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Fußball "von unten": Von 8 auf 80 000

Das Fußballheft 11 Freunde ist anders als andere Magazine für Fans. Doch jetzt hat der Konzern Gruner+Jahr das Sagen. Von Klaus Raab

Der Teppichboden ist ein dunkelgrauer Fleckenschlucker. Es gibt eine Teeküche. Man trennt Müll. Auf einem windschiefen Regal im Büro der Onlineredaktion setzt der Henri-Nannen-Preis Staub an, den sie für die "neue Leichtigkeit" des Live-Ticker-Schreibens erhalten hat. Philipp Köster, der Chefredakteur des Fußballmagazins 11 Freunde, sitzt in einem hellen Büro am Ende des Flurs. Vor seiner Tür steht die Verpackung eines Flachbildfernsehers. An der Wand hängen ein Breitbildposter der ersten 100 Cover des Magazins und ein WM-Spielplan. In einem umfunktionierten Blumentopf auf seinem Schreibtisch steckt eine Visitenkarte von Peter Lewandowski, dem Chefredakteur der Gruner+Jahr-Zeitschrift Gala.

Was auffällt in den Redaktionsräumen von 11 Freunde in Berlin-Friedrichshain, ist, dass wenig auffällt. Die Räume wären nicht erwähnenswert, wäre die Geschichte der Zeitschrift nicht auch eine Geschichte von Produktionsbedingungen. Vor zehn Jahren erschien sie erstmals, als Nachfolgeheft des Arminia-Bielefeld-Fanzines "Um halb vier war die Welt noch in Ordnung". Vergangene Woche wurde ein Joint-Venture mit Gruner+Jahr verkündet; der Hamburger Großverlag übernimmt 51 Prozent. Lewandowski von der Gala hatte den Einstieg vermittelt. Das war der Anfang.

Man kann die Geschichte von 11 Freunde heute als Dribbling durch die Institutionen lesen, und die Räumlichkeiten, in denen das Magazin entstand, veranschaulichen das. Als 11 Freunde vor fünf Jahren das Erscheinen der 50. Ausgabe feierten, waren die Räume gerade groß genug für zehn Leute, heute sind es 21. Eine eiserne Wendeltreppe verband damals zwei offene Ebenen; "jeder hörte jeden Schritt", sagt Philipp Köster, "es war wahnsinnig laut".

Weitere fünf Jahre zuvor, 2000, produzierten der Journalist Köster, damals in den späten Zwanzigern, und der Fotograf Reinaldo Coddou in Coddous Wohnzimmer die ersten Ausgaben. Sie kannten sich aus dem Stadion und hatten eine Marktlücke entdeckt: Es gab auf dem Fußballzeitschriftenmarkt die Statistiken und Spielberichte, die der Kicker liefert, den Köster "eine Superzeitschrift" nennt. Und es gab die Helden- und Versagergeschichten der Sport-Bild. Die Lücke war: Fußball von unten, aus Sicht leidenschaftlicher Fans.

Diese Perspektive nimmt 11 Freunde bis heute ein. Im aktuellen Heft moniert ein Autor, das "Sommermärchen" von 2006 sei ein "Großevent der Geschmacksverirrung" gewesen, alles habe "so forciert, gelenkt und unecht" gewirkt. 11 Freunde steht für lokale Fußballkultur, berichtet von Spielen in Syrien, Mexiko, Krefeld und Nepal. Der Unterschied zu vielen Zeitschriftenneugründungen ist, dass die Marktlücke nicht erst mit der Axt geschlagen werden musste. Sie war schon da. 11 Freunde hatte zunächst nur Probleme zu vermitteln, dass sie nun ausgefüllt war.

Es gab keinen Vertrieb, kein Marketing - "das war naiv", sagte Köster 2005. Die Startauflage lag - hier driften die Legenden auseinander - bei 200 bis 2500, jüngst wurde kolportiert, vom ersten Heft seien im Einzelverkauf vor Stadien acht Exemplare weggegangen. Heute liegt die verkaufte Auflage knapp unter 80 000 Exemplaren. Von 8 auf 80 000 in zehn Jahren, das macht das Magazin zur größten Erfolgsgeschichte des Jahrzehnts. Köster sagt, der Erfolg des Magazins werde "heute oft als logische Folge gelesen: Zwei Jahre durchhalten, dann wird das schon alles. Aber so war es nicht. 2002 waren wir ganz knapp vor dem Scheitern." 2003 stieg der Intro-Verlag ein, der weiter beteiligt bleibt. Das G+J-Joint-Venture passt in die Geschichte des organischen Wachstums. Natürlich kann man aber nun auch die Frage nach der Unabhängigkeit stellen: Wie viel Einfluss hat der Großverlag? Verliert das Heft nicht auch etwas?

"Ich glaube", antwortet Köster, "dass die Leute ein romantisches Bild von Unabhängigkeit haben. Es ist ein Irrglaube, dass man als kleiner Verlag dem Druck von Anzeigenkunden besser gewachsen wäre." Mit Gruner+Jahr habe es zunächst einmal Übereinstimmung in einer inhaltlichen Frage gegeben, ohne die alle weiteren Verhandlungen hinfällig gewesen wären, wie er sagt: "11 Freunde kann nie ein Mainstreamfußballmagazin werden, das wäre das Ende." Mehr Anzeigen erhoffe er sich, sagt Köster, aber nicht nur. Die Unabhängigkeit, die er meint, bedeutet wohl auch: mehr Luft für die eigentliche Arbeit.

So wie es gerade Jens Kirschneck macht. Der Chef vom Dienst sitzt im Nachbarbüro und schreibt die Saisonprognose für den 1. FC Nürnberg: Platz 16. Vorgelebte Fankultur bedeutet, auch vor einem WM-Finale über den 1. FC Nürnberg nachzudenken.

Autor:  Klaus Raab
Datum:  7 | 7 | 2010
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