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Medien

21. Juli 2010

Internet: Lob der Funkstille

 Von Marin Majica
Einfach mal abtauchen und das Internet Internet sein lassen.  Foto: dpa

Keine E-Mails, keine Anrufe vom Chef, und was die Freunde auf Facebook machen, ist auch egal. Wie lebt es sich ohne das Internet? Diese Frage hat derzeit Konjunktur.

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Alex Rühle kennt seine Mutter als starke Frau, doch was sie ihm eines Tages am Telefon berichtet, überrascht den Journalisten dann doch. "Alex, mir ist was ganz Blödes passiert", sagt die Mutter des Vierzigjährigen, sie klingt zerknirscht. "Ich glaube, ich habe gerade das Internet gelöscht." Was folgt, malt sich Rühle so aus: Die Aktienmärkte kollabieren, Flugzeuge fallen vom Himmel, "der Mensch verschwindet im Holozän und die Bild-Zeitung titelt in ihrer letzten Ausgabe: Frau Rühle, was haben Sie sich dabei nur gedacht?" Da spürt wohl der Leser den gleichen Impuls wie Rühle: "Arme Mami".


Der Feuilletonist der Süddeutschen Zeitung schildert diese Episode in seinem Buch "Ohne Netz", das am Freitag erscheint und in dem Rühle erzählt, dass auch ihm zu jener Zeit viel Mitleid entgegengebracht wurde. Rühle hat sich nämlich einem radikalen Selbstversuch unterzogen: sechs Monate ohne Internet, E-Mail und Smartphone. Kalter Online-Entzug für einen Heavy-User.


Ein Lob der Funkstille ist daraus nicht unbedingt entstanden. Immer wieder preist Rühle das "Internet als beste Wissensorganisationsmaschine der Menschheitsgeschichte" und beschreibt die Mühsal im Umgang mit Telefonbüchern, Katalogen, Wörterbüchern und der Telefon-Auskunft, furchtbar kraftzehrende und überholte Kulturtechniken zum Auffinden von Informationen. Doch der Gedanke des Ausstiegs, der Flucht vor der Netz-Ermüdung hat Konjunktur.

Ebenfalls in dieser Woche erscheint das Buch "Ich bin dann mal offline" des Neon-Autors Christoph Koch, der sich immerhin einen Monat lang allein der analogen Welt überlassen hat. Das Nachrichten-Magazin Der Spiegel hat für seine Titelgeschichte in dieser Woche fast die gleiche Überschrift gewählt: "Ich bin dann mal off". Wer zusammen mit der Spiegel-Redakteurin Susanne Beyer ein "Day Spa" in einem teuren Berliner Hotel besucht und sich durch ihren wahrscheinlich zusammengegoogelten Hindernis-Parcours aus tausendundeinem Philosophenzitat-Schnipseln gequält hat, bekommt am Ende des Textes, während die Autorin im ICE durch die mecklenburgische Landschaft rast, diese Erkenntnis präsentiert: Einfach mal den Blackberry ausschalten geht auch. Ach was.

Dass nun der digitale Ausstieg als Sehnsuchtsfantasie über das Land hereinbricht, hat zunächst medienstrategische Gründe. Der Publizist und Blogger Nicholas Carr und der FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher haben mit dem Aufsatz "Is Google making us stupid?" und dem Buch "Payback" die Rede von den konzentrationsstörenden Auswirkungen des Netzes vorgegeben. Da stand eine Überprüfung im Selbstversuch schlicht auf der To-Do-Liste.

Allerdings ist es nicht allein Verlagspolitik, die das fast gleichzeitige Erscheinen der beiden Bücher erklärt. Fast drei Viertel aller Deutschen über 14 Jahre sind dem aktuellen "(N)onliner-Atlas" zufolge mittlerweile im Netz. Deutschland ist in weiten Teilen in der digitalen Welt angekommen, gerade bei den Älteren über 50 sind die Zuwachsraten am höchsten. Erst jetzt, wo die Mehrheit drin ist, ergeben die Fluchtwünsche Sinn, ebenso wie die grassierende Angst um den Datenschutz. Die Umweltbewegung ist ja auch ein Phänomen der spätindustriellen Welt.

