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Medien

27. Juli 2010

Interview: Der Intendant als Lobbyist

Seit einiger Zeit steht Peter Voß als Präsident an der Spitze der Quadriga, einer neuen privaten Hochschule in Berlin, die Führungskräfte für die PR-Branche ausbildet. Für diesen Wechsel musste er öffentliche Kritik einstecken.  Foto: dpa

Er war ARD-Vorsitzender und SWR-Intendant – dann hat Peter Voß, 69, die Seite gewechselt. Im Interview mit der FR spricht er über die Grenzen des Journalismus – und die des guten Geschmacks.

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Herr Voß, Ihr Foto steht auf der Homepage der neuen PR-Hochschule Quadriga. Wie würden Sie es jemandem beschreiben, der Sie nicht kennt?

Am liebsten gar nicht. Ich habe da einen etwas strengen Gesichtsausdruck.

In jedem Fall strahlt das Foto Seriosität aus. Kritiker sagen, genau daran mangele es dieser neuen Hochschule. Es sei eine „PR-Bude“, die in erster Linie damit punkten kann, dass sie Kontakte zu Chefredakteuren wichtiger Medien in ihrem Kuratorium vermittelt. Was hat Sie bewogen,die Präsidentschaft zu übernehmen?

Weder Geldgier noch Prestigegeilheit, wie mir unterstellt wurde. Mich überzeugt das Konzept. Die Arbeitsbedingungen für junge Journalisten werden eher schlechter. Die Hochschule eröffnet ihnen neue Möglichkeiten.

Von einem Vollblutjournalisten wie Ihnen hätte man eher die Forderung erwartet: Der Journalismus müsse stärker werden.

Müsste er – ich kann aber nichts daran ändern, dass Verleger Personal einsparen. Es gibt auch im Journalismus kritikwürdige Praktiken. Je weniger Zeit für Recherche bleibt, desto manipulativer wird der Journalismus.

Trotzdem entsteht der Eindruck, als Hochschulpräsident verrieten Sie der Gegenseite, wie man die Journaillle am besten austrickst.

Das ist eine fundamentalistische Sicht, die von einem idealisierten Bild des Journalismus lebt und von einer Dämonisierung der PR. Um zu lernen, wie man eine Sauerei begeht, braucht man nun wirklich keine Hochschule. Dafür genügt im Zweifel die Praxis. Ich begrüße den Ansatz, dass sich PR-Arbeit professionalisiert.

In welcher Richtung?

Ich habe mich schon als Journalist immer darüber geärgert, wenn auf der Gegenseite gemauert wurde. Dabei lehrt doch die Erfahrung: Transparenz ist ein Gebot der Klugheit.

Steht das Fach Ethik auf dem Stundenplan?

Ja, in jedem Studiengang. An aktuellen Beispielen aus der Praxis lernen die Studenten ethische Standards in der PR. Nehmen Sie das Beispiel der Bahn, die versucht hat, das Problem mit den Klimaanlagen herunterzuspielen. Das war nicht professionell.

Wie hätte sich die Bahn nach den ethischen Standards der Akademie verhalten sollen?

Der Konzern sollte offen darlegen, dass und wie der Kostendruck Probleme erzeugt. Nur Offenheit schafft Vertrauen.

Im Magazin Der Spiegel werden Sie mit den Worten zitiert, die Gesellschaft könne sich nicht mehr darauf verlassen, dass der Journalismus die Wirtschaft kontrolliere. Auch in den PR-Abteilungen der Unternehmen müssten Menschen sitzen, die begriffen haben, dass nur Transparenz und Offenheit für Glaubwürdigkeit sorgen. Das war ein Witz, oder?

Ganz im Ernst: Wenn PR wichtiger wird und Journalismus partiell schwächer, muss PR umso mehr ethischen Standards genügen.

Was genau ist Ihre Aufgabe als Hochschulpräsident?

Ich bin nicht etwa nur Galionsfigur, ich trage eine zentrale Verantwortung für die Hochschule.

Konnten Sie schon ehemalige ARD-Kollegen als Gastdozenten gewinnen?

Ich hab es noch nicht versucht, sehe da aber kein Problem. Die alten Kollegen kennen mich und wissen, dass ich diese Aufgabe aus sachlicher Überzeugung angenommen habe.

Ist es nach dem Schleichwerbeskandal in der ARD nicht etwas instinktlos, wenn jetzt ausgerechnet ihr ehemaliger Vorsitzender die Seite wechselt?

Mit diesem Skandal vor fünf Jahren hat das nichts zu tun. Damals sahen wir uns als Aufsichtsräte vom Geschäftsführer einer Tochterfirma hinters Licht geführt, wir haben das aufgeklärt und Konsequenzen gezogen. Im Übrigen ist ja jeder Intendant auch der oberste Lobbyist und PR-Mann seines Senders und damit auch der Journalisten dort.

Interview: Antje Hildebrandt

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