Ein Mann ist verschwunden. Seit Donnerstag. Viel weiß man nicht über ihn. Dass er 61 Jahre alt ist. Dass er ein katholisches Kinderdorf in Würzburg geleitet hat bis zu seinem Verschwinden. Dass er von seinem Arbeitgeber, der Caritas, suspendiert wurde, weil er in einem Internet-Chatroom Kontakt zu einer 13-Jährigen aufgenommen und sich mit ihr verabredet hat – um anschließend bei ihr zu übernachten.
Letzteres weiß man und wusste der Arbeitgeber des Mannes, weil RTL2 in der Sendung „Tatort Internet – Schützt endlich unsere Kinder“ den Mann bei dem Treffen mit der vermeintlich 13-Jährigen in einem Restaurant gefilmt hat. Dort wartete die angebliche Mutter des Mädchens und machte dem Mann Vorhaltungen. Der beteuerte, dass „nichts passiert ist und nichts passiert wäre“. Zu sehen war die Szene am Montag vor einer Woche. Das Gesicht des Mannes war unkenntlich gemacht, die Stimme verfremdet. Kollegen haben ihn dennoch erkannt.
Der Mann selbst wusste weder von den Filmaufnahmen noch von ihrer Ausstrahlung im Fernsehen. Auch hatte er keine Ahnung davon, dass es sich in Wahrheit bei der 13-Jährigen um eine Schauspielerin und bei der Mutter um eine Journalistin des Senders handelte, der mutmaßlichen Pädophilen auf die Schliche kommen will. Als ihn sein Arbeitgeber am Donnerstag mit dem Material konfrontierte, räumte der Mann ein, dass auf den Aufnahmen er zu sehen ist. Nach dem Gespräch wollte er nach Hause fahren. Dort ist er nie angekommen. Seit Freitag gilt er als vermisst, der Polizei fehlt bisher jede Spur. Angehörige sorgen sich, er könne sich etwas angetan haben.
Spätestens dann müsste RTL2 die Sendung wohl aus dem Programm nehmen. Ein bisher nur umstrittenes Format hätte sich in ein skandalöses verwandelt. Schon jetzt häuft sich Kritik an der Sendung, an der reißerischen Aufmachung, an der Pranger-Wirkung. Daran, dass sie nicht die Wirklichkeit abbildet, sondern mittels Lockvögeln erst erschafft. Tatsächlich ist weder erwiesen, ob der Kinderdorf-Leiter pädophil veranlagt ist – wofür die Chatprotokolle sprechen –, noch, ob er sich strafbar gemacht hat. Die Staatsanwaltschaft ermittelt. In dem Kinderdorf gibt es bisher keine Hinweise auf Missbrauch.
Udo Nagel, früherer Innensenator von Hamburg (2004–2008, parteilos), moderiert die umstrittene RTL2-Sendung „Tatort Internet“. Nagel war zuvor – von 2002 bis 2004 – Polizeipräsident von Hamburg. Der Kriminaldirektor aus dem Polizeipräsidium München war von dem Rechtspopulisten Ronald Schill, der damals Innensenator war, in die Hansestadt geholt worden.
Stephanie zu Guttenberg, die Ehefrau des Verteidigungsministers Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) und Präsidentin des Kinderschutz-Vereins „Innocence in Danger“, stellte die Sendung bei einer Pressekonferenz vor. Außerdem trat sie neben Nagel in der ersten Folge auf.
Gestartet wurde „Tatort Internet“ am 7. Oktober. Die Quote für die erste Folge: 1,34 Millionen Zuschauer, Marktanteil in der werberelevanten Zielgruppe (14 bis 49 Jahre): 7,7 Prozent. Damit lag die Quote laut dem „Kress“-Mediendienst „leicht über dem Senderschnitt“ von RTL2. Die zweite Folge vom 11. Oktober, eine Doppelfolge, hatte 1,35 Millionen Zuschauer. Marktanteil: 7,3 Prozent.
Die vierte Folge der auf zehn Folgen angelegten Reihe wurde am gestrigen Montag ausgestrahlt. In der Sendung sollte laut Angaben von RTL2 auch Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) zu Wort kommen, zudem sollten Präventionsmaßnahmen im Rahmen von Schulungen mit Lehrern und der Polizei gezeigt werden. RTL2 will trotz der zunehmenden Kritik weitersenden. Es gebe auch „viel positives Echo“, durch das man sich bestärkt fühle, sagte ein Sprecher des Senders. (hahe)
Der Caritasverband Würzburg monierte, von RTL2 nicht informiert worden zu sein. Der Würzburger Strafrechtsprofessor und Missbrauchsbeauftragte des Bistums, Klaus Laubenthal, sagte: „Wenn ich Prävention betreiben will, warte ich nicht vier oder fünf Monate mit so einer Kenntnis.“ RTL2 gab am Montag bekannt, Arbeitgeber und Institutionen künftig benachrichtigen zu wollen, wenn Mitarbeiter, die „in ihren Arbeitsverhältnissen mit Kindern und Jugendlichen zu tun haben“, bei eindeutigen Chats mit Minderjährigen erwischt werden. Die Medienaufsicht prüft inzwischen, ob bei dem Sendeformat alle medienrechtlichen Vorschriften zum Jugendschutz und zum Schutz von Persönlichkeitsrechten eingehalten werden.
Dabei hatte die Serie, in der es laut RTL2 vor allem um Aufklärung über die Praktiken von Pädophilen im Internet gehen soll, mit einem Coup begonnen. Die erste Folge am 7. Oktober hatte unter anderem Ministergattin Stephanie zu Guttenberg moderiert, die sich mit dem Verein „Innocence in Danger“ gegen sexuellen Missbrauch starkmacht. Flankierende PR erhielt die Sendung durch die Bild-Zeitung. Diese schrieb am Samstag, als die Entlassung des Kinderdorf-Leiters bekannt wurd: „Erstes Sex-Ekel gefeuert – Bravo, Stephanie zu Guttenberg!“
In der gestrigen Bild-Ausgabe durfte sich zu Guttenberg über die Kritiker beschweren. Sie sei empört, wie sich Juristen und Journalisten auf die Seite von Tätern stellen, sagte sie der Bild. Im gleichen Beitrag fragte Schauspieler Til Schweiger: „Wo bleibt der Aufschrei über diese widerlichen, armseligen Schweine?“ Gegenüber der FR wollte Stephanie zu Guttenberg zu der Kritik an der RTL2-Sendung keine Stellung nehmen. Ihre Termine ließen das nicht zu, sagte ihre Sprecherin.
An der Hatz à la Bild beteiligt sich RTL2 wohlweislich nicht. Der Sender versucht, durch eine Imagekampagne die Kritiker zu beruhigen: Seit gestern verbreitet RTL2 eine Aufklärungs-DVD zum Thema Kindesmissbrauch, die sich an Eltern, Lehrer und Erzieher richtet. Darauf gebe es neben Material aus der Sendung etliche weitere Informationen.
Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.