Dmitri Muratow, Chefredakteur der russischen Zeitung Nowaja Gaseta, hatte seine geplante Berlin-Reise absagen wollen. Nach dem Doppelmord an seiner jungen Mitarbeiterin Anastasia Baburowa und dem Menschenrechtsanwalt Stanislaw Markelow am vergangenen Montag mitten im Moskauer Stadtzentrum, schienen zunächst andere Dinge wichtiger, als auf Einladung der Konrad- Adenauer-Stiftung in Deutschland über russische Politik zu sprechen. Doch seine Redaktion bat ihn inständig, dennoch zu fahren und in Deutschland Solidarität anzumahnen.
Wütend und sichtbar mitgenommen erhob der Chefredakteur nun bei seinen Gesprächen in Berlin schwere Vorwürfe gegen russische Behörden: "Es handelt sich eindeutig um ein politisches Verbrechen", sagte Muratow. Die Spur reiche wieder einmal, wie im Fall der Ermordung der Journalistin Anna Politkowskaja, nach Tschetschenien.
Ein solcher Doppelmord in unmittelbarer Nähe des Kreml sei ein demonstrativer Akt, um kritische Stimmen massiv einzuschüchtern. Es seien vor allem Journalisten gefährdet, die an Themen rund um die verbreitete Korruption arbeiteten, klagte der Chefredakteur. "Ich weiß nicht, was wird. Diese Zeitung ist lebensgefährlich."
Muratow wies darauf hin, dass die 25-jährige Anastasia Baburowa bereits das vierte Redaktionsmitglied seiner regierungskritischen Zeitung ist, das in den vergangenen sechs Jahren einem Gewaltverbrechen zum Opfer fiel. "Soll ich meine Redakteure zukünftig mit Gewehren ausstatten?" Keine der Straftaten sei bislang aufgeklärt worden.
Der Journalist zeichnete ein düsteres Bild der russischen Verhältnisse. Er warnte deutsche Politiker davor, den Mangel an Demokratie in Russland als "russischen Sonderweg" zu verharmlosen. Mit Blick auf den jüngsten russisch-ukrainischen Gas-Streit sagte er: "Auch die Zuverlässigkeit der Gaslieferungen nach Europa hängt von Demokratie und Transparenz in Russland ab."
Während die EU nach dem Moskauer Doppelmord die unverzügliche Aufklärung des Verbrechens forderte, blieb eine Reaktion aus dem Kreml bislang aus. Auch von dem als liberal geltenden Präsidenten Dmitri Medwedew erfolgte keine Geste des Beileids.
"Hier in Berlin waren alle stärker besorgt über diesen Anschlag mitten in Moskau als unsere Politiker", sagte Muratow, der vor seiner Rückreise noch an einer Mahnwache teilnahm, organisiert von Amnesty International und Reporter ohne Grenzen vor der russischen Botschaft.
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