Während sich Schirrmacher und Carr allerdings noch auf die neurophysiologischen Verheerungen kaprizierten, die das Internet vermeintlich anrichtet, lenken Rühle und Koch interessanterweise den Blick auf etwas, das man wohl in guter alter Terminologie die Produktionsverhältnisse nennen muss.

Der Büroalltag ist auch ohne E-Mail-Bombardement kein Freudentanz und "das Gegenteil eines sinngesättigten Toskananachmittags mit abendlichem Goldrand", schreibt Rühle. Am Ende seines Buches bedankt er sich bei den freundlichen und geduldigen Kollegen, die den "analogen Zausel" sechs Monate lang durchgeschleppt haben. In drei Jahren sei so ein Experiment wohl nicht mehr denkbar. Der freie Journalist Christoph Koch informiert vor Beginn seines Experimentes alle wichtigen Arbeitgeber – aus Angst, sich nach einem Monat rein postalischer und festnetztelefonischer Erreichbarkeit selbst arbeitslos gemacht zu haben.

Freilich sind nicht nur der Kapitalismus und der mailende Chef der Urgrund allen Übels. Dass den ent-netzten Menschen so schnell die Langeweile und der Phantomschmerz plagen sowie das eingebildete Vibrieren in der Hosentasche, wo sonst das Smartphone brummt, haben sie sich schließlich auch selbst zuzuschreiben. Schließlich ist es der Digital- Süchtige, der nur allzu gern ins Netz zu lustigen Youtube-Filmchen abschweift, Kommentare postet und die Zeit mit Surfen vertut, statt konzentriert zu arbeiten und "kraftvoll durch die Zeit zu kraulen", wie Rühle das nennt.

Nach mehrstündiger Offline-Abwesenheit beim Sport, im Kino oder im Flugzeug entdeckt wohl jeder gern den Weihnachtsbaum mit Aufmerksamkeitsgeschenken auf dem Handy-Display: zwei Nachrichten, drei Anrufe in Abwesenheit, eine Message auf der Sprach-Mailbox und zwei Mitteilungen von Facebook. Total nervig? Ja klar. Aber wenn da nichts steht, zieht die Angst herauf, "dass alle einfach weitermachen, ohne mich cc zu setzen", wie Koch schreibt. Es werfe jener den ersten Stein, der noch nie aufs Klo verschwunden ist, um auf dem Handy kurz SMS oder E-Mails zu checken. 46 Prozent der erwachsenen Frauen, zitiert Christoph Koch eine Studie, würden eher zwei Wochen lang auf Sex als zwei Wochen lang auf das Internet verzichten. Bei den Männern sind es nur 30 Prozent.

Alles individuelles Suchtverhalten? Oder hat Rühle doch Recht, wenn er mitunter die 90er-Jahre-Weisheit dazwischenrufen will: "It’s the economy, stupid"? Am Trend der Internet-Selbstversuche beteiligte sich gestern unfreiwillig auch der Bundestag – mit einem Ausfall des Netzes. Von Entspannung war im Büro einer CDU-Abgeordneten nichts zu entdecken. Sie komme an all die Telefonnummern nicht mehr ran, klagte die Sekretärin, und die Rückstände könne sie auch nicht abarbeiten. Ob der ganze Bundestag betroffen sei und wann er wieder online gehe, konnte man in der Pressestelle nicht sagen. Man solle, sagte eine Mitarbeiterin, doch einfach eine E-Mail schicken … ach nee, gehe ja nicht. Einfach nochmal anrufen. Die Frau klang zerknirscht.

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