Am 19. November 2005 bekam Dawit Isaaks Familie in Göteborg einen Anruf aus Asmara in Eritrea. "Ich bin frei", hörte seine Frau ihren Mann sagen, dann war die knackige Leitung wieder unterbrochen. Das war der letzte Direktkontakt des schwedisch-eritreischen Journalisten mit seinen Angehörigen, die um seine Gesundheit und sein Leben bangen, denn tags darauf war Isaak wieder verhaftet worden. Er ist zuckerkrank, und im Gefängnis gibt es keine Behandlung.
Seit 2743 Tagen sitzt der 44-jährige Mann hinter Gittern, ohne Urteil, ohne Prozess, ohne Anklage. Jahrelang haben die schwedischen Behörden mit stiller Diplomatie versucht, ihn frei zu bekommen. Vergeblich. Jetzt lancieren Schwedens größte Medien eine Kampagne, um internationale Aufmerksamkeit auf das Unrecht zu lenken, das dem Journalisten und Gleichgesinnten in Eritrea angetan wird - einem Land, das die Organisation "Reporter ohne Grenzen" in Bezug auf die Pressefreiheit als das weltweit übelste bezeichnet.
Isaak, der mit 23 als Flüchtling nach Schweden kam, sich dort als Putzmann und Bäcker ernährte, zu schreiben begann und 1992 schwedischer Staatsbürger wurde, kehrte vier Jahre später in seine Heimat zurück, um am Aufbau eines demokratischen Staats mitzuarbeiten. Er wurde Journalist und Teilinhaber von "Setit", der ersten unabhängigen Zeitung. Er war ein bekannter Intellektueller, schrieb Poesie und Dramen, wurde für seine Texte mehrmals ausgezeichnet.
Im Jahr 2001 verfasste er gemeinsam mit anderen Journalisten und Politikern einen offenen Brief an die Regierung, in dem Reformen, eine Verfassung und freie Wahlen gefordert wurden. Einen Monat später wurde er zum Verhör abgeholt. Er kam nicht mehr zurück.
Nachrichten, dass Isaak mit schweren Folterverletzungen in ein Krankenhaus überstellt worden war, und dass er einen Hungerstreik begonnen hatte, schreckten mehrmals die schwedische Öffentlichkeit auf. Dann war der im fernen Afrika eingesperrte Mann wieder vergessen. Statt offen zu protestieren, versuchte das Außenministerium den eritreischen Behörden Wege zu öffnen, um den Häftling freizulassen, ohne selbst das Gesicht zu verlieren.
Nach vier Jahren schien die stille Diplomatie zum Erfolg zu führen. Isaak wurde freigelassen. Er besuchte seine Schwester, rief seine Frau an. In Asmara sagten die Behörden, er habe nur "Ausgang". Dennoch jubelte Schwedens damalige Außenministerin Laila Freivalds: "Endlich hat die Arbeit so vieler Leute Früchte getragen."
Sie jubelte zu früh. Nach 48 Stunden wurde Isaak wieder verhaftet. Seither hat ihn niemand in Schweden mehr gesprochen, trotz Protesten, Demonstrationen, Appellen. Amnesty international hat Isaak als Gewissensgefangenen adoptiert. Woche für Woche liefert ein Komitee für seine Freilassung bei der eritreischen Botschaft in Stockholm ein Protestschreiben ab, ohne Wirkung. Auch die EU-Hilfe für Eritrea ins Spiel zu bringen, brachte keinen Fortschritt. "Nehmt euren Beistand und verschwindet", lautete die Reaktion des Chargé d'affaires. Jetzt meinen die Chefredakteure von Schwedens vier größten Zeitungen, dass die stille Diplomatie ein ,Ende haben müsse und es an der Zeit sei, eine größere Öffentlichkeit anzurufen.
"Flüstern hilft nicht mehr", schreibt Svenska Dagbladet. "Wir müssen die Lautstärke höher drehen." Siebeneinhalb Jahre lang hat man toleriert, dass ein Schwede ohne Urteil im Gefängnis sitzt, jetzt endlich bekommt die Kampagne "Free Dawit" umfassende Publizität. Sie soll auch anderen Häftlingen in Eritrea helfen. Amnesty international weiß, dass zumindest einer der mit Isaak verhafteten Journalisten an den Folgen der Folter gestorben ist und hat unbestätigte Angaben über den Tod von drei weiteren.
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