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Medien

14. November 2012

Insolvenz der FR: Der gesamte Zeitungsmarkt ist im Umbruch

 Von Harald Jähner
Tradition seit 1945 - die Frankfurter Rundschau erlebt auf harte Weise, was viele andere Blätter in Deutschland auch betrifft.Foto: REUTERS

Mehr als ein Gewerbe, aber eben auch ein Gewerbe: der mystifizierte Preis der journalistischen Leistung der Zeitung. Die Gründe für den Umbruch auf dem Zeitungsmarkt sind vielfältiger Natur, in erster Linie natürlich wirtschaftlicher.

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Mehr als ein Gewerbe, aber eben auch ein Gewerbe: der mystifizierte Preis der journalistischen Leistung der Zeitung. Die Gründe für den Umbruch auf dem Zeitungsmarkt sind vielfältiger Natur, in erster Linie natürlich wirtschaftlicher.

Berlin –  

Vorgestern, am 13. November, meldete die Frankfurter Rundschau Insolvenz an. Der Vorgang hat Erschütterung ausgelöst, bei den Mitarbeitern, bei den Lesern, aber darüber hinaus in ganz Deutschland. Unabhängig davon, ob man den Stil und die politische Haltung der Frankfurter Rundschau schätzt oder ablehnt, lässt der Konkurs niemanden kalt, der eine lebendige, gut informierte und vielstimmige Öffentlichkeit für unabdingbar hält.

„Falls es wirklich aus sein sollte mit ihr“, schreibt Willi Winkler in der Süddeutschen Zeitung, „stirbt auch das erste und letzte Gebot des Journalismus, nämlich dass er mehr sein sollte als ein Gewerbe“.


Auch wer nicht so weit gehen mag wie Winkler – und so besiegelt und chancenlos ist das Schicksal der FR nicht, der Konjunktiv ist mit Bedacht gewählt –, bestürzend ist es allemal, dass das Blatt trotz des enormen Einsatzes der Redakteure und ihres Verlegers, trotz der langen, von Beginn an entschieden linksliberalen und damit einmaligen Tradition, derart in die wirtschaftliche Bredouille geraten konnte.

Auch die gemeinsame Produktion der überregionalen Teile der FR mit der Berliner Zeitung konnte die laufenden Verluste nicht auffangen. Wer sich einen Eindruck von diesem Engagement machen will, der lese den Text „In eigener Sache“, den die Belegschaft gestern auf Seite 1 ihrer Zeitung veröffentlichte.

Probleme sind kein Einzelfall

Zu ihrem weiteren Vorgehen nach der Insolvenzanmeldung schrieb sie: „Wir werden Ihnen weiterhin jeden Tag eine Zeitung nach Hause oder an den Kiosk liefern, die lohnt, gelesen zu werden. Wir werden Ihnen aus Nepal berichten wie aus Südafrika, aus Berlin wie aus Frankfurt-Bonames. Wir werden über große Politik und kleine Fahrraddiebe schreiben, über Sport und Kultur und Wirtschaft. Während wir diese unsere eigentliche Arbeit machen, werden wir mit allem Nachdruck Möglichkeiten suchen und Wege erkunden, die das Erscheinen der Frankfurter Rundschau dauerhaft sichern.“

So unverwechselbar das Profil der Rundschau auch ist, ihre Probleme sind kein Einzelfall. Noch in diesem Monat prüft Gruner+Jahr Möglichkeiten zum Fortbestand der Financial Times Deutschland. Bei der spanischen El Pais erhielten an diesem Wochenende 52 Mitarbeiter ihre Kündigungen per E-Mail. 77 weitere sollen folgen.

Das Anzeigengeschäft der Tageszeitungen in Deutschland ging im Schnitt um zehn Prozent zurück trotz des wirtschaftlichen Aufschwungs und trotz der höheren Glaubwürdigkeit, den das redaktionelle Umfeld einer Zeitung bei den Lesern genießt gegenüber der des Netzes bei den Usern.

