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Harry Rowohlt: "Ich bin fernsehsüchtig"

Der Schriftsteller und Juror beim Festival in Baden-Baden über Schauspieler, Qualität und seinen grünen Daumen.

Lindenstraße, Folge 876: Harry Rowohlt regelt den Verkehr.
Lindenstraße, Folge 876: Harry Rowohlt regelt den Verkehr.
Foto: WDR

Herr Rowohlt, die Veranstalter des Festivals in Baden-Baden wollten Sie schon lange gewinnen. Was qualifiziert den Autor von "Pooh's Corner" als Mitglied einer Fernsehfilm-Jury?

Ich war immerhin lange Filmkritiker. Außerdem bin ich seit 13 Jahren Ensemble-Mitglied der "Lindenstraße".

Gab es eigentlich noch weitere Rollenangebote?

Aber ja. Ich habe zum Beispiel in gleich zwei österreichischen Filmen als Gott mitgewirkt, aber nur als Stimme, wie sich das für Gott gehört. Und in "Liebe auf Bewährung" habe ich mich selbst verkörpert, eine Rolle, die man ja nur schwer ablehnen kann. Regisseur Bernd Böhlich meinte damals, "Wenn Sie Zicken machen, finden wir ganz schnell jemand anderen, der Sie spielt".

Welche Bedeutung hat das Fernsehen in Ihrem Privatleben?

Ich bin fernsehsüchtig. Zigaretten, Armbanduhren und Fernsehen: Das muss sein, sonst werde ich hibbelig.

Haben Sie Lieblingssendungen?

Neben der "Lindenstraße", die ich mir ja anschauen muss, gab es verschiedene Serien, ohne die ich nicht leben konnte, allen voran "Adelheid und ihre Mörder"…

… mit der wunderbaren Evelyn Hamann.

Ach, ich habe immer versucht, an ihr vorbeizuschauen, ich war eher ein großer Fan von Heinz Baumann als Hauptkommissar Strobel. Ansonsten aber halte ich nicht viel von Schauspielern. Ein Regisseur hat mal gesagt, die Vorurteile gegenüber Schauspielern treffen höchsten zu knapp 95 Prozent zu.

Schauen Sie sich als Vielseher auch Fernsehfilme an?

Ja, obwohl mir die Pflichtfilme, die ich mir wegen des Festivals ansehen musste, eher Unbehagen bereitet haben.

Sie wissen, dass die Debatten in Baden-Baden öffentlich sind?

Davor habe ich auch schon große Angst. Seit meiner Berichterstattung über das 6. Festival des lateinamerikanischen Films in Havanna, als ich 120 Filme in 120 kurzen Texten besprochen habe, bin ich nicht mehr in der Lage, mich länger als in fünf Zeilen zu äußern.

Was genau hat Ihnen an den Filmen nicht gefallen?

Ich finde es immer öde, wenn man den Schauspielern bei ihrer Berufsausübung zusehen muss.

Das bringt jeder Film und jede Bühnenaufführung mit sich.

Deshalb ist es in den allermeisten Fällen ja auch so öde. Wenn Will Quadflieg den Kinderkreuzzug von Brecht so aufsagt, dass ich weinen muss, dann hat das noch gar nichts zu bedeuten, denn das darf ich erwarten. Wenn aber zum Beispiel Knut Hinz in der "Lindenstraße" seinen Hajo Scholz vor sich hin stottert, dass man gar nicht merkt, wie er spielt, dann ist das große Kunst. Deshalb liebe ich die Kollegen bei der "Lindenstraße" auch so. Die sind entweder wie ich streng nach Typ besetzt oder wirklich große Schauspieler.

Fernsehen und große Kunst: Schließt sich das aus?

Nein, keineswegs. Aber es stellt sich nun mal ein gewisser Verdruss ein, wenn man immer wieder dieselben 40 Gesichter sieht.

Fanden Sie Reich-Ranickis Fernsehschelte berechtigt?

Überhaupt nicht. Urban Priol hat das perfekt auf den Punkt gebracht: Genauso gut hätte Reich-Ranicki zum Hockenheimring fahren und sich über die vielen lauten Autos beschweren können. Ich fand seinen Auftritt albern.

Aber er scheint manchen Menschen aus der Seele gesprochen zu haben. Brauchen wir eine Qualitätsdebatte über das öffentlich-rechtliche Fernsehen?

Es muss sich doch niemand ansehen, was ihm nicht gefällt! So hoch sind die Fernsehgebühren auch nicht, dass man nicht jeden Monat auf seine Kosten kommt.

Trotzdem beklagen sich viele, wenn sie ARD oder ZDF einschalteten, gäb's prompt eine Daily Soap, eine Telenovela oder ein Film mit Christine Neubauer.

Mir passiert das nie, weil ich sehr methodisch zu Werke gehe. Ich markiere das Programm jeden Tag mit einem gelben, einem grünen und einem roten Textmarker, das geht ganz fix. Gelb kann, grün darf, rot muss. Man lobt mich übrigens allseits wegen meines goldenen Daumens.

Welche Sendungen gehören zu den roten?

Das wechselt. Aber "Kulturzeit" auf 3sat ist immer rot, besonders, seit Gert Scobel nicht mehr moderiert.

Was haben Sie gegen Gert Scobel?

Ach wissen Sie, früher habe ich immer "Arschloch" geschrieen, wenn Joschka Fischer auftauchte. Jetzt ist er aus den Medien verschwunden, deshalb muss Gert Scobel herhalten. Aber manche Moderatorinnen sind noch schlimmer, ich frage mich wirklich, wer diese Mäuschen aussucht; jede Backwarenfachverkäuferin hat mehr Kompetenz.

Man wird Sie in Baden-Baden auch bei einer ihrer mittlerweile selten gewordenen Lesungen erleben. Warum machen Sie sich so rar?

Ich tingele nicht mehr, weil ich Polyneuropathie habe. Aber in Baden-Baden bin ich noch nie aufgetreten, das war also mal fällig.

Interview: Tilmann P. Gangloff

Datum:  18 | 11 | 2008
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