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Gegenöffentlichkeit: Die vergessenen Skandale

Das Vorbild kommt aus den USA: "Project Censored". Aber auch hier listet die Initiative INA nun Themen auf, die in Medien zu wenig Beachtung finden. Von Annika Joeres

Behinderte, alte und kranke Menschen sind im Krankenhaus auf sich alleine gestellt. Ihre Betreuer, die Patienten mit Pflegestufe 3 oftmals jahrelang begleiten, dürfen nicht mit in die Klinik. Zu teuer, befinden die Krankenkassen. Mit gravierenden Folgen. Diese ohnehin labilen Patienten sind oftmals verunsichert und werden häufig unter starke Beruhigungsmittel gesetzt, haben Behindertenverbände akribisch dokumentiert.

Noch nie gehört? Keine Zeile darüber gelesen? Kein Wunder. Der "Notstand im Krankenhaus", den in Deutschland eine halbe Million Menschen mit Pflegestufe 3 fürchten muss, wurde am Wochenende von der Initiative Nachrichtenaufklärung (INA) zum am meisten vernachlässigten Thema des Jahres 2009 gewählt.

Die INA macht seit 1997 Nachrichten publik, die von den Medien ignoriert werden. Weil die Recherche zu aufwändig ist oder weil die Themen schlicht nicht bekannt sind. "Was die Eliten sagen, wird breit beschrieben", sagt Miriam Bunjes, Leiterin des INA-Rechercheseminars an der Dortmunder Universität. Wer sich weniger professionell äußert, wird nicht gehört. Viele Betroffene wenden sich an die INA und melden ein ihnen wichtiges Thema, die Studierenden des Journalistik-Institutes recherchieren dann ohne ökonomischen oder zeitlichen Druck nach, ob an der Geschichte etwas dran ist. "Diese gründliche Überprüfung kommt ja im Redaktions-Alltag ohnehin viel zu kurz," sagt Bunjes.

Wie in jedem Jahr hat INA zehn Themen benannt, denen Redaktionen nach Einschätzung der Initiative zu wenig Aufmerksamkeit und Recherche gewidmet haben. Dazu zählen etwa jene Menschen, die zwangsweise in der Psychiatrie landen, weil die Bundesregierung eine UN-Konvention nur teilweise umgesetzt hat. Oder gutgläubige Finanzämter, die steuerbefreite kirchliche Einrichtungen öffentlichen Rechts, beispielsweise katholische Klöster, per se als vertrauenswürdig einstufen und nicht kontrollieren. Oder Übergriffe durch Polizeibeamte. "Dazu bräuchte es Mut, der für eine Zeitung teuer sein kann," sagt INA-Leiterin Miriam Bunjes. Die Polizeigewalt taucht regelmäßig bei den INA-Themen auf.

Großes Vorbild der Initiative ist das amerikanische "Project Censored". Es existiert dort seit 35 Jahren und gehört zu den meist gelesenen Web-Seiten in den USA: Hierzulande ist die INA noch eine kleinere Bewegung - sie ist selbst ein vernachlässigtes Thema. Denn kein Medium berichtet gerne über seine eigenen Versäumnisse.

Autor:  Annika Joeres
Datum:  1 | 2 | 2010
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Das Bild des Jahres: Die 18-jährige Afghanin Bibi Aisha   war auf der Flucht vor ihrem gewalttätigen Ehemann, als die Taliban sie aufspürten.  Der Urteilsspruch: Verstümmelung. Aishas Mann schnitt ihr Nase und Ohren ab, während dessen Bruder sie festhielt. Das Porträt brachte der US-Fotografin Jodi Bieber den World Press Photo Award 2011 ein.

Die Präsentation des besten Pressefotos des Jahres ist immer ein Anlass, genauer hinzuschauen: FR-online.de erklärt mit Hilfe von interaktiven Imagemaps die Hintergründe zu drei ausgewählten Gewinnerbildern.

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