Der Blick des Mannes ist offen und geradeaus, doch was macht sein Mund? Hat da eben ein nervöses Zucken seine Lippen umspielt? Detective Cole Phelps achtet auf jede Kleinigkeit. Immerhin hat er bereits herausgefunden, dass dieser Obst- und Gemüsehändler illegal auch ganz andere Vitamine ausliefert, hochprozentige in Flaschen nämlich. Aber ist er ein Mörder? War er es, der in der vergangenen Nacht die junge Frau so furchtbar zugerichtet hat, deren Leiche heute Morgen gefunden wurde? Und ist er vielleicht sogar der Black-Dahlia-Killer, der Los Angeles in diesem Jahr in Atem hält? Phelps’ Instinkt schlägt Alarm, und er beschließt, sich das Büro des Mannes mal genauer anzusehen.
Der Mensch ist dem Mensch ein Wolf, auch oder gerade in der Stadt der Engel, in der Traumfabrik von Hollywood. Hierhin verschlägt es den Spieler in „L.A. Noire“, dem neuen Spiel des Erfolgsstudios Rockstar Games. Wie ernst der düstere Titel gemeint ist, zeigt sich schnell in diesem Spiel, das an diesem Freitag in die Läden kommt und die Reihe der Rockstar-Hits wie die „Grand Theft Auto“-Serie und zuletzt der famose Western „Red Dead Redemption“ um ein weiteres Meisterwerk bereichert.
Viel Aufwand und Akribie
Wir schreiben das Jahr 1947, der Weltkrieg ist gerade erst vorbei, und viele junge Männer sind mit düsteren Geheimnissen nach Hause zurückgekehrt, die auf ihren Seelen lasten. Jeden Tag kommen neue Menschen in die Stadt, die hier ihr Glück suchen. Schönheitsköniginnen vom Land zum Beispiel, die dann aufgeschlitzt im Rinnstein landen, wie Phelps’ erfahrener Polizistenkollege raunt. Nun ist auch dieser Cole Phelps, der in der Schlacht von Okinawa gekämpft hat und dafür mit einer Tapferkeitsmedaille ausgezeichnet wurde, psychisch und moralisch alles andere als unbefleckt. Aber eben diese Schatten der Vergangenheit treiben ihn an, in diesem Moloch unter der Sonne Kaliforniens gegen das Böse zu kämpfen.
Wie auch bei anderen Spielen von Rockstar Games wurden sehr viel Aufwand und Akribie darauf verwendet, diese Welt zu erschaffen. Über die Entwicklungskosten schweigen sich die Macher aus. Rund fünf Jahre haben das australische Team Bondi und Rockstar Games gemeinsam daran gearbeitet, das Los Angeles der späten 40er Jahre als offene Welt wieder aufzubauen. Verwendet wurden dafür historische Luftaufnahmen, Fotografien aus jener Zeit, ausgiebig bedienten sich die Entwickler auch im Zeitungsarchiv der Los Angeles Times. Nur bei den Palmen, die so typisch für das Stadtbild von L.A. sind und sich selbst all denen eingeprägt haben, die die Stadt nur aus dem Fernsehen oder aus Kinofilmen kennen, haben sich die Entwickler eine kleine Freiheit erlaubt. 1947 waren die Palmen nämlich gerade erst gepflanzt worden und waren erst mannshoch. Das fand man bei Rockstar Games ein bisschen zu albern.
Drehbuch für Dialoge umfasst 2200 Seiten
Durch diese rekonstruierte Welt fährt der Spieler wie bei „GTA“ mit dem Auto. Anders als in der Fantasiestadt Liberty City oder etwa bei den Weiten des Westerns in „Red Dead Redemption“, die der Spieler endlos per Pferd oder Kutsche durchstreifen konnte, geht es in „L.A. Noire“ stärker um den Fortgang der Geschichte. Die teilt sich auf in mehr als 20 Fälle, die Phelps nach und nach wie in den Episoden einer Krimi-Serie löst, indem er Tatorte untersucht, Hinweise in seinem Notizbuch sortiert und schlau kombiniert, hin und wieder auch Schießereien, Faustkämpfe und Verfolgungsjagden besteht.
Verbunden sind diese einzelnen Fälle, die mehr oder weniger frei auf echten Verbrechen der 40er Jahre basieren, durch einen größeren Zusammenhang. In dem verknüpfen sich Phelps Aufstieg als Muster-Ermittler mit dem spektakulären Black-Dahlia-Mord aus dem Jahr 1947, der niemals aufgeklärt wurde, und mit einer Verschwörung, die sehr weite Kreise zieht. Nicht nur diese komplexe Story hat „L.A. Noire“ – das Drehbuch für die Dialoge umfasst mehr als 2200 Seiten – mit einer Fernsehserie wie etwa „Mad Men“ gemeinsam. Der junge Polizist Cole Phelps wird gespielt von Aaron Staton, „Mad Men“-Fans besser bekannt als New Yorker Werber Ken Cosgrove.
Die Mimik von Staton und rund 400 weiteren Schauspielern wurde mit einem neuartigen Verfahren namens Motion Scan digitalisiert, bei der die Darsteller ihre Dialoge einsprechen und dabei aus allen Richtungen gleichzeitig gefilmt werden. „Eine „360-Grad-Nahaufnahme“, wie Rockstar Games und Team Bondi das nennen. Dadurch zeichnet sich detailliert wie noch nie die Mimik der Figuren auf dem Bildschirm ab.
Auf die muss Phelps ganz genau achten, um zu entscheiden, ob eine Figur bei einer Befragung die Wahrheit sagt oder lügt. Und ob der Obst- und Gemüsehändler ein blutiges Geheimnis im Nebenraum verbirgt.
Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.