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Medien

21. Oktober 2008

Internet: Produzenten fürchten Mediatheken

 Von TILMANN P. GANGLOFF
Filme im Netz schmälern den Ertrag der Produzenten.  Foto: dpa

Der Service ist verlockend und wird bereits vielfach genutzt: Hat man eine Folge seiner Lieblingsserie verpasst, ruft man sie einfach zu passender

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Der Service ist verlockend und wird bereits vielfach genutzt: Hat man eine Folge seiner Lieblingsserie verpasst, ruft man sie einfach zu passender Gelegenheit in der Internet-Mediathek des jeweiligen Senders auf. Sollte dieses Angebot ("Video on Demand") kostenpflichtig sein, wollen die Produktionsfirmen natürlich beteiligt werden. Wolf Bauer, als Geschäftsführer der UFA Chef der größten deutschen Produktionsgesellschaft, hält es sogar für entscheidend, "dass im Video-on-Demand-Bereich ein kommerzieller Markt entsteht. Als Produzenten sind wir von funktionierenden Vertriebswegen abhängig". Die "360 Grad"- Konzepte der UFA sind ausdrücklich Investitionen in zusätzliche Verwertungsmöglichkeiten: Man will alle nur denkbaren Verwertungsmöglichkeiten ausschöpfen.

Weltvertrieb gefährdet

Bei ARD und ZDF aber ist an Erlöse derzeit noch nicht zu denken. Diesen Sendern soll der Service vor allem helfen, die eigene Existenz zu sichern: Ihr Publikum ist im Schnitt um die sechzig; bei Menschen unter dreißig aber hat der Computer das Fernsehen längst als Leitmedium abgelöst. Dass die öffentlich-rechtlichen Sender also im Internet vertreten sein müssen, ist unter den Produzenten offenbar unstrittig.

Oliver Berben (Moovie - The Art of Entertainment), Vorstandsmitglied der Allianz deutscher Produzenten, sieht allerdings ein grundsätzliches Problem. Er fürchtet, eine Online-Auswertung werde die Finanzierung gerade aufwändiger Projekte gefährden, erst recht, wenn die Abrufe auch noch weltweit möglich sind: "Dann bricht eine ganze Finanzierungsseite weg, nämlich der Weltvertrieb. Welcher ausländische Partner zahlt mir denn noch Geld für ein Produkt, das per Streaming oder Download überall abrufbar ist?" Den Einwand, dass die Filme oder Serien nur in deutscher Version zur Verfügung stünden, wischt Berben beiseite: "Wir wissen von den Raubkopien im Kinobereich, dass so etwas das kleinste Problem ist, zur Not wird eben untertitelt". Da die Verschmelzung von Fernsehen und Computer absehbar sei, müssten diese Punkte zeitnah geklärt werden; "Wann, wann nicht jetzt? In drei Jahren ist es zu spät".

Der Moovie-Geschäftsführer beteuert, es gehe nicht nur darum, "an neuen Ertragsformen zu partizipieren, sondern erst mal dafür zu sorgen, den Status quo zu sichern". Gerade große Mehrteiler könnten von den Sendern mittlerweile kaum noch als Eigenproduktion gestemmt werden, wie Berben am Beispiel des aktuellen Moovie-Projekts "Krupp - Eine deutsche Familie" (Arbeitstitel) erläutert. Der dreiteilige "Event"- Film über die einstmals mächtigste deutsche Familiendynastie lasse sich nur deshalb mit angemessenem Aufwand umsetzen, weil ZDF-Tochter ZDF Enterprises die Weltvertriebsrechte übernommen hat. Andere Projekte dieser Größenordnung (etwa "Afrika, mon amour") hat Berben mit Jan Mojto und seiner Firma EOS koproduziert, den Weltvertrieb übernahm die ebenfalls Mojto gehörende BetaFilm.

Mindestvoraussetzung aus Produzentensicht ist also die Garantie, dass Filme und Serien nur im deutschsprachigen Raum aufgerufen werden können, was die Sender offenbar akzeptieren. Technisch ist das problemlos machbar. Jeder Server erkennt automatisch, aus welchem Land eine entsprechende Anfrage stammt. Besucht man zum Beispiel außerhalb Amerikas die Website eines der großen US-Networks (etwa ABC) und versucht, eine Serienfolge runterzuladen (etwa "Grey's Anatomy"), kommt ein Hinweis, nur Zuschauer innerhalb der Vereinigten Staaten könnten diesen Service nutzen.

Zweiter strittiger Punkt ist die Dauer der Zugriffsmöglichkeit. Nach derzeitigem Stand dürfen Sendungen nur sieben Tage im Netz stehen. Auf diese Weise sollen Wettbewerbsnachteile für kommerzielle Konkurrenten verhindert werden. Ein längerer Verbleib wäre nur in Ausnahmefällen möglich.

Beim ZDF ist man sich durchaus im Klaren, dass Episoden etwa einer Telenovela dies kaum rechtfertigen würden. Gleiches gilt für Serien mit abgeschlossenen Folgen. Um aber der fortlaufend erzählten Handlung der Freitagsserie "KDD" oder der aktuell ausgestrahlten zehnteiligen dänischen Krimireihe "Kommissarin Lund" folgen zu können, muss man sämtliche Episoden gesehen haben. Hier wäre es angebracht, die einzelnen Folgen länger als sieben Tage ins Netz zu stellen.

Wie aber, so ein Sprecher, verhalte es sich bei einem Film von zweifellos großer gesellschaftlicher Relevanz wie "Contergan" (ARD), der auf vorbildliche Weise dem öffentlich-rechtlichen Auftrag entspreche? Eine Serie wie "Kanzleramt" oder der Dieter-Wedel-Mehrteiler "Die Affäre Semmeling" seien zudem Lehrstücke darüber, wie Politik funktioniert, sie hätten gleichfalls ihre Berechtigung.

Auch hier erhebt Oliver Berben Einspruch: "Steht ein Film zwei Monate lang kostenlos in der Mediathek, will danach kein Mensch mehr die DVD. Also kann ich auch keine DVD-Rechte verkaufen, und schon habe ich eine Finanzierungslücke. Jeder möchte große, aufwändige Produktionen haben, aber wenn man die Finanzierungskette unterbricht, wird es sie nicht mehr geben." Betroffen sei außerdem auch der Sender selbst: Sei ein Film über lange Zeit zugänglich, entwerte man automatisch die Wiederholungen.

Noch ist Zeit für die Suche nach Kompromisslösungen: Die Ministerpräsidenten treffen sich morgen, am 22. Oktober, in Dresden, um den 12. Rundfunkänderungsstaatsvertrag zu unterzeichnen.

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