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Geschichte im Netz: Krawalle, Terror und der Studenten-Mob

Der Springer-Verlag stellt Beiträge seiner Zeitungen aus den Jahren 1966 bis 1968 ins Internet. Das "Medienarchiv68" will zeigen, wie die Springer-Blätter damals über die Studentenrevolte berichtet haben. Von Andreas Förster

Medienarchiv68: Eine Internet-Plattform mit Axel-Springer-Zeitungsartikeln aus den Jahren 1966 bis 1968.
"Medienarchiv68": Eine Internet-Plattform mit Axel-Springer-Zeitungsartikeln aus den Jahren 1966 bis 1968.
Foto: medienarchiv68

Axel Springer hat 1980 einmal eingeräumt, er leide "wie ein Hund darunter, dass manches in meinen Blättern steht, womit ich überhaupt nicht einverstanden bin". Er habe "in Hunderten von Briefen … die Chefredaktion (beschworen), alles zu unterlassen, was gegen die Würde des Menschen verstößt". Nun haben diese Briefe bis heute wenig gefruchtet in den Chefredaktionen der Springer-Blätter. Dort zeigt man sich, ist man Vorwürfen der Meinungsmache und einseitigen Berichterstattung ausgesetzt, hartleibiger denn je. Viel lieber inszeniert sich das Unternehmen als verfolgte Unschuld.

Das gilt neuerdings auch für die Zeit der Studentenrevolte von vor vier Jahrzehnten. Die Proteste gegen den Konzern seien von Stasi und SED fremdgesteuert gewesen, heißt es. Schließlich sei ja jetzt bekannt geworden, dass auch der Polizist Karl-Heinz Kurras, der am 2. Juni 1967 Benno Ohnesorg erschoss, ein MfS-Agent gewesen sei. Die Schuld an Ohnesorgs Tod könne man nun nicht mehr länger den Springer-Zeitungen geben, denen die Studenten damals eine Hetzkampagne vorgeworfen hatten. Es sei sogar an der Zeit, so forderte Springer-Chef Matthias Döpfner, dass sich die 68er endlich für ihren damaligen Vorwurf entschuldigten.

Gestern hat Springer ein "Medienarchiv68" ins Internet gestellt (www.medienarchiv68.de), mit dem der Konzern eine Neubewertung seiner Rolle in dieser Zeit erreichen will. In seinem Editorial schreibt Döpfner, dass "manche Klischees in den Köpfen (…) sich auch als Endmoränen einer bis heute wirkungsvollen SED-Propaganda und Stasi-Desinformation" erweisen. Wer genug Zeit hat, kann in diesem Online-Archiv blättern und darin rund 5 900 Artikel, Kommentare, Interviews, Leserbriefe und Karikaturen nachlesen, die die Zeitungen des Verlages zwischen 1966 und 1968 über die Studentenbewegung veröffentlicht haben. Aus Sicht Döpfners ergebe sich daraus ein differenziertes Bild: "Die These, das Haus Axel Springer sei eine zentral gelenkte Meinungsmaschine gewesen, welche die Studentenbewegung verhindern wollte, bestätigt sich jedenfalls nicht."

Dass der Vorstandschef dem Leser damit ein Urteil vorgeben möchte, sei ihm zugestanden. Beim Nachlesen der Artikel fällt es allerdings schwer, dies nachzuvollziehen. So sind in diesen Beiträgen die Demonstranten fast immer "radikale Studenten", "Störenfriede" und "Provos", die "Tumulte" vom Zaun brechen. In Kommentaren werden Studenten als "Mob, dem es um Krawall und Terror geht" bezeichnet. Sie seien "frei von gesellschaftlicher Verantwortung, im Besitz hoher Monatswechsel (…) und kümmern sich um alles außer Studieren". Die Aktionen der "Kommune I" nennt die B.Z. "gemeingefährlich" und fordert von den Behörden: "Hier sollte jetzt Fraktur gesprochen werden."

So wie am 2. Juni 1967 beim Schah-Besuch, wo zunächst iranische Geheimdienstler ungestört mit Zaunlatten auf Demonstranten einprügeln dürfen, bevor die Polizei mit Wasserwerfern und Gummiknüppeln die Protestler auseinandertreibt. Die B.Z. nennt die Anti-Schah-Proteste danach Terror und schreibt, Berlin werde zum Rabaukennest.

Hat Springer mit Artikeln wie diesen zu einem Klima des Hasses beigetragen, das die Schüsse auf Ohnesorg und Dutschke erst möglich machte? Hat der Medienkonzern einen Meinungskrieg gegen die Studenten geführt? Antworten darauf kann das Medienarchiv68 nicht liefern. Ist es dem Unternehmen aber ernst mit der Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit und Verantwortung, sollte es endlich unvoreingenommene Historiker und Medienwissenschaftler mit einer Analyse der damaligen Veröffentlichungen und Unternehmenspolitik beauftragen.

Autor:  Andreas Förster
Datum:  17 | 1 | 2010
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