Auch ein Teil der Leser verabschiedete sich von der täglichen Zeitung: Von 1991 bis 2012 sank die Gesamtauflage der deutschen Tageszeitungen von 27,3 Millionen auf 18,4 Millionen. Die Gründe sind natürlich wirtschaftlicher Natur; die Leser gingen den billigsten Weg. In ihrem Bestreben, online ganz vorn dabei zu sein, stellten die deutschen Zeitungsverlage gratis die Inhalte ins Netz, für die sie in gedruckter Form Geld verlangten.

Die neue Technik war über die Verlage hereingebrochen, ohne dass sie rechtzeitig Modelle entwickeln konnten, wie man neben den Geräteherstellern und Netzprovidern auch mit journalistischen Inhalten Geld verdient. Mit der in Teilen durchaus rationalen Strategie, bloß nicht den Anschluss zu verpassen und erstmal jede Menge Klickzahlen zu generieren, gewöhnten die Online-Angebote der Tageszeitungen die Leser an eine Gratiskultur, die den Preis unterschlägt, den verlässlicher Journalismus nun mal hat.

Konflikte um Eigentumsrechte im Netz

Der Netzexperte Sascha Lobo wies kürzlich darauf hin, dass die User sich angewöhnt hätten, auch die Suchmaschine Google als eine Art öffentlich-rechtliches Netz zu begreifen und entsprechend empört darauf reagierten, wenn der Konzern versuche, mit den dort hinterlassenen Daten und Aufenthaltsspuren seiner Nutzer Geld zu verdienen.

Noch immer sorgt der egalitäre Charme des Netzes für Dauerkonflikte mit Eigentumsrechten. Die ausschließliche Finanzierung der Inhalte über Anzeigen und dubiose Nebengeschäfte, von denen der Nutzer einer Website gar nichts ahnt, verschleiert den Preis einer journalistischen oder künstlerischen Leistung in einer Weise, die den von Karl Marx aufgezeigten Mystifikationen des Warenwerts in nichts nachsteht – mit dem Unterschied, dass sie in ihren Folgen noch gar nicht begriffen sind.

Gegenwärtig zu spüren ist jedoch, dass allmählich auch im Netz das öffentliche Gespür für faire Preisgestaltung wächst, zumindest für Preisgestaltung überhaupt. Eine hoffnungsfroh stimmende Entwicklung sind die Apps für die diversen Tablett-PCs, allen voran das iPad. Hier sind layouterische Möglichkeiten gegeben, Nachrichten und Beiträge in einer Übersichtlichkeit und hierarchischen Ordnung aufzubereiten, die der Orientierungskraft einer Tageszeitung ebenbürtig sind.

Das leidige Chaos der üblichen Online-Auftritte, in denen man oft nur findet, was man ohnehin gesucht hat, wird vermieden und durch die zeitungstypische Verlässlichkeit und Aufgeräumtheit ersetzt. Nicht zuletzt kann das Angebot durch ein unkompliziertes Abonnementverfahren gebucht werden, während den Bezahlmöglichkeiten im offenen Internet weithin mit Misstrauen begegnet wird.

Die FR ist digital vorn dabei

Die Frankfurter Rundschau ist in ihren digitalen Aktivitäten besonders weit fortgeschritten. Dass es dennoch zum Konkurs kommen konnte, zeigt die Ungleichzeitigkeiten dieser Umbruchepoche. Die positiven Anzeichen sind aber nicht zu übersehen und auch an den Zuwachsraten im Bereich der digitalen bezahlten Angebote abzulesen.

Die Tageszeitung wird, ob gedruckt oder digital, auch in Zukunft überleben, weil sie für die Menschen, die an ihrer Umwelt teilhaben wollen als Zeitgenossen, unverzichtbar ist. Mag sein, dass die Gesamtauflage der Blätter noch etwas sinken wird, weil der Trend zur Zersplitterung in verschiedene Lebens- und Parallelwelten mit völlig unterschiedlichen Informationshorizonten seine besondere Verführungskraft hat. Aber das Erkenntnisinteresse der Menschen an seiner eigenen Gesellschaft hat letztlich noch immer gewonnen.

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