Eigentlich hat Giulia Siegel alles für die Partnersuche: Die Schlagerfabrikantentochter ist finanziell unabhängig, schön anzusehen und dazu populär. Dennoch sucht die 34-Jährige am Bildschirm einen Mann. "Giulia in Love?!" heißt die Kuppelshow auf ProSieben, und einmal mehr fragt sich: Warum entblößen Prominente ihr Privatleben vor laufender Kamera? Es ist ein Rätsel. Ist es das?
"Ihre Währung ist Aufmerksamkeit", sagt der Medienwissenschaftler Knut Hickethier, "und es ist eine verderbliche Ware." Was für die nationale Bekanntheit Giulia Siegel ebenso gilt wie für den globalen Hardrocker Ozzy Osbourne. Dessen Homestory "The Osbournes" war Anfang des Jahrtausends nicht nur der erste serielle Blick des Pöbels in die Gemächer ihrer Idole, sondern als größter Erfolg von MTV stilbildend. Von Mariah Carey bis Hulk Hogan ließ sich die Klientel fortan vom Musikkanal in den Alltag linsen. Es dauerte nicht lang, bis der Trend nach Deutschland schwappte. Vor sechs Jahren öffnete Jürgen Drews, als der erste Sender klopfte. Es war RTL 2. Heute klopfen fast alle. Meistens wird geöffnet.
Es war die Folge eines langfristigen Trends: Die Achtziger haben Unterhaltung alltäglich gemacht, die Neunziger den Alltag zur Unterhaltung erklärt, die Nullerjahre beides zur Unkenntlichkeit vermengt. Und der Bürger als Zuschauer, einst bloßes Objekt des Mediums, hat sich darin zum Subjekt gewandelt. Er lässt sich beim Auswandern begleiten, das Haus renovieren, verleiht Babys, tauscht Frauen, vertraut Schuldenberatern und kommt zu jenen 15 Minuten Berühmtheit, die ihm Andy Warhol vor 40 Jahren prophezeit hat.
Was aber ist mit denen, die sie auch ohne Reality TV haben? Vom Boulevard bis zum Bild-Leser-Reporter sind schließlich alle unablässig auf der Jagd nach Kopfgeld. Es muss folglich etwas anderes sein, das Giulia Siegel, wie demnächst Desirée Nick, Maja von Hohenzollern und Sabrina Setlur als "Die Promi-Singles" zur öffentlichen Balz treibt. "Wer sonst nichts zu bieten hat, muss sich ständig selbst zelebrieren", erklärt Hickethier. Deshalb habe sich Boris Becker nach der Tenniskarriere unter die Obhut der Yellow Press begeben, bis ihm die verkaufte Hochzeit selbst bedeutsam vorkam.
Diesem Selbstbetrug erliegen viele Exhibitionisten der Aufmerksamkeitsökonomie: Ex-Nachrichtensprecherin Susann Stahnke bei der Live-Darmspiegelung, Ex-Rambo-Gattin Brigitte Nielsen beim Rundumlifting, Ex-Fußballer Stefan Effenberg beim Villenkauf, Ex-Rapper Flavor Flav bei der Brautschau - so viel Ex lässt auf ökonomisches Interesse am TV-Striptease schließen.
Einmal mehr, schrieb der TV-Kritiker Matthias Hannemann zur "Traumhochzeit" von Viva-Moderatorin Gülcan mit dem Bäckereierben Sebastian Kamps, "probte das Fernsehen den Totalausfall". Doch einmal mehr sei es ProSieben auch gelungen, "Zuschauer und Werbekunden zu gewinnen". Und zwar nicht erst, seit der gleiche Sender die prominente Familienplanung vor vier Jahren mit "Sarah & Marc in Love" lostrat. Der Blick ins Allerheiligste hat Ge-schichte. Schon in der Heimatfilmzeit ließen die Illustrierten Homestorys regnen. Talkrunden wie "Drei nach neun" lassen seit den Siebzigern Promis plaudern, die Margret Dünser um die gleiche Zeit für ihre "V.I.P.-Schaukel" im ZDF daheim besuchte.
Entscheidend für den jüngsten Boom, sagt Hickethier, ist die Angebotsebene. "Je mehr Fernsehformate es zur Selbstveröffentlichung gibt, desto mehr wird eben selbst veröffentlicht." Frauen wie Giulia Siegel finden immer eine Plattform, bloß eben keinen Mann. "Ich arbeite sechseinhalb Tage die Woche", rechtfertigt sie ihre Fernseh-Verpartnerung. "Wenn andere Zeit zum Flirten haben, sitze ich im Flieger oder bin in Hotels und Clubs zum Arbeiten." Arme Giulia. Selbstloses Fernsehen.
Giulia in Love, donnerstags, 20.15 h.
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