Einmal mehr zeigt sich: Zeitkritische Filmerzählungen finden, von Festivals abgesehen, inzwischen vorrangig im Fernsehen statt. Das gilt für Politthriller, die auf bestehende Zustände abzielen, vor allem aber für einen Film wie die deutsch-irisch-britische Koproduktion "True North".
Auf Festivals gefeiert und prämiert, wurde "True North" beim letztjährigen Bundesstart von gerade mal 20 Kinos gebucht. Der Grund liegt auf der Hand: Der Regisseur Steve Hudson, der seine Karriere als Schauspieler begann und unter anderem in Deutschland für die Soap "Verbotene Liebe" vor der Kamera stand, verweigert jene Wohlfühlkomponente, die nicht zuletzt in den so genannten Arthouse-Kinos zum Programm geworden ist.
Arthouse-Disponenten bevorzugen politische Filme der sanften Art, die nicht anstrengen, ihrer Klientel die Illusion einer kritischen Haltung vermitteln und sie mit einem einschlägigen Bewusstsein nach Hause entlassen. Diese Art Kino tut nichts anderes, als den Eskapismus der Bessergestellten zu befriedigen. "True North" leistet nichts dergleichen. Es gibt keinen harmonischen Ausgleich, der die bittere Medizin schmackhaft macht.
Der Film wühlt auf. Hudson selbst schrieb das Drehbuch über die Besatzung eines Fischkutters, der Gefahr läuft, von der Bank stillgelegt zu werden. In letzter Verzweiflung bietet Sean (Martin Compston), der Sohn des Skippers (Gary Lewis), einem belgischen Dunkelmann (Hark Bohm) seine Dienste an. Zigaretten will er schmuggeln, aber er erhält menschliche Fracht: chinesische Flüchtlinge, die heimlich von einem Container in den Schiffsbauch umquartiert werden.
Die Nordsee gibt nichts her
Nur der vierschrötige Matrose Riley (Peter Mullan) weiß von dem Geschäft. Er geht davon aus, dass der Kutter direkt den schottischen Heimathafen ansteuert. Sean aber will unbedingt noch einen großen Fang machen, um bei der Heimkehr keinen Verdacht zu erregen.
Doch die Nordsee gibt nichts mehr her. Tag um Tag kreuzt der Kutter, während die Flüchtlinge durchnässt und frierend im Dunkeln hocken. Bald gibt es einen ersten Toten ... Inzwischen wundert sich der geistig beeinträchtigte Koch, dass Konserven aus seiner Kombüse verschwinden und er in der Kaffee- oder Mehldose chinesische Geldscheine vorfindet.
"True North" nimmt den Zuschauer nicht zuletzt durch die Uneindeutigket der Figuren gefangen. Riley, das ungebärdige Raubein, kann sich im Furor völlig herzlos verhalten und an anderer Stelle zutiefst menschlich handeln. Immer wieder unterläuft Steve Hudson die Erwartung des Betrachters; bei allem Engagement für das gewählte Thema tritt die Filmkunst nie zurück. Wie Hudson das Wesen und die Entwicklung der Figuren kennzeichnet, ist brillant. Kameramann Peter Robertson meistert gekonnt die schwierige Aufgabe, auf einem echten Fischkutter zu drehen. Von sieben Wochen Drehzeit verbrachte das Team fünf auf See und erntete authentische Aufnahmen von besonderer Dynamik.
Nicht zu vergessen die Musik von Komponist Edmund Butt, der dank der starken Bilder nicht mit künstlichem Sentiment nachhelfen muss, sondern meist mit keltisch-folkloristischen Tönen akzentuiert. Ein Glück also, dass das Fernsehen solche Filme als Ko-Finanzier ermöglicht und dann auch noch allgemein zugänglich macht.
"True North", Arte, 23.15 Uhr.
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