Christian Kohlund sitzt auf der Terrasse vom Coco-Reef-Resort und trinkt eine Cola mit Eis und Zitrone. Vor ihm steht ein Laptop, zwischendurch klingelt immer wieder das Handy. Die Lobby ist in der Zeit, in der Christian Kohlund in Tobago für eine neue Folge des „Traumhotels“ vor der Kamera steht, so eine Art Büro. Eine E-Mail trifft ein. Ein Freund will wissen, was er sich zum Geburtstag wünscht. „Kommt einfach vorbei, ich freu mich sehr, euch zu sehen“, schreibt der Schauspieler und lächelt wehmütig.
Herr Kohlund, haben Sie etwa Heimweh?
Ich habe gerade vier Wochen lang auf den Malediven gedreht und dann ging es ohne größere Pause weiter nach Tobago. Acht Wochen leben im Hotel, umgeben mit netten, aber im Grunde fremden Menschen, da sehne ich mich nach der Vertrautheit zu Hause, nach meiner Familie, nach München, aber auch nach meinen Dingen: Nach meinem Morgenmantel, nach meiner Lieblings-Kaffeetasse, nach meinem Sessel, in dem ich lese. Kurz gesagt: nach dieser kleinen Welt, die ich mir gebastelt habe.
Hat das was mit dem Alter zu tun? Sie feiern am Dienstag Ihren 60. Wird der Lebemann, den Sie in Ihren Rollen so oft spielen, langsam müde?
Das Reisen hat seinen Stellenwert verändert. Es ist wie mit Kaviar und Austern – wenn es davon übertrieben viel gibt, dann sehnt man sich irgendwann nach Würstchen mit Kartoffelsalat. Wenn ich heute reise, dann fehlt mir ein bisschen das Herzklopfen, in meiner Kindheit war das anders.
Man sagt, dass, wenn man mit dem Flugzeug in kürzester Zeit große Distanzen zurücklegt, die Seele nicht nachkommt. Können Sie das nachvollziehen?
Ja. Wenn man mit dem Auto oder dem Zug fährt, dann legt man die Strecke ganz bewusst zurück. Man sieht wie sich die Landschaft verändert, die Architektur, die Menschen. Da kann man wirklich sagen, dass die Seele immer dabei ist. Heute, wenn mich ein Jumbojet mal wieder irgendwo auf der Welt ausspuckt, dann ist die Seele schon ein bisschen zerknautscht, wenn sie ankommt.
Strand oder Berge? Was reizt Sie mehr?
Da kann ich mich nicht festlegen. Die Welt ist so wunderbar! Was ich nur schwer ertragen kann, das sind diese blödsinnigen, folkloristischen Tänze in schrecklich schlechten Kostümen, die nur für Touristen aufgeführt werden.
Moment mal – Tänze in bunten Kostümen? Das gehört doch zu jedem Abschlussfest einer Folge von „Traumhotel“.
Schon, und die Szenen sind toll inszeniert. Es ist ja auch völlig in Ordnung, dass es solche Veranstaltungen gibt. Die Menschen sind eben unterschiedlich, jeder soll im Urlaub tun und lassen, was er will und was ihm gefällt. Aber ich bin ja nicht meine Rolle Markus Winter – ich, Christian Kohlund ganz persönlich – kann damit nichts anfangen.
Sie würden also nicht in einem „Traumhotel“ Urlaub machen?
Wahrlich nicht in jedem. Ich habe manchmal ein Problem, wenn ich weiß, dass die Zuschauer alles für bare Münze nehmen. Da bekomme ich ein schlechtes Gewissen. Für das Fernsehen erzeugen wir oft eine Welt, die es in der Realität nicht gibt. Da wird getrickst was das Zeug hält, die Bilder werden mit viel Zeit und Geld schön gemacht. Wir suchen uns nur die nettesten Orte in einem Hotel aus, tauchen jede Szene in wunderschönes Licht. Wenn wir eine Episode am Strand zeigen wollen, der aber 500 Kilometer vom eigentlichen Hotel entfernt liegt, dann ist das im Film kein Problem.
Das „Traumhotel“ Chiang Mai wurde aus den thailändischen Bergen kurzerhand ans Meer versetzt.
Ja. Da gab es erboste Zuschauerpost. Wenn eine neue „Traumhotel“-Episode ausgestrahlt wird, gehen an dem jeweiligen Urlaubsort die Buchungen deutlich nach oben. In Malaysia haben wir aus sechs unterschiedlichen Hotels ein neues „Traumhotel“ zusammen gestückelt. Da war der Realitätsschock für einige Reisende, die sich auf unsere Spur gemacht haben, doch groß! Viele unterscheiden einfach nicht zwischen Fiktion und Realität – dabei heißt es doch Traum-Hotel ...
Im Computer, der aufgeklappt vor ihm steht, leuchtet eine Nachricht auf. Ein Anschlag in Irak mit vier Toten, dazu Bilder von ölverschmierten Vögeln aus dem Golf von Mexiko. Kohlund liest und schweigt dann einige Zeit, bis er wieder zu sprechen beginnt:
... Ich halte diese Zeit, in der wir leben, für extrem schwierig und äußerst gefährlich. Diese Welt steht unter permanenter Turbo-Beschleunigung, immer wird das Tempo weiter angezogen. Es gibt eine handvoll Despoten, die in der Lage sind, den ganzen Planeten in den Abgrund zu führen und niemand stoppt sie. Ein entsetzlich böser Kreislauf hat sich da in Bewegung gesetzt. Der zieht Depressionen nach sich, die Zukunftsaussichten für unsere Kinder sind beschissen.
Aber mit Ihren Rollen tragen Sie doch auch dazu bei, dass die Menschen das Negative nicht sehen.
Sonst würde man das Leben auch nicht ertragen. So lange die Unterhaltung gut gemacht wird, mache ich sie gerne. Dennoch darf man den Blick auf die Realität nicht verschließen. Ich kann nicht kritiklos aus einem fremden Land zurückkommen. Ich werde dort mit der Armut und den Problemen der Menschen vor Ort konfrontiert: Kinderarbeit in Indien, Verfolgung der Tibeter in China, Kriminalität in Südafrika, Extremismus auf Bali. Für die meisten Dinge, die in der Welt falsch laufen, sind wir Europäer beziehungsweise unsere Vorfahren schuld. Auch zu bedeutenden Bauwerken, die man in aller Welt bestaunt, habe ich ein gespaltenes Verhältnis.
Inwiefern?
Die Pyramiden, der Vatikan, die Akropolis – all das, wo wir voll Bewunderung „ahh“ und „ohh“ rufen. Doch wenn man bedenkt, dass Hunderttausende Menschen dabei draufgegangen sind, dass sie für ein Stück Brot 15 Stunden am Tag malocht haben, dann bleibt mir mein „ahh“ und mein „ohh“ im Halse stecken.
Lassen Sie uns über Ihren Geburtstag sprechen.
Ach, der ist doch gar nicht so wichtig. Ich werde zu Hause im kleinen Kreis mit meiner Familie und ein paar Freunden feiern. Mir kommt es vor, als wäre ich doch erst gerade 50 geworden. Die Zeit beginnt zu rasen, eben hatte ich meine Kinder noch auf dem Arm, jetzt sind sie schon aus dem Haus!
Haben Sie schon mal über Schönheits-OPs nachgedacht?
Das kommt für mich nicht in Frage. In dem Moment, wo man das macht, wird man doch nur noch zehn Jahre älter. Unter dem Motto ‚Was? Ist der schon so alt, dass er das nötig hat?’
Das Gespräch führte Gaby Herzog.
Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.