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Günter Netzer: "Ich hasse Fernsehen"

Eigentlich hasst Günter Netzer das Fernsehen - doch unter den Fußballkommentatoren gilt er als Superstar. Ein Gespräch über Abschiedsschmerz, Menschenkenntnis und seine Frisur.

Bekannt durch seine geistreichen Fußballkommentare im Fernsehen: Günter Netzer.
Bekannt durch seine geistreichen Fußballkommentare im Fernsehen: Günter Netzer.
Foto: dpa

Herr Netzer, nach der Fußball-WM beenden Sie Ihre 13-jährige Zusammenarbeit mit Gerhard Delling in der ARD. Zum Ende Ihrer Beziehung scheinen sich Ihre Frisuren anzugleichen.

Ja, da ist was dran. Nur dass ich meine nicht verändert habe. Ich habe noch denselben Friseur wie 1976, in Zürich. Aber meine Haare waren stets das Letzte, worum ich mich gekümmert habe. Dafür ist eine langjährige Freundin von früher verantwortlich.

Fußball war damals noch ehrliche Arbeit.

Ich bin nicht angetreten, ihn durch meine Erscheinung zu bereichern oder entstauben. Aber die Art und Weise, wie ich Fußball gespielt habe, war eine andere als üblich und hat sogar 68er in unsere Richtung gezogen. In Gladbach gab es die Auffälligen, Außergewöhnlichen. So wie Netzer - der lässt sich von der Obrigkeit nichts vorschreiben, der macht, was er will, der muss einer von uns sein.

Weit gefehlt.

Und wie! Ich bin und war nie ein politischer Mensch. Ich fand das amüsant, aber völlig falsch.

Wollen Sie als Kommentator auffallen?

Nein. Es haben schon viele versucht, meine Außenwirkung auf psychologischer Ebene zu erklären. Aber ich hab in meinem ganzen Leben nicht versucht, mich zu verändern! Mit mir kann man keine Show machen. Eigentlich hasse ich das Fernsehen, deshalb kann ich mich selbst auch nicht anschauen.

Sie waren ein Superstar. Wer wird die WM 2010 prägen?

Das kann nur einer sein: Messi. Ich sage seit zwei Jahren, dass er der beste Spieler der Welt ist.

Das sieht Delling anders.

Ich habe noch nie viel Wert auf sein Fachwissen gelegt; das ist erwiesenermaßen nicht so toll.

Nach 13 Jahren - sind Sie noch Fußballer oder schon TV-Mann?

Ich wusste früh, dass ich weder Fernsehmann noch -profi sein werde. Das Medium ist mir nach wie vor suspekt, deshalb bin ich nach jeder Sendung froh, sie hinter mich gebracht zu haben. Viele mutieren vor der Kamera zu völlig anderen, die spielen dem Zuschauer Rollen vor. Ich bin da wie im normalen Leben. Dass die Art Erfolg hat, ist hocherfreulich.

Sie bestreiten Ihren Unterhaltungswert?

Nein, nein. Die Kommunikation von Delling und mir ist ein Glücksfall. Das Schönste, was mir der Fußball fürs Leben mitgegeben hat, ist Menschenkenntnis. Zu einer Zeit, als ich Delling noch gar nicht kannte, gab es mal ein Gespräch zwischen ihm und mir beim NDR. Da wusste ich nach wenigen Momenten, dass wir einen Draht zueinander haben.

Was verbindet Sie noch?

Er ist ein Spießer, so wie ich. Ein hochseriöser Junge, sprachlich auf dem allerbesten Stand. Man kann sich auf ihn verlassen. Delling hat diesen besonderen Humor, nie auf billigem Niveau.

Klingt nach Wehmut.

Ja? Die Minuten werde ich gewiss nicht zählen. Ich lebe dieses Gefühl anders aus als normale Menschen und werde in Momenten des Abschieds sicher nicht melancholisch. Wenn es vorbei ist, ist es halt vorbei, um Himmels Willen! Ich drehe es mal um: In meinem Leben gab es so viele tolle Dinge, und die Zeit mit Delling gehört dazu. Nicht wegen unserer Preise, sondern wegen der Leute draußen, weil mich Taxifahrer angesprochen haben. Sogar Frauen. Deren Beurteilung war für mich von jeher das Wichtigste.

Die fachliche?

Eben nicht! Das war mir schon immer ein Gräuel. Eine Frau, die mir sagt: Na das war ja wirklich eine katastrophale strategische Leistung, taktisch alles falsch - so was brauche ich grad noch, am besten zu Hause. Nein, der weibliche Instinkt hat mich stets zusammenzucken lassen. Frauen wissen im Zweifel nicht mal, welche Mannschaft von wo nach wo spielt, aber ihr Instinkt, das Geschehen trotzdem einordnen zu können, gleicht das aus. Toll!

Da sind Sie konservativ.

Und stehe dazu.

Das Interview führte Jan Freitag.

Datum:  11 | 5 | 2010
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