krasse Angstfantasie. Aber eben leider nicht nur. Am Ende der Kunst, von dem Nadja Uhl sprach, fängt eine Realität an, die sich nicht so einfach ausblenden lässt.

Operation Zucker, Mittwoch, 20.15 Uhr, ARD, 16.01.2013 (Aus Jugendschutzgründen wird um 20:15 Uhr eine FSK 12-Version des Films ausgestrahlt, mit markierter Auslassung im Schlussteil. Die Originalfassung des Films (FSK 16) ist zeitversetzt um 00:20 Uhr im Ersten oder ab 22:00 Uhr in der Das Erste Mediathek sehen.)

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