Im März 2009 überschlagen sich Deutschlands Medien: Das Schulmassaker von Winnenden dominiert Titelseiten und Aufmacher. Ein 17-Jähriger tötet 15 Menschen, verletzt 11 und erschießt sich dann selbst. Die Kleinstadtbewohner fühlen sich von Dutzenden TV-Teams, Ü-Wagen und Reportern belagert.
Jochen Kalka, Chefredakteur des Fachmagazins Werben & Verkaufen, wohnt in Winnenden. Er ist indirekt betroffen, seine beiden Kinder und die Ehefrau, die als Lehrerin an einer anderen Schule arbeitet, blieben physisch unversehrt. Dennoch seien alle traumatisiert. Kalka notiert sich ein Jahr lang private Beobachtungen und verfolgt die mediale Verarbeitung des Themas. Nach langem Zögern, wie er sagt, hat er jetzt das Sachbuch „Winnenden. Ein Amoklauf und seine Folgen“ veröffentlicht, das nun Anlass bot für ein Streitgespräch auf der Leipziger Buchmesse.
Unter der Überschrift „Die Katastrophe als Skandal – Wie Gesellschaft und Medien mit Tragödien umgehen“ diskutierte Kalka im Mediencampus Villa Ida mit der Journalistin und Zapp-Autorin Gita Datta, dem Welt-Herausgeber Thomas Schmid und Uwe-Karsten Heye, Journalist und Buchautor sowie langjähriger Sprecher der rot-grünen Bundesregierung unter Gerhard Schröder.
Kalka wirft seinen Kollegen vor, dass sie nach dem Mordlauf aufdringlich, respekt- und verantwortungslos berichteten. Die Tatorte hätten wie „Futterstellen für Journalisten“ gewirkt. „Fernsehanstalten boten Kindern 30 bis 100 Euro an, wenn sie Trauer-Umarmungen zeigen oder sagen, dass der Täter von Mitschülern gemobbt wurde.“ Der Autor spricht von einer „Heroisierung des Täters“, weil der auf dem Cover des Spiegel erschien.
„Ja, uns sind viele Grenzüberschreitungen aufgefallen“, bestätigt die Journalistin Gita Datta, die für das NDR-Medienmagazin „Zapp“ drei Tage lang in Winnenden Kollegen beobachtet hatte. Da seien Absperrungen an der Trauerstelle übertreten worden, Eltern von Todesopfern fühlten sich überfallen. Fotografen hätten von Hebebühnen aus über Friedhofsmauern fotografiert, um das Bild des ersten Sarges zu bekommen. Als Beitrag zur Heroisierung des Täters empfand sie auch interaktive Grafiken über den Ablauf der Tat in Online-Medien. Der Deutsche Presserat bekam vor zwei Jahren 47 Beschwerden über die Berichterstattung zu Winnenden auf den Tisch. Allerdings schränkt Datta ein: „Viele Kollegen waren unter Druck. Einerseits wollten manche auch verantwortungsvoll mit dem Thema umgehen, bekamen aber Druck von ihren Hauptredaktionen.“
Der Druck in den Redaktionen sei wirklich groß, sagt Welt-Herausgeber Thomas Schmid, damals Chefredakteur der Zeitung. Einen gewissen Druck übe aber auch das Publikum aus, das es mittlerweile als „eine Art Grundbedürfnis betrachtet, alles sofort bis ins Detail wissen zu wollen“. In dem Zusammenhang sprach er von einem merkwürdigen Mythos der Bilderindustrie, wonach man „die Wahrheit geliefert bekommt, wenn man sofort hinfährt und die Kameras drauf hält“.
Ethische Ansprüche beachten
Für Uwe-Carsten Heye ist mit der Beschleunigung im Beruf etwas Wichtiges verloren gegangen – und zwar Zeit zum Bedenken. „Im Reflex, das Unfassbare fassbar zu machen, bleibt Journalisten keine Zeit, Dinge einzuordnen und ethische Normen zu beachten.“ Medienberichte über das Erdbeben und die unklare Atom-Alarm-Lage in Japan seien traurig anzuschauende Beispiele dafür. „Wer im Minutentakt Nachrichten und Kommentare loslässt, verstärkt nur die Oberfläche.“ Heye verlangt nach Entschleunigung, damit Journalisten Raum haben, ethische Ansprüche zu beachten. „Wenn gar kein journalistischer Respekt mehr vorhanden ist, was dann?“ Oft würden Journalisten ethische Debatten nur ängstlich führen oder hinter vorgehaltener Hand. Zur Not müsse man für seine kritische Meinung eben auch eine Abmahnung riskieren, sagte Heye.
Ganz so einfach sei für viele Kollegen die Sache leider nicht, widersprach Buchautor Kalka. „Wer als Reporter Sachen ablehnt oder in Krisenfällen weggeht, ist eine verbrannte Marke. Der wird bei der nächsten Geschichte nicht mehr gefragt“, sagte er. Gita Datta blieb dennoch dabei. „Bestimmte Dinge mache ich nicht. Das ist eine Frage der Haltung.“ Dafür bekam sie Zustimmung vom Welt-Herausgeber Schmid. Immerhin sei Journalismus ein Haltungsberuf, bei dem es existenziell nötig ist zu entscheiden: „Das ist es. Das ist es nicht.“
Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.