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Gastbeitrag: Gehört das ZDF Roland Koch?

Selbstverständlich. Er muss es nur mit 40 Millionen anderen teilen. - Übrigens: Das Volk verliert nicht den Verstand, sobald es die Fernbedienung benutzt, sagt Dagmar Reim, Intendantin des rbb.

Dagmar Reim ist Intendantin des Rundfunks Berlin-Brandenburg.
Dagmar Reim ist Intendantin des Rundfunks Berlin-Brandenburg.
Foto: dpa

Gehört das ZDF Roland Koch? Selbstverständlich. Er muss es lediglich mit knapp 40 Millionen Menschen teilen. Das sind die Gebührenzahler hierzulande, und ihnen gehört der öffentlich-rechtliche Rundfunk. Da nicht jeder dieser 40 Millionen das Fernsehprogramm kontrollieren kann (obwohl jeder eine Meinung dazu hat), tun dies von gesellschaftlichen Gruppierungen entsandte Vertreter. Dazu gehören Politiker ebenso wie die Gewerkschaften, Kirchen, Frauenverbände, Unternehmer, jüdische Gemeinden etc. Der grundlegende Irrtum des hessischen Ministerpräsidenten besteht in der Annahme, er als Teil der CDU-Mehrheit im ZDF-Verwaltungsrat bestimme die Personalpolitik des ZDF.

Das ist altes Denken. Mein Berufsweg hat mich vom Bayerischen Rundfunk (München) über den Westdeutschen Rundfunk (Köln) und den Norddeutschen Rundfunk (Hamburg) zum Rundfunk Berlin-Brandenburg (Berlin und Potsdam) geführt. Selbstverständlich habe ich viele Versuche der parteipolitischen Einflussnahme erlebt: Plumpe und weniger plumpe, offene und verdeckte. Allerdings zieht sich wie ein roter Faden durch all' die Jahre: Man muss kein Held sein, um politischen Einfluss in die Schranken zu weisen.

Zur Person

Dagmar Reim ist Intendantin des Rundfunks Berlin-Brandenburg.

Was aber auch stimmt: So wie es Parteipolitiker gibt, die gern Personalpakete schnüren und über die Besetzung von Spitzenpositionen in den Sendern entscheiden wollen, gibt es in den Sendern willige Vollstrecker. Und jeder Kollege bei ARD, ZDF und Deutschlandradio kennt sie, die Nahesteher, Stichwortgeber und Beflissenheitsweltmeister. In journalistischen Betrieben will eigentlich keiner etwas mit ihnen zu tun haben. Weil sie eher streng riechen und schmierig daherkommen: Semper aliquid haeret - etwas bleibt eben auch dann immer kleben, wenn gewisse Worte und Wendungen ins Mikrofon tropfen.

Von den Putzerfischchen der Politik, den Funkenmariechen der Macht, geht keinerlei Gefahr aus. Warum das so ist? Das Publikum ist nicht doof. Ich kenne keinen Hörer, der Interviews schätzt mit dem investigativen Grundtenor: "Was möchten Sie noch loswerden, Herr Ministerpräsident?" Es ist mir auch nie eine Zuschauerin begegnet, die den Journalisten-Satz "Wie Sie das wieder hingekriegt haben, Herr Generalsekretär" freudig vernommen hätte.

Das gilt übrigens auch für etwas eleganteren Subtext. Mit anderen Worten: So wie das Volk laut Bertolt Brecht nicht tümlich ist, verliert es nicht seinen Verstand, sobald es die Fernbedienung benutzt. Journalisten arbeiten, das weiß jeder, oft mit großem Einsatz für die eigene peer group. Sie suchen die Anerkennung, gern auch den Neid der Berufskollegen, und da macht es sich einfach gut, wenn Willi Wichtig in sein Mobiltelefon schnurren kann: "War gestern mit Peer zusammen. Der sieht die Sache auch so." Geschenkt.

