Die Vergangenheit klingt heutig. Was seinen Grund hat: Sie ist Heute. Der ausgebildete Theaterregisseur Kai Grehn und der bekannte Künstler Carsten Nicolai - beide in den sechziger Jahren in der DDR geboren - haben für "Messages for 2099" Audiobotschaften von Politikern, Künstlern, Passanten gesammelt, gerichtet an die Generationen einer 90 Jahre entfernten Zukunft. Wim Wenders etwa übermittelt die Hoffnung, dass dann "der große Graben zwischen den reichen und den armen Nationen überbrückt sein wird". Ein anderer Zeitgenosse entschuldigt sich dafür, "dass wir so abgefuckt sind. Aber ich bin fast sicher, dass Ihr noch mehr abfuckt als wir". Und ein Kind wünscht sich, dass es noch Wale gibt.
Das Versprechen, es handle sich um Post, die in die Zukunft geschickt wird, ist dabei nicht nur Behauptung: "Messages for 2099", produziert von HR und Deutschlandfunk, darf nach 2008 tatsächlich bis 2099 nicht mehr aufgeführt werden. Auch das Archiv der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt, wo die Sendung 2007 live aufgezeichnet wurde, sollen die Botschaften bis 2099 nicht verlassen. Das ist als Konzept faszinierend, weil es, wie ein guter Science-Fiction-Film, eine Abstraktionsleistung verlangt; plausible Visionen einfordert.
Wie bei jeder Flaschenpost besteht aber auch hier die Möglichkeit, dass sie ihr Ziel nicht erreicht; und sei es nur wegen einer popeligen Schlampigkeit - in 90 Jahren kann schließlich viel passieren. Sollte es so kommen, hätte die Sendung dennoch außergewöhnlich viel über das frühe 21. Jahrhundert verraten - über Kulturpessimisten, Träumer und die Grenzen unseres Denkens. Wem? In diesem Fall eben einfach nur: uns.
"Messages for 2099", HR2, Mittwoch, 21.30 Uhr
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