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Im Netz: Nur im Lesesaal!

Nur im Lesesaal! Die Anweisung kennen wir. Aber der Lesesaal, Keimzelle der Bürgerlichkeit und der modernen Demokratie, ist größer geworden, dank digitalisierter Bücher. Von Klaus Kreimeier

Nur im Lesesaal!" Wer einmal in einer öffentlichen Bibliothek in uralten Folianten oder Akten geschmökert hat, kennt die Anweisung, das ehrwürdige Objekt nur an Ort und Stelle, unter den Argusaugen der Saalaufsicht, zu benutzen. Liest man den Vermerk, weiß man um so mehr die Qualitäten eines analog gespeicherten Kulturguts zu schätzen, das leise Knistern des bräunlichen Papiers und den Geruch aus Staub und Alter, der ihm entströmt.

Jüngst fand ich den Hinweis in einem weit über 200 Jahre alten Buch der Universitätsbibliothek Braunschweig, im "Orbis pictus" des böhmischen Gelehrten Johannes Amos Comenius: "Die Welt in Bildern, in 82 Abschnitte zum Gebrauche der kleinsten studirenden Jugend in den kaiserl. königl. Staaten zusammengezogen", 1781. Rot gestempelt, auf der zweiten Vorsatzseite "Nur im Lesesaal!" Ich befand mich aber nicht im Lesesaal, sondern saß auf meinem Balkon, den Laptop auf den Knien. Die Braunschweiger Bibliothek hat ihren Comenius digitalisiert und ins Netz gestellt.

Der Weltkreis in Holzschnitten, mit Erklärungen auf Deutsch und Latein: Das beginnt mit den Elementen, mit Himmel und Wolken und den Früchten der Natur und setzt sich mit den Tieren, den Menschen und ihrem Treiben auf der Erde fort. Ein früher gottesfürchtiger Comic, erstmals 1658 gedruckt. Jetzt online verfügbar, papierlos und garantiert ohne Geruch. Man blättert nicht mehr, sondern klickt sich durch.

Der Lesesaal, Keimzelle der Bürgerlichkeit und der modernen Demokratie, ist größer geworden. Die elektronischen und digitalen Bücher haben seine Wände gesprengt und ihn zum Weltkreis erweitert, den er zuvor nur abgebildet hat. Auch Google setzt das Bücherdigitalisieren fleißig fort und rühmt sich einer "bahnbrechenden Vereinbarung" mit Autoren und Verlagen, die rechtlich umstritten ist und von Bedenkenträgen als Ende der Kultur gebrandmarkt wird.

Warum eigentlich? Am Anfang war das Wort, nicht das Papier.

Autor:  Klaus Kreimeier
Datum:  12 | 8 | 2009
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