Man kann sich mit dem Marxismus auseinandersetzen, indem man Karl Marx' Bronzekopf in Chemnitz in einem weißen Kubus verschwinden lässt. So haben es, in der Manier Christos, sächsische Kunststudenten versucht - im Bestreben, mittels Einhüllung zu enthüllen, welche Bedeutung heute das von ihr Gedachte hat.
Man kann Marx auch entsorgen, indem man ihn veröffentlicht und dabei gleichzeitig öffentlich zur Strecke bringt. Diesen Weg hat Google Book Search gewählt, der Internetservice, der begonnen hat, das in Büchern aufbewahrte Weltwissen zu digitalisieren und für die Volltextsuche ins Netz zu stellen. Bis 2015 will Google 15 Millionen Bücher scannen.
Sucht man bei Google Marxens "Kapital" auf Englisch, findet man bald ein Buch, das gleich drei Autoren hat, außer Marx und Engels den aus Russland stammenden Juristen Serge L. Levitsky. Verlegt wird es von Regnery Gateway, wo auch der Neokonservative Newt Gingrich publiziert und demnächst ein Bestseller über den O.J. Simpson-Skandal erscheint. Das von Levitsky bereicherte "Kapital" (1. Band) ist in der Printausgabe von knapp 1000 auf 256 Seiten geschrumpft; im Netz lesbar sind nur 32, was Google mit der Rechtslage und seinem besonderen Service erklärt: Der Nutzer soll schmökern wie im Buchladen - nur mit dem besonderen "Google-Kick".
Wer schmökert, wird schon vom Vorwort überrascht. "Das Kapital", heißt es hier, sei ein "Meisterwerk", das im 20. Jahrhundert fast einen Weltkrieg ausgelöst habe. Nur - leider habe dieses Buch mit seinem schwierigen Stil viele Leser vergrault und sei mit lauter Fakten aus dem 19. Jahrhundert gespickt, die heute ohne Relevanz seien. Levitsky lege nun eine sorgfältig revidierte und gekürzte Neuübersetzung vor - weggelassen sei alles, "was heute unwichtig ist".
Auf die weitere Digitalisierung des Weltwissens, redigiert von Google, darf man gespannt sein.
Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.