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20. Januar 2016

George Weidenfeld: Das irdische Jerusalem nie vergessen

 Von Sebastian Borger
Lord George Weidenfeld, 1919 als Sohn jüdischer Eltern in Wien geboren.  Foto: dpa

Zum Tod des Verlegers und legendären Netzwerkers George Weidenfeld.

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Großbritannien hat seine Herzen und seine Grenzen verschlossen gegenüber Flüchtlingen, in diesem Jahr könnte die Abkehr vom politischen Einigungsprojekt in Europa hinzukommen. Mehr und mehr droht der Insel verlorenzugehen, wofür der gestern 96-jährig verstorbene Lord George Weidenfeld stand: Großzügigkeit, intellektuelle Neugier, den Willen zum Dialog und zum politischen Ausgleich mit den Nachbarn.

Mit seinem wienerischen Charme – bis zuletzt sprach er Englisch mit starkem deutschen Akzent – machte sich der Jude Weidenfeld in seiner Wahlheimat einen Namen, als Verleger, als Freund kluger und talentierter Männer und vor allem Frauen, als Brückenbauer zwischen Klassen, Nationen, Weltanschauungen. 1919 geboren, als Einzelkind großbürgerlicher Eltern aufgewachsen, gehörte Weidenfeld zur großen Gruppe der Flüchtlinge vor Hitler, die in England Karriere machten. Mit vielen anderen teilte er die Dankbarkeit gegenüber seiner neuen Heimat – und eine Rastlosigkeit, die mit dem Gefühl zu tun hatte, man müsse sich der lebensrettenden zweiten Chance würdig erweisen. Noch im Sommer 2015 engagierte sich Weidenfeld mit einem Rettungsfonds für die bedrohte christliche Minderheit in Syrien und im Irak. „Ich habe eine Schuld abzubezahlen“, erklärte er.

Selten zurückhaltend gegenüber Frauen

Damit bezog er sich auf das Engagement christlicher Gruppen auf der Insel, besonders der Quäker, die in den Dreißigern viel hellsichtiger als das englische Establishment die Gefahr wahrnahmen, die Hitlers Rassenwahn für die jüdische Minderheit darstellte. Mit 18 Jahren machte sich Weidenfeld mit einem Koffer und 16 Shilling and sixpence auf den Weg nach London. Die örtliche Flüchtlingshilfe brachte ihn bei einer gläubigen Protestantenfamilie unter, Fundament eines lebenslangen Engagements für die interreligiöse Aussöhnung. Auch den Eltern gelang die Flucht auf die Insel.

In Wien hatte Weidenfeld Sprachen gelernt und die Diplomatenschule besucht. Das kam ihm nun zugute: Er fand sich schnell zurecht, heuerte bei der BBC an, knüpfte Kontakte. 1949 gründete er mit einem bestens vernetzten Mitglied der Kulturaristokratie das Verlagshaus Weidenfeld & Nicolson. Ihm verdankte die Firma manchen Coup, von Wladimir Nabokovs „Lolita“ (1959) bis zu den Memoiren des sterbenden Papstes Johannes Paul II. (2005).

Die Affinität zum Christentum hinderte den seit 1976 als Lord Weidenfeld of Chelsea dem Oberhaus angehörenden Weltmann nicht daran, ein Jude zu sein und zu bleiben – nicht sonderlich religiös, eher ein Zionist alten Schlages. Israels erstem Präsidenten Chaim Weizman diente er 1948 ein Jahr lang als Kabinettschef. Es vergehe kein Tag, erklärte er, „an dem ich nicht ans irdische Jerusalem denke“.

In England sei er sehr glücklich, aber „immer ein wenig Beobachter geblieben“, gab Weidenfeld vor zehn Jahren zu Protokoll. Frauen gegenüber blieb er selten zurückhaltend: Viermal war er verheiratet, zuletzt mit Annabelle Whitestone, der 25 Jahre jüngeren letzten Geliebten Artur Rubinsteins. Zwischendurch hatte er „turbulente Affären“, „romantische Abenteuer“, wie er in seinen Memoiren schreibt. Er ziehe die Gesellschaft von Frauen Männerclubs vor: „Frauen haben nuanciertere Gedanken als Männer.“

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