Wer gestern den Berliner "Tatort" verpasst hat, der muss nicht verzweifeln: Der TV-Klassiker wartet für eine Woche nach seiner Ausstrahlung auf den Webseiten des Ersten auf seine Fans. Die Sache hat nur einen gewaltigen Haken, denn Dominic Raacke und Boris Aljinovic ermitteln dann auf dem Computer- und nicht auf dem Fernsehschirm. Mit dieser Unbequemlichkeit soll jetzt Schluss sein: Fernseher der Zukunft kombinieren den Komfort eines TV-Geräts mit den Vorzügen eines Internetanschlusses.
Das Zauberwort der Fernsehindustrie heißt dabei Hybrid, das derzeit eher von umweltschonenden Autos bekannt ist: Sie können zwischen Benzin- und einer ganz anderen Antriebsart wechseln, meist mit Wasserstoff oder Gas. Hybrid-Fernseher greifen gleichzeitig auf zwei Anschlüsse zurück, die sich schon heute in vielen Wohnzimmern finden: auf das TV-Signal, egal ob es über Antenne, Satellit, Kabel oder den Telefonanschluss kommt, sowie auf das Internet und das meist sogar über Funknetze (WLAN).
Google wagt sich an die Fusion von Internet und Fernsehen: Im Herbst bringt der US-Suchmaschinenriese "Google TV" auf den Markt. Damit sollen Kunden zwischen Fernsehkanälen und Webinhalten springen können.
Noch in diesem Jahr sollen Set-Top-Boxen zur Nutzung der neuen Plattform in den USA verfügbar sein. Außerdem will der TV-Hersteller Sony in einigen seiner Modelle Google TV integrieren. Das System soll auch auf Android-Geräten laufen. Auch Blu-Ray-Spieler mit Google TV sind geplant.
Erste Geräte dieser Art sind zwar seit Jahren auf dem Markt, aber erst jetzt wirkt die Technik weitgehend ausgereift. Schon bald dürfte zudem kaum ein Gerät gänzlich ohne Hybrid-Technik auf den Markt kommen, gleich welcher Größe und Preisklasse: Die Hersteller machen das Prinzip, das sie unter anderem mit "Internet @ TV" betiteln, zum Standard.
Erst vergangene Woche zeigte sich die Dimension dieser Entwicklung, denn der Internetriese Google kündigte an, selbst künftig die nötige Software zu bieten. Der Hersteller Sony will seine Geräte von diesem Herbst an mit "Google TV" bestücken. Das Ziel ist klar: Der US-amerikanische Konzern will, dass neben Computer- und Handynutzern auch Zuschauer möglichst oft auf die eigenen Dienste zugreifen. Neben der Suche bietet sich vor allem Youtube an. In einer ersten Google-Präsentation war zu sehen, dass der Zuschauer, der per Fernbedienung einen Sendungstitel eingibt, die Wahl haben wird: Will er sie auf einem TV-Sender sehen, auf der Festplatte des Geräts speichern oder im Netz abrufen. Google TV greift dafür auf die elektronischen Programmführer des jeweiligen Zuschauers zu und natürlich auf seine eigenen Datenbanken.
Bisher bringen die großen Gerätehersteller das Fernsehangebot mit dem Internet auf ganz eigenen, teilweise höchst unterschiedlichen Plattformen zusammen. Beispiel Samsung: Statt eines Browsers setzt der südkoreanische Konzern auf Widgets: Kleine Programme, die den iPhone-Apps ähneln. Der Zuschauer kann sich zum laufenden Programm Börsenkurse, das Wetter oder Twitter-Nachrichten holen. Wer solche Widgets anbieten will, muss sich nach den Vorstellungen des Herstellers richten - und in die limitierte Programm-Datenbank aufgenommen werden, gerade einmal 100 Widgets sollen es bei Samsung zunächst sein. Die ARD ist mit der ständig aktualisierten "Tagesschau24" ebenso vertreten wie die Bild-Zeitung mit ihren Videoclips und Google mit seinem Youtube.
Philips setzt hingegen - wie Google TV - auf einen klassischen Browser und hat lediglich ein paar Angebote auf seiner Startseite so voreingestellt, dass sie sich bequem per Fernbedienung anwählen lassen. Während das Samsung-Modell sicher das übersichtlichere und auch für Zuschauer leicht zu bedienen ist, die sich bisher kaum im Netz bewegt haben, kann auf diesen Geräten alles ansteuern, also auch Mediatheken wie die von ARD und ZDF sowie entsprechende Plattformen von RTL & Co. Das klappt jedoch nicht immer, da zum einen noch nicht alle Formate abgespielt werden können, zum anderen aber auch Lizenzsysteme nicht durchgehend unterstützt werden, die Online-Videotheken einsetzen. Auch das dürfte aber nur eine Frage der Zeit sein.
Legen sich Widgets bei Samsung und anderen Herstellern über oder neben das TV-Programm, muss es der Zuschauer verlassen, der auf Philips setzt und online gehen möchte - zumindest heute noch, denn auch der niederländische Konzern arbeitet an Mini-Programmen. Das Nachrüsten der Software ist freilich kein Problem, hängen die Geräte doch sowieso am Netz. Mit ihnen ist künftig viel möglich, etwa dies: Auf der diesjährigen Internationalen Funkausstellung werden Geräte mit eingebauter Kamera zu sehen sein. Fußballfans können so auch dann gemeinsam Spiele erleben und sich zujubeln, wenn sie auf unterschiedlichen Sofas sitzen. Und auch Internet-Telefonie etwa via Skype wird damit bequemer werden, weil der Gang zum klassischen Computer entfällt.
Die TV-Sender sehen solche Möglichkeiten mit großer Sorge. Der Lobbyverband VPRT, in dem sich die Privatsender zusammengeschlossen haben, warnt in einem Papier vor einer "parasitären Nutzung" der TV-Angebote. Beispiel Widgets: Sie könnten die Reichweiten abgreifen, die Sender wie RTL und Sat.1 mühsam mit teurem Programm locken, ohne zu bezahlen: "Sie nutzen fremdes Programm und fremdes Publikum als Zielgruppe aus."
Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.