Jedenfalls ist die Gefahr, grenzdebile Chefredakteure, Programmdirektoren und so weiter, hervorzubringen, im öffentlich-rechtlichen Rundfunk kaum größer als in Zeitungen: Auch hier soll es Karrieren geben, die nicht allein auf Qualifikation beruhen…

Was Einflussnehmer wie Roland Koch zu rührend gestrigen Figuren macht, ist ihr Verhaftetsein in der alten Welt. Ja, früher war alles einfacher. Schwarz und weiß auf dem Bildschirm, schwarz und rot im politischen Umfeld. Heute aber sind die Grünen im Spektrum, die Dunkelroten, die Gelb-Blauen, die Grauen, die in Rosa und Lila, sogar die Gestreiften. Das politische Leben ist erheblich bunter als früher und mit der alten Farbenlehre längst nicht mehr zu erfassen. Kommt hinzu, dass die Entautorisierung der elektronischen Medien mit dem Ende des Duopols von ARD und ZDF vor 25 Jahren begonnen hat und heute vollendet ist. Man muss darüber nicht traurig sein. Nachwachsende Journalistengenerationen fänden die Frage nach (partei-) politischer Zuordnung befremdlich: Sie wollen gute Reporter sein, ihren Beiträgen soll nicht die virtuelle Einblendung folgen "Sie hörten eine Hervorbringung aus dem Konrad-Adenauer-Willy-Brandt-Haus". Dies alles hat sich zur Verblüffung mancher Altvorderen in der Politik leise, aber gewaltig verändert. Cuius regio, eius Radio - wessen die Herrschaft im Land, dessen der Landessender - das ist vorbei.

1976 versuchte der Noelle-Neumann-Schüler Hans Mathias Kepplinger nach dem Bundestagswahlkampf zu beweisen, Helmut Kohl habe die Wahl gegen Helmut Schmidt gar nicht gewinnen können, weil ihn die fiesen linken Journalisten und Kameraleute der ARD stets unvorteilhafter ins Bild gesetzt hätten als seinen Gegner: Offenbar haben nach dieser profunden Analyse die Sender blitzschnell ihr Personal ausgetauscht, denn im Laufe der jüngsten deutschen Geschichte soll Helmut Kohl später tatsächlich Wahlen gewonnen haben (während die Kamera-Naturschönheit Helmut Schmidt noch heute ein Selbstgänger im Studio und Publikumsmagnet ist, was wahrscheinlich die zur ARD zurückgekehrten linken Kamera-Vögel und Reporter bewirken…).

Parteien-Bashing ist keine Antwort auf Einflussversuche. Parteien "wirken bei der politischen Willensbildung des Volkes mit" (Art. 21, Abs. 1 Grundgesetz). Deswegen gehören sie selbstverständlich in unsere Aufsichtsgremien. Sie sollen dort - wie alle anderen gesellschaftlichen Gruppen - die Programme kritisch begleiten. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Hat denn schon einmal ein Intendantenflüsterer darüber nachgedacht, wie viel Programm der Intendant macht? Denkt er, der weise seine Leute an, ihm genehme Amtspersonen bei der Eröffnung von Straßen, Kindergärten und Wachsfigurenkabinetten zu filmen? Stellt er sich die Arbeit an der Spitze eines Senders so vor?

Der Intendant dekretiert morgens, was und wen er abends gern mit welchem politischen Zungenschlag in der aktuellen Sendung sähe? So läuft es nicht. Redaktionen, ob Print, Radio, Fernsehen oder Internet bestehen aus kompetenten, ehrgeizigen und selbstbewussten Individuen. Sendungen sind stets Gemeinschaftsprodukte vieler mit ihren jeweils unterschiedlichen Interessen und Auffassungen. Intendanten haben die Aufgabe, ihren Journalisten den Rücken freizuhalten, sie zu unabhängigem Denken zu ermuntern, Qualitätsjournalismus zu ermöglichen und zu fördern. Das Berufsbild Märtyrer sieht anders aus.

Dagmar Reim ist Intendantin des Rundfunks Berlin Brandenburg (rbb).

Autor:  DAGMAR REIM
Datum:  6 | 3 | 2009
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