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Gerd Ruge unterwegs im Ersten: Alles ganz normal

Gerd Ruge erkundet in Russland einmal mehr das Leben der einfachen Leute. Wie in all seinen Filmen versteht es der 81-Jährige gut zu beobachten und ihnen ganz ohne Voreingenommenheit Fragen zu stellen. Von Holger Reischock

Gerd Ruge in Sergiew Possad
Gerd Ruge in Sergiew Possad
Foto: WDR

Was aber ist hier normalno, nicht allzu weit weg von der Hauptstadt, die mit ihre Milliardären und den armen Mütterchen, den verruchten Klubs und den korrupten Beamten alle westlichen Klischees des "normalen" russischen Lebens vereint? Gerd Ruge, altgedienter Moskauer Korrespondent und inzwischen 81 Jahre alt, hat sich noch einmal auf den Weg gemacht, um diesmal 100 Kilometer rund um Moskau vom Alltag der Russen zu erzählen.

Es ist nicht die spektakuläre Abenteuertour, sondern mehr so die altersgerechte Variante, bei der das komfortable Hotel in der Hauptstadt nie ganz außer Sichtweite gerät. Doch Ruge versteht es wie in all seinen früheren Russland-Filmen, gut zu beobachten, interessante Menschen fast wie zufällig zu finden und ihnen ganz ohne Voreingenommenheit Fragen zu stellen. "Kaum hundert Kilometer von Moskau beobachten wir, dass die Menschen sich an die neue Art zu leben gewöhnen", sagt er. Und zeigt, mit welchen Schwierigkeiten und Konflikten das für sie verbunden ist.

Kaum jemand jammert. Die Rentnerin nicht, die am Straßenrand eine erbärmlich dünne Kuh melkt, um ihre Pension ein wenig aufzubessern, die Arbeiter im Waggonwerk von Twer nicht, die nur noch drei Tage die Woche arbeiten dürfen und ihr Leben noch ganz normalno finden, selbst wenn es nur das halbe Gehalt gibt

"Nicht besser, aber auch nicht schlechter als früher", sagt einer der Arbeiter, wäre sein Leben. Die Pförtnerin der Sowchose Kalinin, einst sowjetisches Vorzeigeobjekt, findet dagegen, dass sich das Leben völlig verändert habe; früher sei es hier fröhlicher und lebendiger zugegangen, sagt sie, und die Alten wurden noch geachtet. Sie kriegt heute 6600 Rubel Rente, rund 150 Euro, und das Leben ist auch in der Provinz nicht so viel billiger als für eine Rentnerin in Deutschland.

Gert Ruge trifft einen altbekannten Milliardär, der seine Liebe zum schlichten Landleben entdeckt hat, Neonazis, die eine Stadt ohne Ausländer wollen, einen Jungunternehmer, der auf altertümlichen Maschinen die guten alten Walenki herstellt, Stiefel aus grauem Filz, die wieder in Mode kommen, und Geistliche in Sergiejew Possad, das zu Sowjetzeiten Sagorsk hieß, Ziel tausender Touristen war und jetzt zu seinen religiösen Wurzeln zurückkehrt. Dass das Kloster noch immer zwischen der Straße der Roten Armee und der Straße der Jungkommunisten liegt, stört keinen. Normalno.

Es sind Streiflichter, die die Frage "Wie ist das Leben bei Ihnen?" sicher nicht erschöpfend beantworten. Gerd Ruge lässt die Leute reden, ohne den Drang, alles zu kommentieren und zu bewerten; auch das hat all seine Reportagen so unverwechselbar gemacht. Man spürt seine Sympathie für dieses Land und seine Bewohner, die ihn auch immer wieder dorthin zurückzieht. Hundert Kilometer rund um Moskau hat er im alltäglichen Leben jenseits aller Klischees wieder viel Neues entdeckt. Normalno für Gerd Ruge.

Gerd Ruge unterwegs: 100 Kilometer um Moskau, 21.45 Uhr, ARD

Autor:  Holger Reischock
Datum:  21 | 12 | 2009
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