Journalisten sind auch keine besseren Menschen, selbst wenn sie sich noch so sehr bemühen, Vorzeige-Vertreter ihrer Zunft zu sein. Das zeigte sich bei der Konferenz des Netzwerks Recherche am Freitag und Sonnabend in Hamburg. Ursprünglich sollte dort der Geburtstag des gemeinnützigen Vereins gefeiert werden. Aus 40 Journalisten, die sich vor zehn Jahren in einem Wellness-Hotel in der Eifel das Fördern und Fordern der Recherche zum Ziel gesetzt hatten, hat sich eine Organisation mit mehreren hundert Mitgliedern entwickelt. Partylaune mit Musik, Currywurst, launigen Reden und Kabarett war am Freitagabend auf dem Gelände des NDR geplant. Stattdessen hielt Tom Schimmeck eine „Festrede zum Leichenschmaus“. Kurz zuvor war Thomas Leif, der Gründer und Erste Vorsitzende des Vereins, mit hochrotem Kopf aus der Mitgliederversammlung in Richtung Herrentoilette enteilt. Es war zwei Minuten vor 21 Uhr, und Leif war nicht mehr im Vorstand des Vereins Netzwerk Recherche.
Der Grund sind finanzielle Unregelmäßigkeiten, die im Zuge der Stiftungspläne entdeckt worden sind. In den vergangenen Jahren war es die Bundeszentrale für politische Bildung, die durch den Ausgleich von Fehlbeträgen die Arbeit des Netzwerks Recherche unterstützt hat. Nun stellte sich heraus, dass der Verein gegenüber der Bundeszentrale falsche Angaben über die Einnahmen durch die jährliche Tagung gemacht und auf diese Weise mehr Fördergeld als zugestanden bekommen hat. Der Vorstand hat daraufhin einstimmig beschlossen, vorsorglich alle erhaltenen Fördermittel an die Bundeszentrale zurückzuzahlen. Die rund 75.000 Euro wurden am 28. Mai überwiesen. Vom Vorstand des Vereins beauftragte Wirtschaftsprüfer gehen derzeit sämtliche Abrechnungen durch. Der Abschlussbericht steht aus. Nach derzeitigem Stand scheinen Schludrigkeiten zu den Unregelmäßigkeiten geführt zu haben. Es gibt keinen Hinweis, dass sich jemand persönlich bereichert hat. Bei dem Verein aus Journalisten, die derart hohe Ansprüche an sich und andere stellen – Ethik, Transparenz, sauberes Handwerk, faire Kommunikation – führten die Fragen nach der Verantwortung für dieses Problem und die erforderlichen Konsequenzen zu einer Führungskrise, die am Freitagabend eskaliert ist.
Glücklicher Mensch Sisyphos
Auch das Netzwerk Recherche leidet unter dem, was gemeinhin Vereinsmeierei genannt wird. SWR-Chefreporter Thomas Leif, wie kein Zweiter der Motor des Vereins, hatte viel zu viele Vereinsaktivitäten an sich gezogen und sich damit profiliert, was zwar manchen genervt, aber allen anderen Ehrenamtlichen viel Arbeit abgenommen hat. Am Ende blickte keiner mehr durch, die Frage der Verantwortung blieb. Um die Reputation des Vereins nicht noch mehr zu beschädigen, stand bei der Mitgliederversammlung am Freitagabend daher die Forderung im Raum, Thomas Leif müsse das Amt des Ersten Vorsitzenden abgeben und den Vorstand verlassen. Falls nicht, sagte der Zweite Vorsitzende Hans Leyendecker, trete er zurück. Dem Rechercheur der Süddeutschen Zeitung schlossen sich weitere Vorstandsmitglieder an. Missverständnisse, Verwirrungen und Irrationalitäten verzögerten die Sitzung und begleiteten den Rest des Abends und auch den folgenden Konferenztag. „Sisyphos war ein glücklicher Mensch“, lautete das Motto in diesem Jahr.
Selbstzweifel, die eigene und die Arbeit der Medien insgesamt immer wieder in Frage zu stellen und zu reflektieren, ist Voraussetzung für guten Journalismus. Doch bisweilen grenzte es an Selbstzerfleischung, was mancher Teilnehmer, Moderator und Diskutant bei dieser Tagung betrieb. Die vom Politmagazin „Panorama“ bekannte Anja Reschke brachte es auf den Punkt: „Jedes Jahr treffen sich hier hunderte Journalisten, um sich gegenseitig zu versichern, wie schlecht sie im vergangenen Jahr waren.“
Am Sonnabend schließlich wurde den Konzernen Eon, RWE, EnBW und Vattenfall der Negativpreis „Verschlossene Auster“ verliehen, und zwar dafür, dass sie massiv Lobbyismus und PR betreiben, also viel zu viel reden. Höhepunkt der Tagung war jedoch die Rede des Nobelpreisträgers Günter Grass. Im Gespräch mit dem mittlerweile wieder aufgetauchten, emotional aber angeschlagenen Ex-Vorstand und ehemals Ersten Vorsitzenden des Netzwerk Recherche, Thomas Leif, antwortete Grass auf die Frage, was er angehenden Journalisten raten würde: Dass es niemals nur eine Wahrheit und Wirklichkeit, sondern immer mehrere Wahrheiten und Wirklichkeiten gibt.
Der verbliebene Vorstand des Netzwerks Recherche wird die Geschäfte bis Herbst weiterführen. Dann wird auch Leyendecker ausscheiden. Wer neuer Erster und Zweiter Vorsitzender werden soll, ist gänzlich unklar.
Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.