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Medien

26. März 2008

Honorarfrage: Beredtes Schweigen

 Von TILMANN P. GANGLOFF
Bill Clinton auf Bücher-Promotion-Tour bei Johannes B. Kerner.  Foto: dpa

Über Auftritts-Honorare für exklusive Talkshow-Gäste reden die Sender nicht gern.

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Wenn es um Geld geht, werden Menschen, deren Geschäft das Gerede ist, wortkarg. Schon die Verträge zwischen Sendern wie ARD und ZDF und ihren Talkshow-Zulieferern sind ein gut gehütetes Geheimnis. Erkundigt man sich bei diesen Firmen aber nach den in der Branche "Aufwandsentschädigung" genannten Gäste-Gagen, trifft man auf eine Mauer des Schweigens.

Die einen verweisen an den belieferten Sender ("Beckmann"), die anderen versprechen einen Rückruf, der nie folgt ("Menschen bei Maischberger"). Die Büros von Anne Will und Johannes B. Kerner reagieren immerhin, wenn auch kurz und knapp: "Die Gäste unserer Sendung erhalten eine Aufwandsentschädigung. Der Standardsatz beträgt 500 Euro", heißt es bei der Spiegel-TV-Tochter a + i (art & information), die gemeinsam mit Johannes B. Kerners Produktionsfirma J.B.K. TV-Production dessen ZDF-Talkshow herstellt. Die Auskunft von Will Media ("Anne Will") lautet ähnlich.

Natürlich ist solche Informationspolitik Nährboden für Gerüchte. Entsprechend eindrucksvoll sind die kolportierten Gagengrößen, denn der Standardsatz gilt nur für Standardgäste. Exklusive Gespräche hingegen können richtig ins Geld gehen. Das aber will niemand zugeben.

Die Konkurrenz lügt

Gerade öffentlich-rechtliche Sender haben keine Lust auf Transparenz, wenn man sie mit konkreten Zahlen konfrontiert. Für seinen Auftritt bei Beckmann während der Doping-Affäre, munkelt es in der Branche, soll Radprofi Jan Ullrich 20 000 bis 25 000 Euro erhalten haben. Ein Insider verrät, es seien 14 000 Euro gewesen; viel Geld dafür, dass Ullrich viel geredet, aber nichts gesagt hat. "Die Konkurrenz lügt brutal, was solche Zahlen angeht", stellt ein leitender Mitarbeiter einer der betroffenen Firmen fest. Zu den Ausnahmen dürfte "Maybrit Illner" gehören. Die Sendung wird vom ZDF produziert; große Sprünge müssten Kontrollinstanzen passieren. Gleiches gilt für die Dritten Programme. Auch Gäste in den NDR-Talk-Shows bekommen laut Sendersprecherin Iris Bents die "Aufwandsentschädigung". Über deren Höhe gibt es keine Auskunft. Allerdings ist bekannt, dass umworbene Gäste wie Jan Ullrich eine Honorierung ihres Exklusivauftritts erwarten. Bents bleibt hart: "Auch die Brisanz eines Gastes spielt im allgemeinen keine Rolle für die Höhe der jeweiligen Aufwandsentschädigung. Vielmehr bemisst sich diese nach den tatsächlich anfallenden Kosten."

Der Wettbewerb zwischen den Talkshows ist ein Hauptgrund dafür, dass die Gagen zum Teil exorbitante Ausmaße annehmen. Früher, sagt Günther Jauch ("Stern TV"), "gab es das Klischee ,Die Privaten kaufen alles weg!' Davon kann längst keine Rede mehr sein." Ob auch er gern Jan Ullrich gehabt hätte, beim Tauziehen aber letztlich Beckmanns Produktionsfirma Beckground unterlag, sagt Jauch nicht. Nur so viel: "Wenn Gäste zu feilschen beginnen und darauf hinweisen, sie seien auch von der Konkurrenz eingeladen, muss man eine Linie finden - und sei es, dass man dann auch mal auf den Gast verzichtet."

Menschen der Zeitgeschichte, also etwa kürzlich frei gekommene Entführungsopfer, wissen längst, dass sie für den Besuch einer Talkshow viel Geld verlangen können. Ihre Gegenleistung besteht unter anderem im Verzicht auf Visiten bei der Konkurrenz. So heißt es etwa in Paragraph 4 der Verträge, die Teilnehmer der Kerner-Show unterschreiben müssen: Der Gast "verpflichtet sich, innerhalb von vier Wochen vor dem Auftritt in der Sendung ‚Johannes B. Kerner' in keiner anderen deutschsprachigen Fernsehsendung aus dem Talk- oder Unterhaltungsbereich aufzutreten." Nahezu gleichlautende Regelungen gibt es für "Beckmann".

Kein Geld für Politiker

Für Politiker gilt das nicht, sie dürfen kein Geld annehmen. Bei Funktionären, erläutert der "Hart aber fair"-Produzent Jürgen Schulte, "werden allenfalls Kosten für Reise und Übernachtung übernommen; gegen Quittung, versteht sich." Freiberufler hingegen, also etwa Schauspieler oder Publizisten, werden bezahlt.

Standardpauschale bei "Hart aber fair": 350 Euro plus Spesen. Honorare aber für Stars wie Heiner Lauterbach bewegen sich im fünfstelligen Bereich. Noch tiefer in die Tasche greifen müssen die Firmen, wenn sie ausländische Politiker engagieren. Von Bill Clinton heißt es, er mache fast alles, vorausgesetzt, die Kasse stimmt. Sein Besuch bei Sabine Christiansen war jedoch gratis, wie die Moderatorin versichert: "Bill Clinton kam während der Promotion-Tour seines Buches ohne Honorar." Bei ihren Sendungen habe es außer für Künstler ohnehin keine Honorare gegeben: "Wir sind eine politische Talkshow gewesen. An Politiker wurden grundsätzlich Aufwandsentschädigungen von rund 250 Euro gezahlt, die meist direkt als Spenden an wohltätige Organisationen überwiesen wurden."

Tony Blair soll nach Aussage eines ehemaligen Mitarbeiters allerdings 18 000 Euro bekommen haben. Das dementiert Christiansen: "Ein amtierender Premier wie Blair darf gar kein Honorar fordern oder nehmen." Das Blair-Honorar, so der Insider, soll übrigens nicht in die eigene Tasche geflossen, sondern der Stiftung seiner Frau zugute gekommen sein. Es ist kein Geheimnis, dass sich in der ARD für solche Fälle "versteckte Töpfe" finden lassen.

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