Das neue Blattkonzept sei ein Werk der Redakteure, sagt Helmut Markwort über "die neuen Seiten von Focus". Die Redaktion - auch sie gehört zum Lebenswerk des Magazin-Gründers. Das erklärt den Stolz, mit dem er von den internen Arbeitsgruppen spricht. Seit Frühjahr 2009 haben sie an dem Konzept gearbeitet und mehr Wert auf Wirtschaft und Politik gelegt. Seit Montag ist das Ergebnis zu sehen. Nein, neu ist Focus nicht, aber durchaus anders.
Das Titelthema, auf 20 Seiten gedehnt, entstammt der Wirtschaft. Während der Spiegel in dieser Woche anlässlich der Afghanistan-Konferenz mit einer Geschichte über das Scheitern der Großmächte am Hindukusch aufmacht, hat Focus den US-Notenbankchef auf den Titel gehoben.
Das Porträt ist mit Blick auf das US-Magazin Time geschrieben. Time hat den Notenbankchef gerade auf seinem Titel zum "Mann des Jahres" gekürt. Zum Thema passend bringt Focus ein Interview mit dem Präsidenten der Europäischen Zentralbank und "neun Tipps", wie die Leser ihr Vermögen vor drohender Inflation schützen können (mit Edelmetallmünzen).
Das Titelbild zeigt den Notenbankchef, dessen Gesicht nicht viele kennen dürften, zumal das Foto stark angeschnitten und der Kopf nur teilweise zu sehen ist. Das zweite, auf dem Cover angekündigte Thema handelt vom Tablet-PC, der am Mittwoch der Öffentlichkeit vorgestellt wird. Focus geht wie andere Blätter schon zuvor, der Frage nach, wie Apple zur Kultmarke wurde.
Neu sind neben einer großzügigeren Gestaltung und einer eleganteren Alternative zu den bisher plakativ-fett gedruckten Überschriften einige Rubriken: "Dechiffriert" heißt eine, die an den "Münchhausen-Test" vom Spiegel erinnert und Politikersprech entlarven soll (aktuell von Außenminister Westerwelle). Eine andere heißt "Selbstversuch". Zur Premiere schreibt ein Focus-Musikkritiker, wie es ihm beim Versuch erging, die Berliner Philharmoniker zu dirigieren.
Tabellen-Journalismus, aktuell eine Liste zu gesetzlichen Krankenkassen, bleibt erhalten. Dagegen gibt es künftig ein wenig mehr "Focus 2.0": Im neuen Meinungsforum sollen die Leser online über das Titelthema der Woche debattieren; die besten Beiträge finden in der Folgewoche Einzug ins gedruckte Heft.
Nicht "Fakten, Fakten, Fakten", sondern die Bewertung und Einordnung derselben sollen künftig im Vordergrund stehen. Markwort schreibt, ihm gehe es um den "aufgeklärten Leser", der seine "Bürgerrechte" wahrnimmt. "Mehr Analysen. Mehr Haltung. Mehr Orientierung. Mehr Perspektive" verspricht die Eigenwerbung. Markwort selbst spricht von mehr "Tiefgang". Das alles bestätigt Kritiker, die dem Burda-Magazin schon immer vorhielten, Häppchen-Journalismus mit grafischem Chi-Chi zu produzieren, es an Relevanz mangeln zu lassen und beim Abverkauf mehr als andere von der Höhe der eingesetzten Werbemittel abzuhängen.
Focus hätte längst einer Überarbeitung bedurft. Voller Sympathie für Markwort sagte der Journalist Claus Larass vor wenigen Tagen, Focus habe 1993, als das Magazin erschien, das Internet vorweggenommen und damit auf die veränderten Lesegewohnheiten reagiert. Die Laudatio hielt Larass anlässlich einer Preisverleihung, bei der der das Medium Magazin Markwort für sein Lebenswerk auszeichnete. Manche Teilnehmer an diesem Abend, allesamt Journalisten und folglich zu Zynismus neigend, meinten, es sei grenzwertig, jemandem, der sein Lebenswerk gerade zerstöre, dafür auch noch einen Preis zu verleihen.
Anlass für den Spott ist die Art, wie die Nachfolgeregelung an der Spitze des Magazins verläuft. Wolfram Weimer, zuletzt Chefredakteur von Cicero, soll an Stelle von Markwort neben dem bisherigem Co-Chef Uli Baur die Focus-Redaktion führen, jedoch erst von September an. Zunächst fungiert er nur als Entwicklungschef, ohne in die aktuellen Entwicklungsarbeiten eingebunden zu sein.
Alles, was Markwort tut und sagt, auch wenn er das Gegenteil behauptet, wirkt, als könne und wolle er nicht aufhören. Für Magazin wie Redaktion steht ein Umbruch an. Während der Spiegel stabil um eine Million Exemplare verkauft, ist die Auflage von Focus auf unter 600.000 Exemplare geschrumpft, das Anzeigengeschäft ist wie anderswo massiv eingebrochen, ein Stellenabbau angekündigt.
Bevor Focus auf den Markt kam, hatte es mehr als fünfzig Versuche gegeben, in Deutschland neben dem Spiegel ein zweites Nachrichtenmagazin zu etablieren. Es zu riskieren bedurfte einer großen Portion Leidenschaft und Wahnsinn. Markwort brachte beides mit und entwickelte den höchsten Grad an Identifizierung mit seinem Blatt. Zuletzt schienen ihm dieselben Eigenschaften zum Verhängnis zu werden.
Gegen frühere Versuche, ihn zu entmachten, hat sich Markwort gewehrt und war der Rückendeckung durch seinen Verleger lange sicher. Immerhin hat Markwort Hubert Burda auf dem Zenit des Focus-Erfolgs nicht nur reich gemacht, sondern ihn in den Rang eines veritablen Verlegers erhoben; einem, der nicht nur bunte Blätter publiziert. Nun muss sich Markwort Ende 2010 auf den Posten des Herausgebers zurückziehen. Er sagt, er wolle ein vornehmer, ein dezenter Herausgeber sein. Es wird ihm schwer fallen.
Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.